Monthly Archives: April 2014

Der unbekannte Südosten Polens rückt näher

Die Lufthansa fliegt ab Juli regelmäßig von Frankfurt nach Lubin

Die Lufthansa nimmt die erste Flugverbindung von Deutschland in die südostpolnische Stadt Lublin auf. Ab dem 3. Juli 2014 wird es zweimal wöchentlich, jeweils am Donnerstag und Sonntag, Flüge von Frankfurt am Main zum neu eröffneten Regionalflughafen in Lublin geben. Jan Wawrzyniak, Direktor des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Deutschland, sieht darin eine Chance für die Entwicklung des Tourismus in der Region. „Viele Geheimtipps werden nicht mehr lange geheim bleiben“, vermutet er, „denn die einzigartigen Kulturstädte und Naturlandschaften im Südosten Polens sind jetzt für viele deutsche Besucher bequem zu erreichen.“
Zamość ist ein außergewöhnliches Architekturensemble. Eine ideale Stadt ganz im Geist der Renaissance wollte ihr Gründer Jan Zamoyski im späten 16. Jahrhundert schaffen. Der aus Padua stammende Architekt Bernardo Morando entwarf für ihn die Stadt praktisch aus dem Nichts. Bis heute blieb die Altstadt von Zamość in ihrer Struktur erhalten. Farbenfrohe repräsentative Bürgerhäuser mit Laubengängen umgeben den quadratischen Marktplatz, das Rathaus mit seiner geschwungenen Freitreppe bildete die prächtige Kulisse für viele Filme. Seit 1992 gehört die Altstadt von Zamość zum Weltkulturerbe der UNESCO, als einzigartiges Ensemble von Renaissancebauten nördlich der Alpen.
Wer die Geburtsstadt von Rosa Luxemburg besucht, ist begeistert über die architektonische Pracht und die mediterrane Atmosphäre rund um den Marktplatz. Doch bislang fanden erst wenige deutsche Touristen den Weg nach Zamość – denn dieser Weg war beschwerlich. Rund 1.300 Kilometer sind es von Frankfurt am Main dorthin; auch von den Flughäfen in Warszawa (Warschau) oder Kraków (Krakau) musste man erst noch eine mehrstündige Weiterfahrt einplanen. Durch die neue Flugverbindung rückt Zamość nun näher an Deutschland heran.
Auch die hoch über der Weichsel gelegene Künstlerkolonie Kazimierz Dolny ist für deutsche Touristen künftig leichter erreichbar. Die im Renaissancestil erbauten Kaufmannshäuser auf dem Markt und die prachtvollen Speicher an der Weichsel künden vom früheren Reichtum der Stadt, deren reizvolles Panorama bis heute viele Maler und Fotografen in ihren Bann zieht.
Nicht zuletzt Lublin, Hauptstadt und Namensgeberin der ostpolnischen Woiwodschaft, lohnt mit seiner Fülle von bedeutenden Bauwerken und Kunstschätzen einen Besuch. Mehr als ein Viertel der rund 360.000 Einwohner sind Studenten, entsprechend vielfältig ist das Freizeit- und Unterhaltungsangebot. In den engen Gassen und auf den Plätzen der Altstadt reihen sich Gaststätten, Cafés und Restaurants aneinander; bis spät nach Mitternacht tobt dort am Wochenende das Leben. Die Altstadt bildet auch die Kulisse für viele Freiluftveranstaltungen in den Sommermonaten, wie das viertägige Festival der Zauberer Ende Juli, das an einen Roman des Literaturnobelpreisträgers Isaak B. Singer anknüpft.
Nicht nur mit seinen Renaissancebauten weckt der Südosten Polens Assoziationen an Italien. Die Landschaft rund um den Roztoczański-Nationalpark mit ihren sanften grünen Hügeln wird gerne als ?polnische Toskana“ bezeichnet. Der Nationalpark ist bekannt als Heimat der Koniks, der dort freilebenden polnischen Wildpferde. Großflächige Torfmoore prägen hingegen den Polesie-Nationalpark, der ein bedeutender Brut- und Nistplatz für viele seltene Vogelarten ist. Auf einem 280 Kilometer langen Reitweg kann man den Polesie-Nationalpark und den nahe gelegenen Grenzfluss Bug erkunden. Auch zahlreiche Rad-, Wander- und Kajakrouten führen durch den dünn besiedelten Südosten Polens.
Auf ihren Verbindungen nach Lublin setzt die Lufthansa Maschinen des Typs Airbus A319 mit 138 Plätzen ein. Der vor gut einem Jahr fertiggestellte Flughafen Lublin verfügt über einen direkten Bahnanschluss ins Zentrum der Stadt. Außerdem gibt es Busverbindungen nach Lublin und Zamość. Mietwagen nationaler und internationaler Anbieter sind vor Ort erhältlich. Informationen zu den Flügen unter www.lufthansa.com, zu touristischen Angeboten der Woiwodschaft unter www.lubelskietravel.pl Allgemeine Auskünfte über Reisen nach Polen erteilt das Polnische Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel

Polen und das Programm der „Östlichen Partnerschaft“

Titelseite der Gazeta Wyborcza.  Foto: Politt

Titelseite der Gazeta Wyborcza. Foto: Politt

Können die Polen Russland und die Ukraine unterscheiden?

