Yearly Archives: 2014

Von Klassik bis Jazz und für Kids

Polnische Jubelkonzerte zu Chopins 204. Geburtstag

Von Klassik bis Jazz und für Kids

Von Hans Kumpf

 

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In Deutschland feiert man Anno Domini 2014 den 300. Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach, die Polen bejubeln im veranstalterischen Fortissmimo derweil ein ziemlich krummes Datum ihres musikalischen Nationalhelden. Fryderyk Chopin wurde 1810 geboren, dies ist klar. Ob am 22. Februar oder am 1. März – darüber streiten sich die Gelehrten nach wie vor. Deshalb wird wieder sicherheitshalber über den gesamten achttätigen Zeitraum (wenn’s nicht gerade ein verlängerndes Schaltjahr ist) romantisch-beseelt primär pianistisch musiziert. Und dies vielfach bei freiem Eintritt.

An zentraler Stelle steht dabei das Festival „Koncerty Urodzinowe Chopina“, also Konzerte zum Geburtstag Chopins. Die bewährte „klassische“ Interpretin Joanna Lawrynowicz bewerkstelligte an den 88 Tasten den würdigen Auftakt, zum fulminanten Finale wurde Andrzej Jagodzinksi geladen, der mit seinem Klavier-Kontrabass-Schlagzeug-Trio als erster in Polen die edlen Werke des alten Meisters auf CDs verjazzte – in Anlehnung zu „Play Bach“ des Franzosen Jacques Loussier.

Ein Novum auf dem historischen Areal der Krakowskie Przedmieście („Krakauer Vorstadt”), wo der junge Frédéric Chopin vor seiner Emigration 1830 kurz wohnte, waren jetzt spezielle Nachmittagskonzerte für Kinder und Workshops. Chopin in familiärer Bande.

Das zweite Hörfunkprogramm des Polnischen Radios schlug unüberhörbar am 1. März zu, als um 12 Uhr Mittag in einer Direktübertragung von Chopins Geburtshaus in Zelazowa Wola an das 204. Wiegenfest des Meisters erinnerte. Es spielte Akiko Ebi. In der Hauptstadt gab es dann um 18 Uhr in der Nationalphilharmonie einen offiziellen Festakt mit viel Musik.

ZusammenWachsen in Europa

30 Jahre GFPS:

ZusammenWachsen in Europa

Von Lisa Schulze

Auch 25 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs, der ideologischen und tatsächlichen Spaltung Europas in „Ost“ und „West“ wird noch viel zu oft hinter den Grenzen des eigenen Landes das Unbekannte, das vermeintlich Fremde vermutet. Gegenseitige Unkenntnis aber lässt Vorurteile gedeihen, die Berührungsängste hervorrufen und gar in gegenseitige Ablehnung umschlagen können. Der Blick nach nebenan allerdings zeigt, dass uns viel mehr verbindet als trennt und zudem unterschiedliche Auffassungen und Herangehensweisen in Politik, Kultur und Gesellschaft fruchtbar gemacht werden können, um voneinander zu lernen.

So möchte auch die GFPS (Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa) mit ihrem Engagement in Polen, Deutschland, Tschechien und Belarus dazu beitragen, dass in Europa, welches nicht hinter den Grenzen der Europäischen Union endet, noch mehr Brücken gebaut werden. In der Begegnung miteinander das gegenseitige Wissen übereinander zu vergrößern, Neugierde für die Nachbarländer zu wecken, Anknüpfungspunkte zu schaffen, – das ist das Ziel der Arbeit der GFPS.

Sie versteht sich dabei als Teil einer Graswurzelbewegung, die schon vor den politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozessen der neunziger Jahre in Mittel- und Osteuropa „Löcher in den Eisernen Vorhang bohren“ wollte, wie es der Vereinsgründer Georg Ziegler ausdrückte. Daher kann die GFPS bereits auf eine langjährige Geschichte zurückblicken und begeht im Jahr 2014 ein vierfaches Jubiläum. GFPS e.V. feiert ihr 30-jähriges Bestehen, GFPS-Polskas Gründung liegt 20 Jahre zurück, GFPS-CZ besteht seit 15 Jahren und das Belarusprogramm begann vor 10 Jahren. Das Jubiläumsjahr wurde am 21. Februar 2014 in Anwesenheit der Schirmherrin von GFPS e.V. Prof. Gesine Schwan, dem ehemaligen GFPS-Stipendiaten und derzeitigen polnischen Botschafter in Berlin Dr. Jerzy Margański und dem Vereinsgründer Georg Ziegler feierlich in Berlin eröffnet.

