Yearly Archives: 2014

Jüngster Primas ernannt

Einzug der Bischöfe in die Kathetrale von Gniezno.   Foto: Forster

Einzug der Bischöfe in die Kathetrale von Gniezno. Foto: Forster

Am Pfingstsamstag wurde in Gniezno (Gnesen) der neue Erzbischof und Primas von Polen, Wojciech Polak, in sein Amt eingeführt. Zwei Wochen vorher war er vom Papst für diese Funktionen ernannt worden. Der bisherige Erzbischof und Primas Jozef Kowalczyk war nach nur vier Jahren im Amt aus Altersgründen zurückgetreten. Der 49jährige Polak ist der jüngste Primas in der Geschichte der polnischen Katholischen Kirche. An der Amtseinführung nahmen unter anderem die Ehefrau des polnischen Staatspräsidenten, Anna Komorowska, Senatsmarschall Bogdan Borusewicz sowie der Chef der Präsidenten-Kanzlei, Jacek Michałowski, teil.

Der neue Primas begrüßt seine Familie. rechts: Präsidentengattin Komoroska.

Der neue Primas begrüßt seine Familie. rechts: Präsidentengattin Komoroska. Foto: Höck

Zahlreiche Bischöfe und andere kirchliche Würdenträger nahmen an dem dreistündigen Festakt mit Gottesdienst teil.     Foto: Höck

Zahlreiche Bischöfe und andere kirchliche Würdenträger nahmen an dem dreistündigen Festakt mit Gottesdienst teil. Foto: Höck

Kaczyńskis PiS mit AfD in einer Fraktion

Die rechtspopulistische AfD wird im Europa-Parlament in der voraussichtlich drittgrößten Fraktion zusammen mit den britischen Konservativen (Tories) und der polnischen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ PiS von Jarosław Kaczyński zusammenarbeiten. Die britischen Konservativen waren 2009 aus der Europäischen Volkspartei ausgetreten und hatten mit der Fraktion der „Europäischen Konservativen und Reformisten“ ein Bündnis für Eurokritiker gebildet. Dennoch hatten sie in vielen Fragen eng mit mit der EVP zusammengearbeitet. Neben den Tories gehören der Fraktion die tschechische ODS und die polnische PiS. Nun wurden die sieben AfD-Abgeordnete aufgenommen.

Europaparlamentswahl in Polen

Nach Hochrechnungen gegen 21 Uhr gewinnt Tusk mit seiner PO mit knapp 33 Prozent, knapp dahinter die PiS von Kaczynski mit knapp 32 Prozent. Damit hat die PO über 12% verloren.

Die SLD erreicht 9,6, die Neue Rechte und die Bauernpartei jeweils 7 % Palikot erreicht nur 3,7 %

Die Wahlbeteriligung war mit unter 23 %auf einem neuen Rekordtief.

 

Wojciech Jaruzelski ist tot

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Der frühere polnische Partei- und Staatschef Wojciech Jaruzelski starb am Sonntag, 25. Mai 2014, im Alter von 90 Jahren im Militärkrankenhaus von Warschau. Von 1981 bis 1989 lenkte er die Geschicke Polens. 1981 hatte er im Kampf gegen die antikommunistische Solidarność-Bewegung den Ausnahmezustand (Kriegsrecht) verhängt.

Jaruzelski, der 2011 bekanntgegeben hatte, dass er an Lymphdrüsenkrebs leidet, war bereits seit einigen Monaten im Krankenhaus behandelt worden. Die letzten Tage hatte er auf der Intensiv-Station verbrachte, teilte der Kliniksprecher Grzegorz Kade mit.

Der 1923 in Kurow (Wojewodschaft Lublin) geborene General stammte aus einer Familie des katholischen Kleinadels. Der Großvater hatte 1863 am Aufstand gegen die Herrschaft des Zaren teilgenommen, was ihm acht Jahre Verbannung in Sibirien einbrachte. Der Vater kämpfte 1920 im polnisch-sowjetischen Krieg. Seine Schulzeit verbrachte Jaruzelski er in einem katholischen Marianneninternat. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1939 floh die Familie nach Litauen. Dort wurde sie von den 1941 einmarschierenden sowjetischen Truppen verhaftet und ins Altaigebirge deportiert, wo Jaruzelski und sein Vater Zwangsarbeit leisteten.  1943 schloss sich Wojciech Jaruzelski der neugegründeten Berling-Armee, einer polnischen Armee in der Sowjetunion, an und kämpfte gegen die Nazi-Wehrmacht. Mit seiner Aufklärungseinheit kam er auch in den Raum Berlin und betrat als einer der Ersten das befreite KZ Sachsenhausen. Damals schrieb er einen Brief an seine noch in Sibirien lebende Mutter. Darin ist ein Satz zu finden den er später als seine Lebensphilosophie beschrieb: Man müsse dem jeweils existierenden Polen dienen, wie auch immer das aussehe und was für Opfer auch immer es verlange.

1947 trat Jaruzelski im Nachkriegspolen in die PVAP ein, 1956, im Alter von 33 Jahren, wurde er General, 1968 Verteidigungsminister. Dann 1981, in der Zeit der Auseinandersetzungen mit  Solidarność, wurde er Ministerpräsident und Generalsekretär der Partei. Kurz darauf verhängte der den Ausnahmezustand (Kriegsrecht), wofür er 2007 vor Gericht gestellt wurde.

Von 1985 bis 1989 war Jaruzelski Staatsratsvorsitzender Polens. Von Februar bis April 1989 tagte in Warschau der Runde Tisch. Jaruzelski und Ministerpräsident Rakowski hatten die Gespräche zwischen Partei und Opposition eingerichtet. Ein Ergebnis war die Wiederzulassung der Solidarność, freie Wahlen zu einer neu geschaffenen zweiten Kammer, dem Senat, die Aufteilung der Sitze im Parlament. Nach den im Sommer stattgefundenen Wahlen wurde im Juli 1989 Jaruzelski zum Staatspräsidenten gewählt. Die konservative Tageszeitung DIE WELT kommentierte den Tod Jaruzelskis mit dem Satz „Er machte, als der Wind des Wandels wehte, den Weg frei zur Demokratie.