Polen und das Programm

der „Östlichen Partnerschaft“

„Gazeta Wyborcza“ appelliert an den Westen unnachgiebig zu sein

Von Holger Politt

Vor einigen Jahren wurde ich in Prag gefragt, ob die Menschen in Polen Ukrainer von Russen, überhaupt die Ukraine von Russland unterscheiden könnten. Ich bejahte, erhielt als Antwort aber, dies könne man in Tschechien in der Regel nicht. Jetzt würde die Frage lauten, ob die Menschen in Polen tatsächlich an einen EU-Beitritt der Ukraine glaubten. Die bejahende Antwort läge auf der Hand.

Tatsächlich gibt es unter allen EU-Ländern nur in Polen ein solch klares Stimmungsbild, denn in den drei baltischen Republiken deren offizielle Politik den Standpunkt Polens in dieser Frage teilt, liegen die durch die Nationalitätenzusammensetzung bedingten Mehrheitsverhältnis wiederum anders. Diese spezifische Sicht in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland vermochte es, sich in handfeste Politik zu äußern. Mit starker Unterstützung des schwedischen Außenministers Carl Bildt wurde nach dem kurzen russisch-georgischen Krieg im August 2008 das Programm der „Östlichen Partnerschaft“ an die Spitze der EU-Ostpolitik gehievt.

Es betrifft die Beziehungen zwischen der EU zu sechs östlichen Nachbarländern – zur Belarus, zur Ukraine, zur Moldowa, zu Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Allesamt ehemalige Sowjetrepubliken, denen möglichst enge Beziehungen zur EU eingeräumt werden sollen. Während etwa Deutschland das nicht unbedingt als eine Beitrittsperspektive verstehen will, gehört diese für Polen grundsätzlich dazu. Die Belarus ist augenblicklich ein politischer Sonderfall, der mehr oder weniger auf Eis liegt. Am weitesten in Richtung engerer Partnerschaften bewegten sich Georgien und Moldowa, deren Vertreter im November 2013 in Vilnius Assoziierungsabkommen paraphiert haben. Doch beide Länder haben auf ihrem Territorium sogenannte abtrünnige Republiken, die unter besonderem Schutz Russlands stehen. In beiden Fällen wird dieser Schutz militärisch durchgesetzt.

Das entscheidende Land in diesem Programm der „Östlichen Partnerschaft“ aber war von Anfang an die Ukraine. Der enge Schulterschluss insbesondere zwischen Polen, Litauen, Lettland und Estland in dieser Frage ist verständlich, allen geht es darum, der Ukraine langfristig eine Beitrittsperspektive einzuräumen. So nimmt es nicht Wunder, dass diese Frage auch für die Außenpolitik Polens seither von zentraler Bedeutung ist.

In der Warschauer Straße Nowy Swiat wurde ein Informationscentrum für ukrainische Bürger eingerichtet.Foto: Kumpf

In der Warschauer Straße Nowy Swiat wurde ein Informationscentrum für ukrainische Bürger eingerichtet. Foto: Kumpf

Eine Zuspitzung erfolgte, nachdem Wiktor Janukowytsch im November 2013 seine bereits in Aussicht gestellte Unterschrift unter das ausgehandeltes Assoziierungsabkommen auf Druck Moskaus kurzfristig zurückzog. Mit der dynamischen Entwicklung regierungsfeindlicher Demonstrationen in Kiew und anderen westlichen Landesteilen entstand Ende Januar 2014 eine dramatische Situation, die Polens Ministerpräsident Donald Tusk zum Anlass nahm, in einem Fernsehinterview den Standpunkt seiner Regierung ausführlicher zu erläutern. Seine Regierung werde sich auch weiterhin entschieden für eine EU-Beitrittsperspektive der Ukraine einsetzen, die Tür zur EU müsse offen bleiben. Nicht zu übersehen war, wieviel Temperament des einstigen „Solidarność“-Kämpfers dabei zum Tragen kam.

Im öffentlichen Meinungsbild gab es nur wenig Widerspruch. Zwar hielten einige Kommentatoren die Strategie der „Östlichen Partnerschaft“ für gescheitert, auch wurde darauf verwiesen, wie anders die Situation der Ukraine im Vergleich zu der Polens nach 1990 sei, doch grundsätzlich wurde der eigene Weg in die EU-Strukturen und die Entwicklung seither als nachahmenswertes Vorbild auch für die Ukraine gesetzt. Große Bedeutung hat dabei auch die Tatsache, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, welches Anfang der 1990er Jahre in beiden Ländern noch annähernd gleich gewesen war, in Polen heute dreimal so hoch ist wie beim östlichen Nachbarn.