Das Herzstück der ausschließlich ehrenamtlich organisierten Vereinsaktivitäten ist das schon lange erfolgreiche Stipendienprogramm. Die Unterstützung unterschiedlicher Förderer ermöglicht es tschechischen, polnischen und belarussischen Studierenden ein Semester an einer deutschen Hochschule zu verbringen. Für Deutsche bieten GFPS-Polska und GFPS-CZ Studien- und Sprachkursstipendien in Polen und in Tschechien an. Seit einigen Semestern können Tschechen und Deutsche als Praktikanten das jeweils andere Land kennen lernen und seit einem Semester können Belarussen in Polen studieren. Bisher haben so über 1000 Stipendiaten ihre Nachbarländer kennengelernt. Außerdem haben junge Menschen auf Tandemsprachkursen für Polnisch, Deutsch, Tschechisch und mittlerweile auch (Bela)russisch die Möglichkeit ihre Sprachkenntnisse zu erproben. Darüber hinaus organisieren wir zahlreiche Seminare und kulturelle Projekte, die stets gleichermaßen intensive Auseinandersetzung mit bestimmten Themen und großes Vergnügen sind.

Im Jahr 2014 stehen unsere Veranstaltungen unter dem Motto „ZusammenWachsen“. Dies ist im doppelten Wortsinn zu verstehen. Einerseits verweist dieser Leitgedanke auf das Zusammenwachsen, auf die Verbindung miteinander; andererseits auf das Zusammen Wachsen, die gemeinsame Weiterentwicklung. Zu Beginn des Jahres haben wir auf Seminaren in Berlin und in Ústí nad Labem den gesamtgesellschaftlichen Kontext der Ausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen in Ostmitteleuropa in den letzten 30 Jahren ebenso beleuchtet wie den konkrete Beitrag, den die GFPS in dieser Entwicklung leistete. In einem zweiten Schritt soll es auf einer Konferenz in Warschau (22. – 25. Mai) darum gehen, Perspektiven und Entwicklungspotentiale für die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren in Ländern der östlichen Partnerschaft (v.a. Belarus und Ukraine) zu diskutieren. In Hinblick auf die aktuellen politischen Entwicklungen ist eine wirkliche Aktivität in diesem Bereich, die über bloße Solidaritätsbekundungen hinausgeht, von besonderer Dringlichkeit.

Aktiv gelebte Solidarität war auch für die Entstehung der GFPS von großer Bedeutung. Die Anfänge der GFPS sind dabei im Zusammenhang der sich in den 1980er Jahren entwickelnden Graswurzelbewegungen zu sehen, die unterhalb der (über)staatlichen Ebenen agierten und so zu einer europäischen Einigung durch den Austausch der Menschen in „Ost“ und „West“ beitrugen.

Anfang der 1980er Jahre war es für polnische Studierende fast unmöglich, einen Studienaufenthalt in der Bundesrepublik zu verbringen. Umgekehrt war dies für Studierende aus der Bundesrepublik nicht annähernd so kompliziert. Es war jedoch äußerst ungewöhnlich

in einem Land des „Ostblocks“ zu studieren. Der Freiburger Student Georg Ziegler entschied sich aber bewusst für einen längeren Aufenthalt an der Katholischen Universität Lublin.

Nach seiner Rückkehr, reich an Erfahrungen und positiven Eindrücken, wollte er wenigstens einem von seinen polnischen Kommilitonen allen politischen Barrieren und Bürokratie zum Trotz ein Semester in Freiburg ermöglichen. So entstand die Idee der privaten Spendenaktion „30×20“: 30 Personen gaben jeweils für fünf Monate 20 DM.

Um jedoch möglichst vielen polnischen Studierenden einen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen, mussten weitere Wege der Finanzierung gefunden werden. Daher gründete sich 1984 in Freiburg ein Verein mit dem etwas sperrigen Namen GFPS – »Gemeinschaft zur Förderung von Studienaufenthalten polnischer Studenten in der Bundesrepublik Deutschland e.V.«. In den folgenden Jahren förderte zunächst die Robert-Bosch-Stiftung die Aktivitäten des jungen Vereins. Hinzu kamen andere Institutionen, wie z.B. die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, das Deutsch-Polnische Jugendwerk, die Zeit-Stiftung, der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds sowie „Jugend in Aktion“.