 

Rettet das Polnische Kulturinstitut Leipzig

Das Polnische Institut in Leipzig steht vor einer endgültigen Schließung im Juli 2014. Mit einer Petition wendet sich Die Bundesvereinigung der Polnisch-Lehrer jetzt an den Außenminister der Republik Polen Radoslaw Sikorski und an den Außenminister der Bundesrepublik Deutschland Frank-Walter Steinmeier, um sich für eine Lösung zum Erhalt des Polnischen Instituts Leipzig einzusetzen!

Sie können hier die Petition unterstützen

Thema von Verzerrung befreien

POLEN und wir – Ausgabe 2/2014 Seite 3

 

Politische Propaganda war der Klärung nicht förderlich

Thema von Verzerrung befreien

Wissenschaftliche Tagung „Gab es einen Stalin-Hitler-Pakt?“

Von Horst Teubert, London

Mit fast 80 Teilnehmern gut besucht war die von Prof. Dr. Christoph Koch, dem Vorsitzenden der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, organisierte wissenschaftliche Konferenz zum Thema „Gab es einen Stalin-Hitler-Pakt. Charakter, Bedeutung und Deutung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages vom 23.8.1939“, die am 21. und 22. Februar 2014 an der Freien Universität Berlin stattfand. Die vierte einer Reihe wissenschaftlicher Tagungen, die in der einen oder anderen Weise den deutsch-polnischen Beziehungen zwischen Kaiserreich und Gegenwart gewidmet waren, stand unter der Schirmherrschaft des ehemaligen polnischen Außenministers Władysław Bartoszewski. Sie wurde mitveranstaltet von der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft e.V., dem Centrum Badań Historycznych Polskiej Akademii Nauk w Berlinie, der Deutsch-Polnischen Akademischen Gesellschaft e.V., der Fédération Internationale des Résistants – Association Antifasciste und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Reges Interesse fand die von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland angeregte Tagung.Fotos: Karl Forster

Reges Interesse fand die von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland angeregte Tagung. Fotos: Karl Forster

 

 

Ihre besten Wünsche zum Gelingen der Tagung übermittelten neben Władysław Bartoszewski auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau und der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit. Die Botschaft der Republik Polen unterstützte die Tagung durch einen Empfang im Clubhaus der Freien Universität am Abend des ersten Konferenztags.

Prof. Dr. Christoph Koch, Veranstalter der Tagung und Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Prof. Dr. Christoph Koch, Veranstalter der Tagung und Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

 Der Veranstalter der Tagung, Prof. Dr. Christoph Koch, wies zur Eröffnung auf die auch in wissenschaftlichen Kreisen verbreitete Aufassung hin, die Hitler und Stalin gerade auch mit Blick auf den deutsch-sowjetischen Vertrag vom 23. August 1939 als „Spießgesellen“ und „Brüder im menschenverachtenden Geiste“ (so etwa die Präsidentin des „Bundes der Vertriebenen“, Erika Steinbach) charakterisiert. Ideologischer Kern dieses Zugriffs sei die sogenannte Totalitarismus-Theorie („Rot = Braun“), die darauf abzielt, zwei ihrem Wesen nach konträre Systeme in eins zu setzen. Die Motivation dieser Auffassung sei nicht wissenschaftlicher, sondern politischer Natur, und es gehöre zu den Aufgaben des Wissenschaftlers, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Am Beispiel des Tagungsthemas lasse schon der erste Blick einen zentralen Unterschied zwischen den angeblichen „Spießgesellen“ erkennen: Während Hitler den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag benötigte, um den Rücken für den Überfall auf Polen frei zu haben, habe Stalin ihn genutzt, um die sowjetische Verteidigung gegen den bevorstehenden deutschen Angriff aufzubauen. Koch erinnerte daran, dass „die politische Propaganda im Kalten Krieg auf beiden Seiten einer wissenschaftlichen Klärung der Dinge nicht förderlich“ war, und stellte fest, dass die führende Rolle im Bemühen um die Versachlichung der Diskussion derzeit der Geschichtswissenschaft in denjenigen Staaten zufällt, die nicht unmittelbar am Zustandekommen des „Hitler-Stalin-Pakts“ beteiligt oder von ihm direkt betroffen waren, dazu auch einem Teil der russischen Forschung. Die aktuelle Tagung solle dazu beitragen, das Thema von den Verzerrungen des Kalten Kriegs und des Antikommunismus westlicher und postsozialistischer Provenienz zu befreien.

 Zu Beginn der Tagung sprach Domenico Losurdo von der Universität Urbino über „Stalin und Hitler: Zwillingsbrüder oder Todfeinde?“ Losurdo wies zunächst darauf hin, dass in der Vergangenheit nicht nur Hitler und Stalin als „Zwillingsbrüder“ bezeichnet wurden. Mahatma Gandhi etwa habe – aus der Perspektive eines antikolonialen Kämpfers – Hitlers „Zwillingsbruder“ in Winston Churchill erkennen wollen; er habe dabei auf Hitlers wiederholt geäußerte Absicht verwiesen, in Osteuropa ein „deutsches Indien“ zu errichten. Ohne sich dieser Parallelisierung anzuschließen, erinnerte Losurdo daran, dass Hitler mit den deutschen Aggressionen in Osteuropa faktisch an alte koloniale Praktiken anknüpfte – mit dem Vorhaben, die osteuropäische Bevölkerung  zu versklaven, jegliche eigenständige Intelligenz zu vernichten und Berlin damit dauerhafte Herrschaft zu sichern. Demgegenüber habe Stalin – unabhängig von der Frage, wie man seine Politik sonst beurteile – quasi die antikoloniale Verteidigung gegen die koloniale Konterrevolution des NS-Reichs organisiert. In der anschließenden Diskussion hob Losurdo hervor, der von ihm beschriebene Analyse-Ansatz umfasse sicherlich nicht alle zentralen Aspekte; er öffne aber eine Perspektive, die – jedenfalls in der westlichen Welt, unter den Nachfahren der Kolonialisten – gern übersehen werde.