Polens Außenminister Radosław Sikorski, der am 21. Februar 2014 in Kiew nach blutigen Zusammenstößen zusammen mit Frank-Walter Steinmeier jenes Papier unterzeichnete, das anschließend den letzten Anstoß zum Sturz von Janukowytsch gab, sah diesen Ausgang als Bestätigung der eigenen Linie und für die Folgerichtigkeit des Programms der „Östlichen Partnerschaft“. Der verwaiste Lenin-Sockel, vor dem er sich in wenig diplomatischer Pose am selben Tag ablichten ließ, gehört zu dieser Überzeugung dazu.

Nachdem Russland als Antwort auf den Janukowytsch-Sturz kurzerhand die Krim abriegelte und mit militärischen Mitteln in Besitz nahm, gibt sich Polens Außenpolitik entschieden und unnachgiebig. Jetzt gebe es zur EU-Perspektive der Ukraine keine Alternative. Aufschlussreich ein Kommentar in der „Gazeta Wyborcza“ vom 6. März 2014. Darin wird an den „Westen“ appelliert, jetzt weniger nachgiebig zu sein als 2008 in Georgien, als letztlich, wenn auch widerwillig und uneingestanden der neue Status quo akzeptiert worden sei. Der Kreis schließt sich, denn damals wurde aus der entstandenen Not heraus die „Östliche Partnerschaft“ erfunden.

Solidarność aktiv gegen Lidl

Protestaktion der Solidarnosc vor einer Lidl-Filiale.

Protestaktion der Solidarnosc vor einer Lidl-Filiale.

Arbeitnehmervertreterinnen der Discounterkette entlassen.

Solidarność aktiv gegen Lidl

Die Gewerkschaft rief zum Boykott auf

Von Gudrun Giese

Dass die Arbeitsbedingungen bei Lidl in Polen noch schlimmer sind als in so manchem anderen europäischen Land, wurde schon in dem 2006 erschienenen Schwarz-Buch Lidl Europa belegt. Seitdem hat sich bei der in Neckarsulm ansässigen Discounter-Kette im östlichen Nachbarland einiges verändert. Allerdings: zum Schlechteren. „Nur wer 1800 Produkte stündlich über den Scanner zieht, bekommt den vollen Lohn“, sagte Jan Mosinski, Vorsitzender der Gewerkschaft NSZZ Solidarność in der Wojewodschaft Wielkopolskie, kürzlich bei einer Veranstaltung. Und dieser Lohn liege nur bei einem Viertel dessen, was deutsche Lidl-Beschäftigte erhalten – bei steigenden Lebenshaltungskosten. Da zudem in den 500 polnischen Filialen immer weniger Personal beschäftigt wird und die Arbeitsbelastung stetig wächst, sollte die Gründung einer Betriebsorganisation der Gewerkschaft (entspricht in etwa einem Betriebsrat) bei der Abhilfe der Missstände helfen. Im Januar 2013 nahm die Arbeitnehmervertretung ihre Arbeit auf, elf Monate später erhielten die Vorsitzende und ihre Stellvertreterin die außerordentliche Kündigung. Aus diesem Grund rief die Gewerkschaft Anfang Februar zum Boykott der Discounter-Filialen auf.

In kleinster Münze bezahlt

„Anfangs hatte ich gehofft, dass Lidl einfach nicht wusste, wie es in vielen Filialen zugeht – und dass das Unternehmen mit uns kooperieren würde“, sagt die gekündigte Vorsitzende Justyna Chrapowicz. „Doch sehr schnell war klar, dass der Arbeitgeber keinerlei Interesse hatte, sich mit den Problemen zu befassen.“ Ihr bitteres Resümee: Die Geschäftsleitung diffamierte ihr Gremium als „illegal“. Bei Treffen mit Vertretern der Geschäftsleitung gab grundsätzlich Lidl die Themen vor. Nachdem die Gewerkschaft erste Protestaktionen vor Lidl-Filialen gestartet hatte, kam postwendend die Kündigung für Justyna Chrapowicz und ihre Stellvertreterin.

„In Deutschland, wo Lidl zu Hause ist, wäre die Kündigung von Gewerkschaftsfunktionären und eine offene Bekämpfung einer legal agierenden Gewerkschaft undenkbar“, heißt es im Boykott-Aufruf von Solidarność. Bei verschiedenen Aktionen vor den Filialen erreichte die Gewerkschaft inzwischen etliche Kunden, die sich nach der Lektüre eines Flugblatts über die Arbeitsbedingungen bei Lidl für den Einkauf anderswo entschieden. „Wichtig ist, die Menschen über die miserablen Arbeitsbedingungen bei Lidl zu informieren“, erklärt Lukasz Kopec von Solidarność. „Wer weiß, dass das Unternehmen trotz steigender Umsätze Personal abbaut und keine Sozialleistungen gewährt, unterstützt unsere Aktion.“ Solidarność hofft, mit dem Boykottaufruf den Erfolg einer ähnlichen Aktion gegen die Handelskette Biedronka vor einigen Jahren zu wiederholen. Dort werden inzwischen Arbeitnehmerrechte respektiert und bessere Löhne gezahlt.

Am 1. März rief Solidarność zu einem ungewöhnlichen Einkauf bei Lidl auf: Bezahlt wurden alle Waren nur mit 1-Groszy-Münzen, den kleinsten Einheiten der polnischen Währung. Weitere Aktionen sollen folgen. Unterstützung gab es anlässlich des Internationalen Frauentags auch bei einer Veranstaltung des DGB Berlin-Brandenburg, die sich ebenfalls mit den Arbeitsbedingungen bei Lidl Polen befasste.                  <<

Lidl-Pressekonferenz der Gewerkschaft Solidarnosc im Januar 2014

Lidl-Pressekonferenz der Gewerkschaft Solidarnosc im Januar 2014

Der Artikel erschien zuerst in „public“, der Zeitung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Wir danken der Redaktion und der Autorin für die Nachdruckrechte.

Nach Redaktionsschluss erhielten wir die Nachricht, dass Lidl inzwischen ankündigte, die Löhne um rund 7 % anzuheben und das Einstiegsgehalt auf 2000 Zloty (ca 490 Euro) zu steigern (Der Mindestlohn liegt bei 1680 zl). Innerhalb von zwei Jahren soll das Gehalt dann auf 2600 zl steigen. Damit erhöhten sich die Löhne bei Lidl in fünf Jahren um rund 40 Prozent. Das Unternehmen kann sich das leisten. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz von Lidl in Polen bei rund 10 Milliarden Zloty. Weiterhin wirft die Gewerkschaft dem Unternehmen jedoch vor, unter anderem Überstunden nicht korrekt abzurechnen.(die Redaktion)

Von Klassik bis Jazz und für Kids

Polnische Jubelkonzerte zu Chopins 204. Geburtstag

Von Klassik bis Jazz und für Kids

Von Hans Kumpf

 

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In Deutschland feiert man Anno Domini 2014 den 300. Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach, die Polen bejubeln im veranstalterischen Fortissmimo derweil ein ziemlich krummes Datum ihres musikalischen Nationalhelden. Fryderyk Chopin wurde 1810 geboren, dies ist klar. Ob am 22. Februar oder am 1. März – darüber streiten sich die Gelehrten nach wie vor. Deshalb wird wieder sicherheitshalber über den gesamten achttätigen Zeitraum (wenn’s nicht gerade ein verlängerndes Schaltjahr ist) romantisch-beseelt primär pianistisch musiziert. Und dies vielfach bei freiem Eintritt.

An zentraler Stelle steht dabei das Festival „Koncerty Urodzinowe Chopina“, also Konzerte zum Geburtstag Chopins. Die bewährte „klassische“ Interpretin Joanna Lawrynowicz bewerkstelligte an den 88 Tasten den würdigen Auftakt, zum fulminanten Finale wurde Andrzej Jagodzinksi geladen, der mit seinem Klavier-Kontrabass-Schlagzeug-Trio als erster in Polen die edlen Werke des alten Meisters auf CDs verjazzte – in Anlehnung zu „Play Bach“ des Franzosen Jacques Loussier.

Ein Novum auf dem historischen Areal der Krakowskie Przedmieście („Krakauer Vorstadt”), wo der junge Frédéric Chopin vor seiner Emigration 1830 kurz wohnte, waren jetzt spezielle Nachmittagskonzerte für Kinder und Workshops. Chopin in familiärer Bande.

Das zweite Hörfunkprogramm des Polnischen Radios schlug unüberhörbar am 1. März zu, als um 12 Uhr Mittag in einer Direktübertragung von Chopins Geburtshaus in Zelazowa Wola an das 204. Wiegenfest des Meisters erinnerte. Es spielte Akiko Ebi. In der Hauptstadt gab es dann um 18 Uhr in der Nationalphilharmonie einen offiziellen Festakt mit viel Musik.

ZusammenWachsen in Europa

30 Jahre GFPS:

ZusammenWachsen in Europa

Von Lisa Schulze

Auch 25 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, der ideologischen und tatsächlichen Spaltung Europas in „Ost“ und „West“ wird noch viel zu oft hinter den Grenzen des eigenen Landes das Unbekannte, das vermeintlich Fremde vermutet. Gegenseitige Unkenntnis aber lässt Vorurteile gedeihen, die Berührungsängste hervorrufen und gar in gegenseitige Ablehnung umschlagen können. Der Blick nach nebenan allerdings zeigt, dass uns viel mehr verbindet als trennt und zudem unterschiedliche Auffassungen und Herangehensweisen in Politik, Kultur und Gesellschaft fruchtbar gemacht werden können, um voneinander zu lernen.

So möchte auch die GFPS (Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa) mit ihrem Engagement in Polen, Deutschland, Tschechien und Belarus dazu beitragen, dass in Europa, welches nicht hinter den Grenzen der Europäischen Union endet, noch mehr Brücken gebaut werden. In der Begegnung miteinander das gegenseitige Wissen übereinander zu vergrößern, Neugierde für die Nachbarländer zu wecken, Anknüpfungspunkte zu schaffen, – das ist das Ziel der Arbeit der GFPS.