 Annie Lacroix-Riz (Université Paris VII – Denis Diderot) sprach zum Thema „Frankreich zwischen der Dreierallianz und einem Kompromiss mit dem Reich in den Jahren 1938 und 1939“. Lacroix-Riz hob hervor, dass 1938 in Paris die Befürworter einer Verteidigungsallianz gegen Berlin vollkommen isoliert waren. Das offizielle Frankreich, nicht zuletzt unter dem Einfluss etwa von André François-Poncet, dem französischen Botschafter in Berlin (1931 bis 1938) und Interessenvertreter des mächtigen Industrieverbandes Comité des Forges de France („Hüttenkomitee“), tat sogar fast alles, um Deutschland zu Gefallen zu sein. Überdeutlich wurde dies etwa beim Besuch des deutschen Außenministers Joachim von Ribbentrop am 6. Dezember 1938, als in Paris „Bewunderung“ für die antisemitische Politik des Reichs geäußert und zwei jüdische Minister nicht zu Ribbentrops Empfang eingeladen wurden. Lacroix-Riz erinnerte an die Maßnahmen gegen Errungenschaften der französischen Arbeiterbewegung, die innenpolitisch die Annäherung an Deutschland begleiteten. Außenpolitisch habe Frankreich dem Reich faktisch freie Hand in Osteuropa gelassen. Polen etwa sei zwar offiziell immer wieder als Bündnispartner bezeichnet worden, es habe in Paris – nachweislich wider besseres Wissen – Lobreden auf die angebliche Stärke der polnischen Armee gegeben; tatsächlich aber sei schon seit Herbst 1938, verstärkt seit April/Mai 1939 ein „zweites München“ vorbereitet worden, das Polen galt.

Geoffrey C. Roberts (University College Cork) führte die Analyse mit einem Vortrag über die „Ursprünge der Teilung Polens durch die Nazis und die Sowjets: Die Moskauer Perspektive“ fort. Roberts wies darauf hin, dass die Sowjetunion sich nach dem Münchner Diktat zunächst um eine Annäherung an Polen und um eine Dreierallianz mit Großbritannien und Frankreich bemühte, um sich den absehbaren deutschen Aggressionen entgegenzustellen. Die Bemühungen scheiterten: Die polnisch-sowjetischen Beziehungen verschlechterten sich, als Warschau – im Gegensatz zu Moskau – nach dem deutschen Einmarsch in Prag neutral blieb und den Berliner Marionettenstaat Slowakei anerkannte; die Dreierallianz kam wegen der sowjetischen Forderung nach einem Durchmarschrecht durch Polen nicht zustande. Erst dann bemühten sich die Sowjets um eine Übereinkunft mit dem NS-Reich. Roberts zufolge hat der am 23. August unterzeichnete Nichtangriffsvertrag im Kern nichts mit einer Teilung Polens zu tun. Moskau sei es vor allem darum gegangen, die Deutschen aus den baltischen Staaten herauszuhalten, um einen Angriff entlang der Ostseeküste abzuwehren; Polen habe für Moskau erst an zweiter Stelle gestanden. So erkläre es sich, dass die Sowjetunion nach dem deutschen Überfall 1941 die Aufteilung Polens widerrufen und die Wiederherstellung des Landes unterstützt habe; Gleiches erfolgte hinsichtlich der baltischen Staaten nicht.

 Sergej Kudrjašov vom Deutschen Historischen Institut Moskau befasste sich mit der Frage „Warum wählte Stalin Hitler? Die Entwicklung der sowjetischen Politik in den Jahren 1938-1939“. Kudrjašov rief zunächst in Erinnerung, dass sich im Spanischen Bürgerkrieg und dann mit dem Münchner Diktat die Auffassung Moskaus zu bestätigen schien, Großbritannien und Frankreich sähen im Bolschewismus eine größere Gefahr als im Nationalsozialismus; ein Bündnis mit ihnen gegen Deutschland sei deshalb schwer zu erreichen. Gleichzeitig hätten die Sowjets – nach dem Muster des vorangegangenen Jahrzehnts – eine ökonomische Kooperation mit den Deutschen angestrebt. Erst im Sommer 1939 habe es dazu Angebote auf deutscher Seite gegeben, allerdings solche, „die Stalin nicht ablehnen konnte“, hob Kudrjašov, gestützt auf neu freigegebene Moskauer Archivalien, hervor. So habe der Nichtangriffsvertrag vom 23. August der Sowjetunion nicht nur Zeit zur Vorbereitung auf ihre Verteidigung gegeben; Berlin habe im Rahmen der wirtschaftlichen Kooperation sogar die Weitergabe militärischer Technologien gewährt. Habe man sich zuvor noch abgestürzte deutsche Kampfflieger aus Spanien besorgen müssen, um Kenntnisse darüber zu erwerben, so hätten die Deutschen nun vieles freiwillig geliefert. Damit habe Moskau nicht zuletzt die eigene Verteidigung zu stärken vermocht.

Michael Jabara Carley (Université de Montréal) widmete sich der Frage: „Wer täuschte wen? Die britisch-französisch-sowjetischen Beziehungen 1932 bis 1939“. Er schilderte verschiedene Ansätze in den westlichen Staaten, sich mit der Sowjetunion gegen NS-Deutschland zu verbünden, die jedoch sämtlich dem westlichen Antikommunismus zum Opfer fielen: die kurze Phase der französischen Kooperation mit der Sowjetunion unter Herriot, Paul-Boncour und Barthou, die von Laval beendet wurde, ebenso wie ähnliche Bestrebungen von Roosevelt, die vom State Department torpediert wurden, und vorsichtige Vorstöße von Eden in dieselbe Richtung, die er als Außenminister freilich sofort einstellen musste. Moskau, jahrelang um eine Zusammenarbeit bemüht, sah sich konsequent abgewiesen und isoliert; das zeigen Details wie etwa die Tatsache, dass das Verteidigungsabkommen zwischen Frankreich und der Sowjetunion von Paris systematisch ausgehöhlt wurde. Stalin sei nichts anderes übriggeblieben, als eine Beschwichtigungspolitik gegenüber dem NS-Reich zu betreiben – eine Beschwichtigungspolitik übrigens, wie sie Frankreich und Großbritannien zuvor selbst verfolgt hatten.