Sie versteht sich dabei als Teil einer Graswurzelbewegung, die schon vor den politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozessen der neunziger Jahre in Mittel- und Osteuropa „Löcher in den Eisernen Vorhang bohren“ wollte, wie es der Vereinsgründer Georg Ziegler ausdrückte. Daher kann die GFPS bereits auf eine langjährige Geschichte zurückblicken und begeht im Jahr 2014 ein vierfaches Jubiläum. GFPS e.V. feiert ihr 30-jähriges Bestehen, GFPS-Polskas Gründung liegt 20 Jahre zurück, GFPS-CZ besteht seit 15 Jahren und das Belarusprogramm begann vor 10 Jahren. Das Jubiläumsjahr wurde am 21. Februar 2014 in Anwesenheit der Schirmherrin von GFPS e.V. Prof. Gesine Schwan, dem ehemaligen GFPS-Stipendiaten und derzeitigen polnischen Botschafter in Berlin Dr. Jerzy Margański und dem Vereinsgründer Georg Ziegler feierlich in Berlin eröffnet.

Das Herzstück der ausschließlich ehrenamtlich organisierten Vereinsaktivitäten ist das schon lange erfolgreiche Stipendienprogramm. Die Unterstützung unterschiedlicher Förderer ermöglicht es tschechischen, polnischen und belarussischen Studierenden ein Semester an einer deutschen Hochschule zu verbringen. Für Deutsche bieten GFPS-Polska und GFPS-CZ Studien- und Sprachkursstipendien in Polen und in Tschechien an. Seit einigen Semestern können Tschechen und Deutsche als Praktikanten das jeweils andere Land kennen lernen und seit einem Semester können Belarussen in Polen studieren. Bisher haben so über 1000 Stipendiaten ihre Nachbarländer kennengelernt. Außerdem haben junge Menschen auf Tandemsprachkursen für Polnisch, Deutsch, Tschechisch und mittlerweile auch (Bela)russisch die Möglichkeit ihre Sprachkenntnisse zu erproben. Darüber hinaus organisieren wir zahlreiche Seminare und kulturelle Projekte, die stets gleichermaßen intensive Auseinandersetzung mit bestimmten Themen und großes Vergnügen sind.

Im Jahr 2014 stehen unsere Veranstaltungen unter dem Motto „ZusammenWachsen“. Dies ist im doppelten Wortsinn zu verstehen. Einerseits verweist dieser Leitgedanke auf das Zusammenwachsen, auf die Verbindung miteinander; andererseits auf das Zusammen Wachsen, die gemeinsame Weiterentwicklung. Zu Beginn des Jahres haben wir auf Seminaren in Berlin und in Ústí nad Labem den gesamtgesellschaftlichen Kontext der Ausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen in Ostmitteleuropa in den letzten 30 Jahren ebenso beleuchtet wie den konkrete Beitrag, den die GFPS in dieser Entwicklung leistete. In einem zweiten Schritt soll es auf einer Konferenz in Warschau (22. – 25. Mai) darum gehen, Perspektiven und Entwicklungspotentiale für die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren in Ländern der östlichen Partnerschaft (v.a. Belarus und Ukraine) zu diskutieren. In Hinblick auf die aktuellen politischen Entwicklungen ist eine wirkliche Aktivität in diesem Bereich, die über bloße Solidaritätsbekundungen hinausgeht, von besonderer Dringlichkeit.

Aktiv gelebte Solidarität war auch für die Entstehung der GFPS von großer Bedeutung. Die Anfänge der GFPS sind dabei im Zusammenhang der sich in den 1980er Jahren entwickelnden Graswurzelbewegungen zu sehen, die unterhalb der (über)staatlichen Ebenen agierten und so zu einer europäischen Einigung durch den Austausch der Menschen in „Ost“ und „West“ beitrugen.

Anfang der 1980er Jahre war es für polnische Studierende fast unmöglich, einen Studienaufenthalt in der Bundesrepublik zu verbringen. Umgekehrt war dies für Studierende aus der Bundesrepublik nicht annähernd so kompliziert. Es war jedoch äußerst ungewöhnlich

in einem Land des „Ostblocks“ zu studieren. Der Freiburger Student Georg Ziegler entschied sich aber bewusst für einen längeren Aufenthalt an der Katholischen Universität Lublin.

Nach seiner Rückkehr, reich an Erfahrungen und positiven Eindrücken, wollte er wenigstens einem von seinen polnischen Kommilitonen allen politischen Barrieren und Bürokratie zum Trotz ein Semester in Freiburg ermöglichen. So entstand die Idee der privaten Spendenaktion „30×20“: 30 Personen gaben jeweils für fünf Monate 20 DM.

Um jedoch möglichst vielen polnischen Studierenden einen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen, mussten weitere Wege der Finanzierung gefunden werden. Daher gründete sich 1984 in Freiburg ein Verein mit dem etwas sperrigen Namen GFPS – »Gemeinschaft zur Förderung von Studienaufenthalten polnischer Studenten in der Bundesrepublik Deutschland e.V.«. In den folgenden Jahren förderte zunächst die Robert-Bosch-Stiftung die Aktivitäten des jungen Vereins. Hinzu kamen andere Institutionen, wie z.B. die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, das Deutsch-Polnische Jugendwerk, die Zeit-Stiftung, der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds sowie „Jugend in Aktion“.

Um die Betreuung der Stipendiaten kümmern sich seit jeher sogenannte Stadtgruppen, die von Anfang an die Basis der dezentralen GFPS-Struktur bilden: Freunde und Mitglieder der GFPS erledigen die Zulassung der Stipendiaten an der Universität, suchen ein Zimmer, helfen bei der Erledigung der Formalitäten und erleichtern das Einleben. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs engagierte sich auch der DAAD stärker in Polen und das Tempus-Programm der EU begann zu greifen. Die GFPS zeigte sich allerdings nun erst recht als eine Organisation, die neben der finanziellen Hilfe besonders auf den persönlichen Kontakt zwischen deutschen, polnischen sowie seit 1999 auch tschechischen und 2004 belarussischen Studierenden Wert legt. Viele langjährige Freundschaften zeugen vom Erfolg des Konzepts.

Im Jahr 1994 gründeten ehemalige Stipendiaten die polnische Partnerorganisation GFPS-Polska, die seitdem deutschen und mittlerweile auch belarussischen Studierenden einen Studienaufenthalt in Polen ermöglicht und unter der Schirmherrschaft von Władysław Bartoszewski steht. 1999 gründeten tschechische Studierende in Ústí nad Labem die dritte Organisation im Bunde: Janua linguarum reserata (seit 2004 GFPS-CZ). Als Konsequenz aus dieser Entwicklung benannte sich die GFPS – unter Beibehaltung der weithin bekannten Abkürzung – um in »Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa«.

Gemeinsam bringen die Partnervereine GFPS e.V., GFPS-Polska und GFPS-CZ jährlich zahlreiche junge Menschen aus den vier Ländern zusammen. So ist ein stetig wachsendes Netzwerk entstanden, das nachhaltig dazu beiträgt, gegenseitige Kontakte positiv zu gestalten und zu einer guten Nachbarschaft zu gelangen. Für viele ist der Kontakt mit GFPS der Beginn von gesellschaftlichem Engagement. Damit ermutigt GFPS junge Leute, ihr Potential auszuschöpfen oder überhaupt erst einmal zu erkennen. Die Aktivitäten der drei GFPS-Vereine sind so ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Ausbildung eines Netzwerks von Engagierten, die zur Entwicklung einer gesamteuropäischen aktiven, handlungsfähigen Zivilgesellschaft beitragen.

Weitere Informationen zum Verein und seinen Aktivitäten finden Sie hier: www.gfps.org

Böse Spiele sind verboten

Das „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“

Böse Spiele sind verboten

Polnische Kinder in deutscher Fürsorgeerziehung

Von Friedrich Leidinger

Urszula Sochacka wurde in den späten fünfziger Jahren geboren. Nichts kam ihr an ihrer Familie auffällig vor. Dass man sich nicht in den Arm nahm, schien ihr normal, dass sie immer ein starkes Mädchen sein sollte, dass man nicht über Gefühle redete und sie noch weniger zeigte – auch. Sie zog früh zuhause aus, machte ihren Magister an der Jagiellonen-Universität in Krakau, ging danach an die berühmte Filmhochschule in Lodz, die sie als Filmregisseurin abschloss. Sie arbeitete beim Fernsehen und hatte Erfolg mit ihren Dokumentarfilmen.

Und dann kam der Tag im Dezember 2007, als sie die Garage ihres verstorbenen Vaters aufräumte, in einem Karton mit vielen unsortierten Papieren kramte, und einen Zettel fand, den Entlassungsschein aus dem „Polen-Jugendverwahrlager der Sicherheitspolizei in Litzmannstadt“. Plötzlich war die große Distanz, die sie ein Leben lang gefühlt hatte, einer schmerzhaften Nähe gewichen. Es kam ihr vor, als müsste sie gleich zu ihm laufen, zum ersten Mal verspürte sie Sehnsucht nach ihrem Vater. Ihr Vater, der eines von 12.000 Kindern des Lagers an der „Gewerbestraße“, vormals Ulica Przemysłowa, im von den deutschen Besatzern „Litzmannstadt“ genannten Lodz und einer von 900, die bis zum Schluss in dieser Hölle lebten, gewesen war. Niemand in der Familie, nicht ihre Mutter, nicht ihre Schwestern und sie selber auch nicht, hatte je darüber gesprochen. Sie fühlte sich schuldig, sie fragte sich, wie sie, wie die ganze Familie den Vater mit dieser Geschichte allein lassen konnte. Sie stellte sich Fragen über Fragen, sie, die Tochter eines Menschen, der als „asozialer und krimineller Jugendlicher“ in ein Lager gekommen war, die das Lagerschicksal ihres Vaters geerbt hatte. Sie wollte das, was in ihr aufgebrochen war, nicht wieder verschließen. Sie wusste die Botschaft ihres Vaters, die er ihr in der Garage hinterlassen hatte, zu deuten. Urszula Sochacka ließ sich von ihrem toten Vater auf eine Reise einladen, die sie an den Ort seiner Jugend und zu vielen noch lebenden Zeitzeugen führte. Es war am Ende auch eine Reise zum Vater und zu ihrer eigenen Rolle als Angehörige der zweiten Generation.