 Am zweiten Konferenztag sprach Werner Röhr (Edition Organon Berlin) zum Thema „Krieg in Ost oder West? Die Entscheidung der faschistischen Führung für den Überfall auf Polen und der Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939“. Röhr wies zunächst die oft geäußerte Behauptung zurück, Hitler habe sich erst nach dem Abschluss des Nichtangriffsvertrags mit der Sowjetunion definitiv zum Angriff auf Polen entschlossen. Schon im August 1936 sei mit Hitlers Vierjahresplan-Denkschrift der Kurs auf den Krieg festgelegt worden; am 5. Dezember 1938 habe Hitler bekanntlich die Spitzen der Wehrmacht und den Außenminister mit seinen Kriegsplänen bekannt gemacht (Hoßbach-Protokoll). Polen, das mit Deutschland seit dem 26. Januar 1934 einen Nichtangriffsvertrag unterhielt – er konnte damals von Berlin als außenpolitischer Erfolg gefeiert werden -, begrüßte im März 1938 den „Anschluss“ Österreichs und wirkte im Oktober 1938 an der Annexion von Teilen der Tschechoslowakei mit. Dennoch präsentierte ihm das NS-Reich bald die Rechnung: Hitler erklärte am 28. April 1939 den deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag für ungültig. Letztlich habe sich die NS-Führung damit für die „Westlösung“ entschieden, also dafür, erst die Westmächte zu bekämpfen und danach die Sowjetunion zu vernichten. Moskau habe darauf mit dem Versuch reagiert, sich nach dem Scheitern seiner Kooperationsangebote an die westlichen Mächte aus dem Krieg herauszuhalten.

 Stanisław Żerko (Instytut Zachodni Poznań) sprach über „Polen und Deutschland am Vorabend des Krieges (1938/39)“. Żerko erinnerte daran, dass Berlin sich in den 1920er Jahren darauf eingelassen habe, seine Grenze zu Frankreich zu garantieren (Locarno 1925), Gleiches jedoch gegenüber Polen unterlassen und das Land stattdessen mit einem Wirtschaftskrieg überzogen habe. Anfang der 1930er Jahre hätten sich die Beziehungen mit der Verschärfung des Konflikts um Danzig weiter verschlechtert; der Nichtangriffsvertrag vom Januar 1934 habe zwar „in ganz Europa großes Erstaunen“ hervorgerufen, die Streitigkeiten aber endlich von der Tagesordnung genommen. Hitler habe es – in Bewunderung für Piłsudski und dessen Krieg gegen die Rote Armee 1920/21 – ab 1935 in Betracht gezogen, Polen zu einem Vasallen Berlins im Osten zu machen, worauf Warschau sich aber nicht eingelassen habe: Polen habe auch weiterhin seine „Politik des Gleichgewichts“ zwischen zwei übermächtigen Nachbarn verfolgt. Eine Bindung an ein sowjetisches System kollektiver Sicherheit sei man auch deshalb nicht eingegangen, weil man befürchtet habe, in diesem Falle könnten die polnischen Ostgebiete, die kresy, sowjetisiert werden. Ursache für die Zustimmung zur Annexion großer Teile der Tschechoslowakei und zur Beteiligung daran sei die Appeasement-Politik der Westmächte gewesen, die jegliche Hoffnung, der deutschen Expansion etwas entgegensetzen zu können, zerschlagen habe. Tatsächlich aber habe die Beteiligung an der Annexion zu einer fatalen Kompromittierung Polens und zu seiner Isolierung geführt – mit den bekannten Folgen.

 Marek Kornat (Uniwersytet Kardynała Stefana Wyszyńskiego/Polska Akademia Nauk Warszawa) befasste sich mit dem Thema „Die Außenpolitik Polens am Vorabend des Zweiten Weltkriegs (April – August 1939)“. Kornat hob hervor, das Abkommen vom Januar 1934 habe es Polen ermöglicht, seine Stellung zwischen den beiden übermächtigen Nachbarn zu sichern. 1938 habe die westliche Appeasement-Politik dies unmöglich gemacht. Die Folge seien polnische Versuche gewesen, sich in einem Bündnis mit Frankreich und Großbritannien zu behaupten; dazu habe Außenminister Józef Beck im April 1939 in London den polnisch-britischen Beistandspakt unterzeichnet und in Paris immerhin ein bilaterales Militärprotokoll erreicht, wenngleich ihm ein politisches Protokoll verweigert wurde. Das Kernproblem seien jedoch die britisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen gewesen: Die dezidiert negative Haltung der polnischen Bevölkerung gegenüber der Sowjetunion habe es unmöglich gemacht, diese Verhandlungen zu unterstützen. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag sei dann als Druckmittel gegen die polnische Regierung verstanden worden, gegenüber Deutschland nachzugeben. Polen sei angesichts seiner kompletten diplomatischen Niederlage nur das „Prinzip Hoffnung“ geblieben. „In Stalin fand Hitler einen Partner, der über fremde Gebiete zu disponieren bereit war“, urteilte Kornat; Polen sei „zum Opfer der beiden Totalitarismen“ geworden.

 Kurt Paetzold (Leibniz-Sozietät Berlin) fuhr mit einem Vortrag zum Thema „Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt – seine innenpolitische Wirkung und Ausbeutung“ fort. Habe die deutsche Presse 1939 zunächst in angeblichen Verbrechen an der deutschsprachigen Minderheit Polens ein zentrales Propaganda-Motiv gefunden, so sei am 21. August plötzlich ein neues Titelthema aufgetaucht, das der antipolnischen Hetze den Rang streitig gemacht habe: Pläne für einen Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion sowie eine bevorstehende Reise von Außenminister Ribbentrop nach Moskau; es hieß, man wolle gemeinsam die „Einkreisung“ des Reichs durch seine Feinde durchbrechen. Die deutsche Bevölkerung war zweifelsohne überrascht, wobei das Propaganda-Schlagwort von der „Vermeidung eines Zweifrontenkrieges“ gewiss verfing: Viele Deutsche hatten diesbezüglich – Stichworte: Marne, Tannenberg – überaus schlechte Erinnerungen. Getroffen wurden von der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages einerseits Nazi-Gegner, die sich nun plötzlich – politisch wie ideologisch – deutlich geschwächt sahen. Andererseits wirkte sich das Abkommen auch auf katholische Kreise aus, die sich im Kern auf strikteste Gegnerschaft zum Kommunismus verpflichtet fühlten: Die „kommunistische Gefahr“ sei, so hieß es in diesen Kreisen, durch die „Verbrüderung Stalins mit Hitler“ noch stärker geworden.

 An die Frage nach den Auswirkungen des Abkommens knüpfte Ulrich Schneider (Fédération Internationale des Résistants [FIR], Berlin) in seinen Ausführungen über „Die Debatte um den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag in den internationalen Organisationen und Reihen des antifaschistischen Widerstands“ an. Schneider wandte sich zunächst gegen die Behauptung, die deutschen Kommunisten hätten den Widerstand gegen die Nazis am 23. August einstellen müssen: Zwar habe es tatsächlich massive Schwierigkeiten gegeben; doch seien diese vor allem auf die kriegsbedingten Probleme zurückzuführen gewesen, Hilfe aus dem Ausland zu bekommen. Bei der KP-Exilleitung in Paris sei die Nachricht über den Nichtangriffsvertrag allerdings eingeschlagen „wie eine Bombe“; die anschließende politische Debatte unter den Emigranten habe zu heftigem Streit und zu einem Rückfall hinter die im Rahmen der Volksfront-Politik erreichte Gemeinsamkeit aller Nazi-Gegner geführt. Die SPD und andere sozialistische Gruppen brachen noch bestehende Beziehungen zu KP-Vertretern ab. Auch innerhalb des Reichs kam es in Widerstandskreisen zu heftigen Auseinanderzusetzungen. Die Debatte um den Nichtangriffsvertrag führte also durchaus zu einer Schwächung der antifaschistischen Kräfte.

 Heinrich Schwendemann (Universität Freiburg) fuhr mit einem Vortrag zum Thema „Stalins Fehlkalkül: Die sowjetische Wirtschaftskooperation mit NS-Deutschland 1939-1941“ fort. Auf der Grundlage eines deutsch-sowjetischen Kreditabkommens vom August 1939 und von zwei Wirtschaftsabkommen aus den Jahren 1940 und 1941 sei das bilaterale Handelsvolumen in der ersten Jahreshälfte 1941 auf 400 Millionen Reichsmark gestiegen. Das Deutsche Reich bezog zu dieser Zeit mehr Öl aus der Sowjetunion als aus Rumänien, und auch andere Rohstoffe wurden per Bahn weit aus dem Osten geliefert, darunter Kautschuk zur Herstellung von Reifen für Fahrzeuge der Wehrmacht. Nach dem Überfall auf Frankreich seien die sowjetischen Lieferungen regelrecht in die Höhe geschossen, berichtete Schwendemann. Die Sowjetunion habe im Gegenzug Werkzeuge, Maschinen und technologisches Know-How erhalten; Stalin habe offen eingeräumt, die sowjetische Rüstungsindustrie wolle vor allem in puncto Flotte und Luftwaffe lernen. Moskaus Wunschliste habe ex negativo den Stand der sowjetischen Rüstung erkennen lassen; so sei aufgefallen, dass die Sowjetunion keine Wünsche nach Zusammenarbeit im Bereich Heerestechnologie geäußert habe. Auf deutscher Seite sei die Kooperation vor allem von einer „Rapallo-Fraktion“ vorangetrieben worden, die wegen der chaotischen Strukturen im Deutschen Reich weitgehend autonom habe agieren können. Auf sowjetischer Seite habe dies zu einer klaren Fehleinschätzung der deutschen Politik geführt – und dazu, dass Moskau letztlich mit seinen Rohstofflieferungen Berlin bei der Aufrüstung geholfen habe.

 Zum Abschluss der gelungenen Tagung sprach Günter Morsch (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) zum Thema „Ein europäischer Gedenktag für die Opfer aller totalitären Regime?“. Tabus und Kanonisierungen habe es keineswegs nur in den realsozialistischen Staaten gegeben, sondern auch im angeblich so freien Westen, konstatierte Morsch. 1990 habe ein „Boom der Erinnerung“ eingesetzt, in dessen Rahmen sich auch das Europaparlament und die Europäische Kommission erinnerungspolitisch betätigten. 2009 habe das Europaparlament gefordert, eine „umfassende Neubewertung der europäischen Geschichte“ vorzunehmen; Vorbild sei eine Entschließung von 2008 gewesen, in dem eine Mehrheit der Abgeordneten den Holodomor in der Ukraine als von der sowjetischen Führung bewusst veranlasstes Verbrechen beschrieben habe – ein erstaunlicher Vorgang: dass politische Gremien über Erkenntnisse beschlössen, über die in der Forschung keine Einigkeit besteht, sei mit den Prinzipien einer freien Gesellschaft unvereinbar. Dass der 23. August inzwischen in einigen Staaten zum offiziellen Gedenktag erklärt worden sei, sei eine fragwürdige Entscheidung: Wer vom „Hitler-Stalin-Pakt“ reden wolle, dürfe vom „Münchner Abkommen“ und der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ nicht schweigen. Dass diese Ereignisse in der öffentlichen Debatte jedoch nicht thematisiert, geschweige denn mit Gedenktagen in Erinnerung gerufen werden, mache deutlich, dass der offiziellen Erinnerungspolitik der Vorwurf der Einseitigkeit nicht erspart werden könne.

 

Dokumentensammlungen zum Tagungsthema:

Das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion, 1939-1941. Akten aus dem Archiv des Deutschen Auswärtigen Amts. [Washington], Department of State, 1948.

Gerhard Hass: 23. August 1939. Der Hitler-Stalin-Pakt, Berlin (Dietz Verlag) 1990.

 

Journalistenpreise vergeben

Die Gewinner des diesjährigen Deutsch-Polnischen Tadeusz-Mazowiecki-Journalistenpreises stehen fest. Sieger und Nominierte wurden am Abend des 8. Mai auf einer Gala im Plenarsaal des neuerbauten brandenburgischen Landtags in Potsdam geehrt. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, Gastgeber und Koordinator der Bundesregierung für die Beziehungen zu Polen hielt die Festrede.