Sechs Jahre später ist ihr Reisebericht fertig, ein 70 Minuten dauernder Dokumentarfilm, produziert vom Fernsehsender TVN und der Krakauer Gesellschaft „U Siebie“. Er zeigt die Autorin auf der Suche nach Spuren und Zeugnissen, die vom Schicksal ihres Vaters und seiner Leidensgenossen berichten, und er zeigt, wie Kinder heute versuchen, sich in die Welt Gleichaltriger vor mehr als 70 Jahren zu versetzen, in die Welt von Kindern im Krieg und unter der deutschen Terrorherrschaft.

Und immer wieder die Frage der Schuld. Ein Kind ist unschuldig, aber wer als Kind bestraft wird, hat Schuld. Wofür? Wir hören: Zofia 11 Jahre alt, hatte die Hausherrin im Vorderhaus beim Schäferstündchen mit einem Polizisten beobachtet und das Geheimnis nicht für sich behalten. Alicja war Hausmädchen bei einer deutschen Familie. Als sie 3 Tage wegen einer Krankheit nicht zur Arbeit kam, wurde sie beim Arbeitsamt angezeigt. Jan wurde einfach mitgenommen, ohne zu wissen warum. Und Emilia schwänzte die deutsche Schule. Dafür kam man in ein KZ?

Das Jugend-KZ in Lodz war eine Einrichtung der Jugendfürsorge. Die Einweisung erfolgte auf behördliche Anordnung, die Begründungen sind individuell: „ … gefährdet durch Herumtreiberei deutsche Jugendliche …“, „ … obdachloser Streuner …“ oder „ … Obstdiebstähle, vor allem in deutschen Gärten …“, „ … Einweisung zum eigenen Schutz dringend erforderlich …“, „ … betreibt seit einem Jahr Schleichhandel …“, „ … zum Schutz vor vollkommener Verwahrlosung dringend erforderlich …“. Das jüngste Kind, dass in dem KZ an der Gewerbestraße aufgenommen wurde, war bei der Einweisung 2 Jahre und 3 Monate alt. Er überlebte. Wir lesen in alten Akten. Das Papier ist nur leicht vergilbt. Das Farbband der Schreibmaschine frisch. Deutsche Ordnung.

Aus den ehemaligen Häftlingen, die vor Sochackas Kamera erzählen, sprudelt nur so die Erinnerung. Ein Leben lang haben sie gewartet, dass ihnen jemand zuhört, dass sich jemand für ihre Geschichte interessiert. Nicht immer ließen sie ihre Familie über ihre Jugendzeit im Unklaren. Oft waren es gerade die Angehörigen, die zum Schweigen aufforderten: Vergiss das besser, das war doch nicht so schlimm, natürlich warst du unschuldig, aber für nichts, bist du doch nicht dahin gekommen. Oder: So ein Lager hat es gar nicht gegeben. Diese Kinder haben auch als Erwachsene noch geschwiegen. Sie wussten es besser, sie kannten das Lager, sie trugen es in sich. Als in den siebziger Jahren einige der Überlebenden die Aufnahme in den polnischen Verband der Widerstandskämpfer Zbowid beantragten, da wurden sie ausgelacht: Ihr Gesindel? Ihr Hooligans? Sie bestritten sogar die Existenz von Lagern in Lodz. Für sie gab es nur Auschwitz, Buchenwald, Majdanek.

Gibt es ein Bild für Hunger? Die Kamera fährt in Nahaufnahme über Kanapees. Wir hören Stimmen aus dem Off, eine Familienfeier? Ein Empfang? Wir denken an Kinder, die vor Hunger und Kälte weinen. Sattessen? Essen, bis du satt bist? Bogdan ist wirklich amüsiert über die Frage. Alicja hat ein Stück Zeitung abgerissen und gegen den Hunger gekaut. Jerzy hat einen älteren Jungen gesehen, der fing eine Maus, hielt sie am Schwanz, schlug sie gegen einen Betonpfosten und aß sie auf. Es gab wässrige Kohlsuppe. Wer einen Knochen fand, mörserte ihn zwischen Steinen zu Brei. Eine Delikatesse.

Die Tochter einer Überlebenden erinnert sich, wie sie als Kind immer alles aufessen musste. Sie durfte nicht aufhören zu essen. Wenn sie genug Brot und Butter hatte, gab es auch keinen Grund sich zu beschweren. Kapo-Mentalität nennt sie das. Das Lager lebt in den Kindern seiner Insassen weiter. Als seien die Eltern neidisch auf die Kinder, die es besser haben. Die Eltern sind es, die den Kindern Vorwürfe machen. „Da ist so ein tiefer Groll“.