Sieger in der Kategorie Print wurden Karolina Golimowska und Daniel Tkatch. Sie hatten zwei in der Zeitschrift „The Germans“ erschienene Beiträge unter dem übergreifenden Motto „Jetzt bin ich also deutsch“ gemeinsam eingereicht. In der Kategorie Hörfunk siegte Mariusz Borsiak von Polskie Radio Olsztyn mit ..„Düsseldorf – Warszawa: trochę ponad godzinę” („Düsseldorf – Warschau – Etwas mehr als eine Stunde…“). Rosalia Romaniec gewann mit der WDR-Dokumentation „Meine Familie und der Spion – eine Geschichte aus dem Kalten Krieg“ in der Kategorie Fernsehen. Erstmals vergeben wurde der Sonderpreis „Journalismus in der Grenzregion“, den Brandenburg gestiftet hatte. Er ging an Anne Holzschuh, André Kartschall, Olaf Sundermeyer und Sabine Tzitschke für den rbb-Fernsehbeitrag „Hart an der Grenze“.

Die Laudationes für die Preisträger wurden von Mitgliedern der Jury gehalten.

Brandenburgs Ministerpräsident Woidke zeigte sich hocherfreut über die Resonanz auf den Wettbewerb. Ob Print, Hörfunk oder Fernsehen: die Beiträge seien getragen von Neugier, Zuneigung und Verständnis. Anschließend überreichte Woidke Dietrich Schröder von der „Märkischen Oderzeitung“ einen Ehrenpreis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg für seine kontinuierliche und fundierte Berichterstattung über die Beziehungen zwischen Brandenburg und Polen.

Es war die 17. Auflage des Deutsch-Polnischen Journalistenpreises, der seit Dezember 2013 den Namen „Tadeusz Mazowiecki“ trägt. Insgesamt waren 136 Einsendungen eingegangen, 70 Beiträge kamen aus Deutschland und 66 aus Polen. Auslober des Preises sind jeweils die Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und der Freistaat Sachsen, die Woiwodschaften Westpommern, Lebuser Land und Niederschlesien sowie die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und die Robert Bosch Stiftung.

Die Gala zur Preisverleihung fand im Rahmen der Deutsch-Polnischen Medientage, die unter dem Motto: „Europa vor den Wahlen. Welche Wahl hat Europa?“ standen.

Die älteste Zeitschrift für deutsch-polnische Verständigung, „POLEN und wir“ war mit einem Informationsstand auf den Medientagen vertreten und genoss großes Interesse der Teilnehmer.

 

Der unbekannte Südosten Polens rückt näher

Die Lufthansa fliegt ab Juli regelmäßig von Frankfurt nach Lubin

Die Lufthansa nimmt die erste Flugverbindung von Deutschland in die südostpolnische Stadt Lublin auf. Ab dem 3. Juli 2014 wird es zweimal wöchentlich, jeweils am Donnerstag und Sonntag, Flüge von Frankfurt am Main zum neu eröffneten Regionalflughafen in Lublin geben. Jan Wawrzyniak, Direktor des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Deutschland, sieht darin eine Chance für die Entwicklung des Tourismus in der Region. „Viele Geheimtipps werden nicht mehr lange geheim bleiben“, vermutet er, „denn die einzigartigen Kulturstädte und Naturlandschaften im Südosten Polens sind jetzt für viele deutsche Besucher bequem zu erreichen.“
Zamość ist ein außergewöhnliches Architekturensemble. Eine ideale Stadt ganz im Geist der Renaissance wollte ihr Gründer Jan Zamoyski im späten 16. Jahrhundert schaffen. Der aus Padua stammende Architekt Bernardo Morando entwarf für ihn die Stadt praktisch aus dem Nichts. Bis heute blieb die Altstadt von Zamość in ihrer Struktur erhalten. Farbenfrohe repräsentative Bürgerhäuser mit Laubengängen umgeben den quadratischen Marktplatz, das Rathaus mit seiner geschwungenen Freitreppe bildete die prächtige Kulisse für viele Filme. Seit 1992 gehört die Altstadt von Zamość zum Weltkulturerbe der UNESCO, als einzigartiges Ensemble von Renaissancebauten nördlich der Alpen.
Wer die Geburtsstadt von Rosa Luxemburg besucht, ist begeistert über die architektonische Pracht und die mediterrane Atmosphäre rund um den Marktplatz. Doch bislang fanden erst wenige deutsche Touristen den Weg nach Zamość – denn dieser Weg war beschwerlich. Rund 1.300 Kilometer sind es von Frankfurt am Main dorthin; auch von den Flughäfen in Warszawa (Warschau) oder Kraków (Krakau) musste man erst noch eine mehrstündige Weiterfahrt einplanen. Durch die neue Flugverbindung rückt Zamość nun näher an Deutschland heran.
Auch die hoch über der Weichsel gelegene Künstlerkolonie Kazimierz Dolny ist für deutsche Touristen künftig leichter erreichbar. Die im Renaissancestil erbauten Kaufmannshäuser auf dem Markt und die prachtvollen Speicher an der Weichsel künden vom früheren Reichtum der Stadt, deren reizvolles Panorama bis heute viele Maler und Fotografen in ihren Bann zieht.
Nicht zuletzt Lublin, Hauptstadt und Namensgeberin der ostpolnischen Woiwodschaft, lohnt mit seiner Fülle von bedeutenden Bauwerken und Kunstschätzen einen Besuch. Mehr als ein Viertel der rund 360.000 Einwohner sind Studenten, entsprechend vielfältig ist das Freizeit- und Unterhaltungsangebot. In den engen Gassen und auf den Plätzen der Altstadt reihen sich Gaststätten, Cafés und Restaurants aneinander; bis spät nach Mitternacht tobt dort am Wochenende das Leben. Die Altstadt bildet auch die Kulisse für viele Freiluftveranstaltungen in den Sommermonaten, wie das viertägige Festival der Zauberer Ende Juli, das an einen Roman des Literaturnobelpreisträgers Isaak B. Singer anknüpft.
Nicht nur mit seinen Renaissancebauten weckt der Südosten Polens Assoziationen an Italien. Die Landschaft rund um den Roztoczański-Nationalpark mit ihren sanften grünen Hügeln wird gerne als ?polnische Toskana“ bezeichnet. Der Nationalpark ist bekannt als Heimat der Koniks, der dort freilebenden polnischen Wildpferde. Großflächige Torfmoore prägen hingegen den Polesie-Nationalpark, der ein bedeutender Brut- und Nistplatz für viele seltene Vogelarten ist. Auf einem 280 Kilometer langen Reitweg kann man den Polesie-Nationalpark und den nahe gelegenen Grenzfluss Bug erkunden. Auch zahlreiche Rad-, Wander- und Kajakrouten führen durch den dünn besiedelten Südosten Polens.
Auf ihren Verbindungen nach Lublin setzt die Lufthansa Maschinen des Typs Airbus A319 mit 138 Plätzen ein. Der vor gut einem Jahr fertiggestellte Flughafen Lublin verfügt über einen direkten Bahnanschluss ins Zentrum der Stadt. Außerdem gibt es Busverbindungen nach Lublin und Zamość. Mietwagen nationaler und internationaler Anbieter sind vor Ort erhältlich. Informationen zu den Flügen unter www.lufthansa.com, zu touristischen Angeboten der Woiwodschaft unter www.lubelskietravel.pl Allgemeine Auskünfte über Reisen nach Polen erteilt das Polnische Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel

Polen und das Programm der „Östlichen Partnerschaft“

Titelseite der Gazeta Wyborcza.  Foto: Politt

Titelseite der Gazeta Wyborcza. Foto: Politt

Können die Polen Russland und die Ukraine unterscheiden?

Polen und das Programm

der „Östlichen Partnerschaft“

„Gazeta Wyborcza“ appelliert an den Westen unnachgiebig zu sein

Von Holger Politt

Vor einigen Jahren wurde ich in Prag gefragt, ob die Menschen in Polen Ukrainer von Russen, überhaupt die Ukraine von Russland unterscheiden könnten. Ich bejahte, erhielt als Antwort aber, dies könne man in Tschechien in der Regel nicht. Jetzt würde die Frage lauten, ob die Menschen in Polen tatsächlich an einen EU-Beitritt der Ukraine glaubten. Die bejahende Antwort läge auf der Hand.

Tatsächlich gibt es unter allen EU-Ländern nur in Polen ein solch klares Stimmungsbild, denn in den drei baltischen Republiken deren offizielle Politik den Standpunkt Polens in dieser Frage teilt, liegen die durch die Nationalitätenzusammensetzung bedingten Mehrheitsverhältnis wiederum anders. Diese spezifische Sicht in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland vermochte es, sich in handfeste Politik zu äußern. Mit starker Unterstützung des schwedischen Außenministers Carl Bildt wurde nach dem kurzen russisch-georgischen Krieg im August 2008 das Programm der „Östlichen Partnerschaft“ an die Spitze der EU-Ostpolitik gehievt.

Es betrifft die Beziehungen zwischen der EU zu sechs östlichen Nachbarländern – zur Belarus, zur Ukraine, zur Moldowa, zu Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Allesamt ehemalige Sowjetrepubliken, denen möglichst enge Beziehungen zur EU eingeräumt werden sollen. Während etwa Deutschland das nicht unbedingt als eine Beitrittsperspektive verstehen will, gehört diese für Polen grundsätzlich dazu. Die Belarus ist augenblicklich ein politischer Sonderfall, der mehr oder weniger auf Eis liegt. Am weitesten in Richtung engerer Partnerschaften bewegten sich Georgien und Moldowa, deren Vertreter im November 2013 in Vilnius Assoziierungsabkommen paraphiert haben. Doch beide Länder haben auf ihrem Territorium sogenannte abtrünnige Republiken, die unter besonderem Schutz Russlands stehen. In beiden Fällen wird dieser Schutz militärisch durchgesetzt.

Das entscheidende Land in diesem Programm der „Östlichen Partnerschaft“ aber war von Anfang an die Ukraine. Der enge Schulterschluss insbesondere zwischen Polen, Litauen, Lettland und Estland in dieser Frage ist verständlich, allen geht es darum, der Ukraine langfristig eine Beitrittsperspektive einzuräumen. So nimmt es nicht Wunder, dass diese Frage auch für die Außenpolitik Polens seither von zentraler Bedeutung ist.

In der Warschauer Straße Nowy Swiat wurde ein Informationscentrum für ukrainische Bürger eingerichtet.Foto: Kumpf

In der Warschauer Straße Nowy Swiat wurde ein Informationscentrum für ukrainische Bürger eingerichtet. Foto: Kumpf

Eine Zuspitzung erfolgte, nachdem Wiktor Janukowytsch im November 2013 seine bereits in Aussicht gestellte Unterschrift unter das ausgehandeltes Assoziierungsabkommen auf Druck Moskaus kurzfristig zurückzog. Mit der dynamischen Entwicklung regierungsfeindlicher Demonstrationen in Kiew und anderen westlichen Landesteilen entstand Ende Januar 2014 eine dramatische Situation, die Polens Ministerpräsident Donald Tusk zum Anlass nahm, in einem Fernsehinterview den Standpunkt seiner Regierung ausführlicher zu erläutern. Seine Regierung werde sich auch weiterhin entschieden für eine EU-Beitrittsperspektive der Ukraine einsetzen, die Tür zur EU müsse offen bleiben. Nicht zu übersehen war, wieviel Temperament des einstigen „Solidarność“-Kämpfers dabei zum Tragen kam.

Im öffentlichen Meinungsbild gab es nur wenig Widerspruch. Zwar hielten einige Kommentatoren die Strategie der „Östlichen Partnerschaft“ für gescheitert, auch wurde darauf verwiesen, wie anders die Situation der Ukraine im Vergleich zu der Polens nach 1990 sei, doch grundsätzlich wurde der eigene Weg in die EU-Strukturen und die Entwicklung seither als nachahmenswertes Vorbild auch für die Ukraine gesetzt. Große Bedeutung hat dabei auch die Tatsache, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, welches Anfang der 1990er Jahre in beiden Ländern noch annähernd gleich gewesen war, in Polen heute dreimal so hoch ist wie beim östlichen Nachbarn.

Polens Außenminister Radosław Sikorski, der am 21. Februar 2014 in Kiew nach blutigen Zusammenstößen zusammen mit Frank-Walter Steinmeier jenes Papier unterzeichnete, das anschließend den letzten Anstoß zum Sturz von Janukowytsch gab, sah diesen Ausgang als Bestätigung der eigenen Linie und für die Folgerichtigkeit des Programms der „Östlichen Partnerschaft“. Der verwaiste Lenin-Sockel, vor dem er sich in wenig diplomatischer Pose am selben Tag ablichten ließ, gehört zu dieser Überzeugung dazu.