Wir haben schon früher von Kindern in den Konzentrationslagern gehört. Anna Seghers „Nackt unter Wölfen“ setzte ihnen ein literarisches Denkmal. Es ist trotz aller Grausamkeit ein Monument der Humanität. Das Jugendverwahrlager in Lodz ist anders. Hier sind nur Kinder und Jugendliche unter den Häftlingen. Sie sind absolut schutzlos der Gewalt ihrer deutschen Aufseher und Erzieherinnen ausgeliefert. Einmal kommt eine Gruppe Kinder aus Auschwitz. Sie weinen nur und meinen, dort war es besser, weil ihnen dort die erwachsenen Häftlinge geholfen haben.

Hunger und Schläge. Die Schläge kommen spontan und ritualisiert. Die Kinder müssen mitzählen. Und wenn sie falsch zählen, geht es wieder von vorn. Mit dem Stock, mit der Peitsche, mit dem Schuh, mit der Holzlatte. Irgendwie muss man machen, dass man nicht auffällt. Ordnung und Sauberkeit. Mit Sand den Boden schrubben, mit dem Besen hinterher und dann alles wischen. Wasser mit der Hand pumpen, während ein SS-Mann mit seiner Lederpeitsche blutige Striemen auf die nackten Rücken der Jungen zeichnet. Kartoffeln für die Deutschen schälen. Weil sie dabei das Haar offen trägt, wird Zofia kahl geschoren und bekommt 5 Stockhiebe aufs Gesäß. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Straßen gewalzt, bei der Ernte geholfen, Nadeln gerade gerichtet, geputzt. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das Erziehungsziel war bedingungslose Unterordnung unter die deutschen Herren.

Wer sich nicht unterordnet, wer gegen die Lagerordnung verstößt, kommt ins Haus 8. Dort gibt es mehr Arbeit, mehr Prügel, weniger zu essen und zu trinken. Die Kinder sterben mit der Zeit, einfach so. Es führt kein Weg zurück. Und das Schlimmste: Da war ein Junge, der schlug die Elenden noch. Monatelang reist die Autorin durch Polen, zeigt den Zeitzeugen Fotos ihres Vaters, immer in der Angst, dass sie ihn erkennen, dass sie sagen, „der war’s, der hat uns geschlagen“. Wie sagt ein anderer Überlebender: „Eigentlich wundere ich mich, dass ich nach all dem noch irgendwelche Gefühle für andere Menschen haben kann.“ Denn, es gibt keine Solidarität untereinander. Jeder sorgt nur für sich und sein eigenes Überleben.

Der Tod war für die Kinder ein alltäglicher Begleiter. Kinder wurden beim Fluchtversuch erschossen, sie wurden mit kaltem Wasser übergossen, sie starben an Prügel und Hunger und sie vergingen einfach so.

Nach über hundert Gesprächen, in denen der Schmerz so frisch und die Angst so schrecklich war, als sei alles gestern passiert, gelingt es Urszula Sochacka ihren eigenen Schmerz zuzulassen. Sie spricht offen über die Traumatisierung, die sie als Tochter eines Häftlings erfahren hat, die Folgen der Antipädagogik, der Erziehung – nein, nicht des Hasses, denn das wäre letztendlich etwas Menschliches, sondern – der Herrenmenschen, also der Unmenschlichkeit. Eine Erziehung, die jede Selbstachtung und damit jede Achtung vor Anderen zu zerstören trachtet. Und die sich auf die nächste Generation fortpflanzt. Sie versteht ihr Gefühl von Verlassenheit, die Antwort auf das Gefühl von Verlassenheit, das ihren Vater gequält hat, weil sie ihn nie gefragt hat, weil er alles getan hat, damit sie nicht fragt. Und sie kann seine Verlorenheit anerkennen, seine geraubte Kindheit. Am Ende kann sie auch anerkennen, wie viel von seinen Talenten in ihr weiterlebt.

Der Film ist mehr als nur ein Dokumentarfilm. Er erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen Tochter und Vater und die Geschichte einer Selbstheilung, der Aneignung einer Lebensgeschichte, die Rekonstruktion einer zerstörten Kindheit.076

Ausgabe 2/2014

Ausgabe 2-2014,  1.4.2014, ist verspätet erst am 1.5. erschienen.

In dieser Ausgabe lesen Sie unter anderem:titelseiteklein
Seite  3      Tagung: Thema von Verzerrung befreien
Seite  8     „Polen hätte Europa und die Welt von Faschismus und Kommunismus befreien können !“ Ein Buch mit russophober Grundstimmung
Seite 11     Böse Spiele sind verboten – Filmbesprechung
Seite 14    Polen und das Programm der östlichen Partnerschaft
Seite 16    Die Geschichte des „Unabhängigkeitsmarsches“
Seite 19    Solidarność aktiv gegen Lidl
Seite 20   Das Kind der Anderen – Besprechung des Buches „Die Schule der Janitscharen“
Seite 25   30 Jahre GFPS
Seite 26   Chopin-Geburtstag mit Klassik und Jazz

Die gesamte Ausgabe als PDF können Sie mit Klick auf das kleine Titelbild downloaden. Sie benötigen zum Lesen das kostenlose Programm Adobe-Reader.