Nachdem Russland als Antwort auf den Janukowytsch-Sturz kurzerhand die Krim abriegelte und mit militärischen Mitteln in Besitz nahm, gibt sich Polens Außenpolitik entschieden und unnachgiebig. Jetzt gebe es zur EU-Perspektive der Ukraine keine Alternative. Aufschlussreich ein Kommentar in der „Gazeta Wyborcza“ vom 6. März 2014. Darin wird an den „Westen“ appelliert, jetzt weniger nachgiebig zu sein als 2008 in Georgien, als letztlich, wenn auch widerwillig und uneingestanden der neue Status quo akzeptiert worden sei. Der Kreis schließt sich, denn damals wurde aus der entstandenen Not heraus die „Östliche Partnerschaft“ erfunden.

Solidarność aktiv gegen Lidl

Protestaktion der Solidarnosc vor einer Lidl-Filiale.

Protestaktion der Solidarnosc vor einer Lidl-Filiale.

Arbeitnehmervertreterinnen der Discounterkette entlassen.

Solidarność aktiv gegen Lidl

Die Gewerkschaft rief zum Boykott auf

Von Gudrun Giese

Dass die Arbeitsbedingungen bei Lidl in Polen noch schlimmer sind als in so manchem anderen europäischen Land, wurde schon in dem 2006 erschienenen Schwarz-Buch Lidl Europa belegt. Seitdem hat sich bei der in Neckarsulm ansässigen Discounter-Kette im östlichen Nachbarland einiges verändert. Allerdings: zum Schlechteren. „Nur wer 1800 Produkte stündlich über den Scanner zieht, bekommt den vollen Lohn“, sagte Jan Mosinski, Vorsitzender der Gewerkschaft NSZZ Solidarność in der Wojewodschaft Wielkopolskie, kürzlich bei einer Veranstaltung. Und dieser Lohn liege nur bei einem Viertel dessen, was deutsche Lidl-Beschäftigte erhalten – bei steigenden Lebenshaltungskosten. Da zudem in den 500 polnischen Filialen immer weniger Personal beschäftigt wird und die Arbeitsbelastung stetig wächst, sollte die Gründung einer Betriebsorganisation der Gewerkschaft (entspricht in etwa einem Betriebsrat) bei der Abhilfe der Missstände helfen. Im Januar 2013 nahm die Arbeitnehmervertretung ihre Arbeit auf, elf Monate später erhielten die Vorsitzende und ihre Stellvertreterin die außerordentliche Kündigung. Aus diesem Grund rief die Gewerkschaft Anfang Februar zum Boykott der Discounter-Filialen auf.

In kleinster Münze bezahlt

„Anfangs hatte ich gehofft, dass Lidl einfach nicht wusste, wie es in vielen Filialen zugeht – und dass das Unternehmen mit uns kooperieren würde“, sagt die gekündigte Vorsitzende Justyna Chrapowicz. „Doch sehr schnell war klar, dass der Arbeitgeber keinerlei Interesse hatte, sich mit den Problemen zu befassen.“ Ihr bitteres Resümee: Die Geschäftsleitung diffamierte ihr Gremium als „illegal“. Bei Treffen mit Vertretern der Geschäftsleitung gab grundsätzlich Lidl die Themen vor. Nachdem die Gewerkschaft erste Protestaktionen vor Lidl-Filialen gestartet hatte, kam postwendend die Kündigung für Justyna Chrapowicz und ihre Stellvertreterin.

„In Deutschland, wo Lidl zu Hause ist, wäre die Kündigung von Gewerkschaftsfunktionären und eine offene Bekämpfung einer legal agierenden Gewerkschaft undenkbar“, heißt es im Boykott-Aufruf von Solidarność. Bei verschiedenen Aktionen vor den Filialen erreichte die Gewerkschaft inzwischen etliche Kunden, die sich nach der Lektüre eines Flugblatts über die Arbeitsbedingungen bei Lidl für den Einkauf anderswo entschieden. „Wichtig ist, die Menschen über die miserablen Arbeitsbedingungen bei Lidl zu informieren“, erklärt Lukasz Kopec von Solidarność. „Wer weiß, dass das Unternehmen trotz steigender Umsätze Personal abbaut und keine Sozialleistungen gewährt, unterstützt unsere Aktion.“ Solidarność hofft, mit dem Boykottaufruf den Erfolg einer ähnlichen Aktion gegen die Handelskette Biedronka vor einigen Jahren zu wiederholen. Dort werden inzwischen Arbeitnehmerrechte respektiert und bessere Löhne gezahlt.

Am 1. März rief Solidarność zu einem ungewöhnlichen Einkauf bei Lidl auf: Bezahlt wurden alle Waren nur mit 1-Groszy-Münzen, den kleinsten Einheiten der polnischen Währung. Weitere Aktionen sollen folgen. Unterstützung gab es anlässlich des Internationalen Frauentags auch bei einer Veranstaltung des DGB Berlin-Brandenburg, die sich ebenfalls mit den Arbeitsbedingungen bei Lidl Polen befasste.                  <<

Lidl-Pressekonferenz der Gewerkschaft Solidarnosc im Januar 2014

Lidl-Pressekonferenz der Gewerkschaft Solidarnosc im Januar 2014

Der Artikel erschien zuerst in „public“, der Zeitung der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Wir danken der Redaktion und der Autorin für die Nachdruckrechte.

Nach Redaktionsschluss erhielten wir die Nachricht, dass Lidl inzwischen ankündigte, die Löhne um rund 7 % anzuheben und das Einstiegsgehalt auf 2000 Zloty (ca 490 Euro) zu steigern (Der Mindestlohn liegt bei 1680 zl). Innerhalb von zwei Jahren soll das Gehalt dann auf 2600 zl steigen. Damit erhöhten sich die Löhne bei Lidl in fünf Jahren um rund 40 Prozent. Das Unternehmen kann sich das leisten. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz von Lidl in Polen bei rund 10 Milliarden Zloty. Weiterhin wirft die Gewerkschaft dem Unternehmen jedoch vor, unter anderem Überstunden nicht korrekt abzurechnen.(die Redaktion)