Um die Betreuung der Stipendiaten kümmern sich seit jeher sogenannte Stadtgruppen, die von Anfang an die Basis der dezentralen GFPS-Struktur bilden: Freunde und Mitglieder der GFPS erledigen die Zulassung der Stipendiaten an der Universität, suchen ein Zimmer, helfen bei der Erledigung der Formalitäten und erleichtern das Einleben. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs engagierte sich auch der DAAD stärker in Polen und das Tempus-Programm der EU begann zu greifen. Die GFPS zeigte sich allerdings nun erst recht als eine Organisation, die neben der finanziellen Hilfe besonders auf den persönlichen Kontakt zwischen deutschen, polnischen sowie seit 1999 auch tschechischen und 2004 belarussischen Studierenden Wert legt. Viele langjährige Freundschaften zeugen vom Erfolg des Konzepts.

Im Jahr 1994 gründeten ehemalige Stipendiaten die polnische Partnerorganisation GFPS-Polska, die seitdem deutschen und mittlerweile auch belarussischen Studierenden einen Studienaufenthalt in Polen ermöglicht und unter der Schirmherrschaft von Władysław Bartoszewski steht. 1999 gründeten tschechische Studierende in Ústí nad Labem die dritte Organisation im Bunde: Janua linguarum reserata (seit 2004 GFPS-CZ). Als Konsequenz aus dieser Entwicklung benannte sich die GFPS – unter Beibehaltung der weithin bekannten Abkürzung – um in »Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa«.

Gemeinsam bringen die Partnervereine GFPS e.V., GFPS-Polska und GFPS-CZ jährlich zahlreiche junge Menschen aus den vier Ländern zusammen. So ist ein stetig wachsendes Netzwerk entstanden, das nachhaltig dazu beiträgt, gegenseitige Kontakte positiv zu gestalten und zu einer guten Nachbarschaft zu gelangen. Für viele ist der Kontakt mit GFPS der Beginn von gesellschaftlichem Engagement. Damit ermutigt GFPS junge Leute, ihr Potential auszuschöpfen oder überhaupt erst einmal zu erkennen. Die Aktivitäten der drei GFPS-Vereine sind so ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Ausbildung eines Netzwerks von Engagierten, die zur Entwicklung einer gesamteuropäischen aktiven, handlungsfähigen Zivilgesellschaft beitragen.

Weitere Informationen zum Verein und seinen Aktivitäten finden Sie hier: www.gfps.org

Böse Spiele sind verboten

Das „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“

Böse Spiele sind verboten

Polnische Kinder in deutscher Fürsorgeerziehung

Von Friedrich Leidinger

Urszula Sochacka wurde in den späten fünfziger Jahren geboren. Nichts kam ihr an ihrer Familie auffällig vor. Dass man sich nicht in den Arm nahm, schien ihr normal, dass sie immer ein starkes Mädchen sein sollte, dass man nicht über Gefühle redete und sie noch weniger zeigte – auch. Sie zog früh zuhause aus, machte ihren Magister an der Jagiellonen-Universität in Krakau, ging danach an die berühmte Filmhochschule in Lodz, die sie als Filmregisseurin abschloss. Sie arbeitete beim Fernsehen und hatte Erfolg mit ihren Dokumentarfilmen.

Und dann kam der Tag im Dezember 2007, als sie die Garage ihres verstorbenen Vaters aufräumte, in einem Karton mit vielen unsortierten Papieren kramte, und einen Zettel fand, den Entlassungsschein aus dem „Polen-Jugendverwahrlager der Sicherheitspolizei in Litzmannstadt“. Plötzlich war die große Distanz, die sie ein Leben lang gefühlt hatte, einer schmerzhaften Nähe gewichen. Es kam ihr vor, als müsste sie gleich zu ihm laufen, zum ersten Mal verspürte sie Sehnsucht nach ihrem Vater. Ihr Vater, der eines von 12.000 Kindern des Lagers an der „Gewerbestraße“, vormals Ulica Przemysłowa, im von den deutschen Besatzern „Litzmannstadt“ genannten Lodz und einer von 900, die bis zum Schluss in dieser Hölle lebten, gewesen war. Niemand in der Familie, nicht ihre Mutter, nicht ihre Schwestern und sie selber auch nicht, hatte je darüber gesprochen. Sie fühlte sich schuldig, sie fragte sich, wie sie, wie die ganze Familie den Vater mit dieser Geschichte allein lassen konnte. Sie stellte sich Fragen über Fragen, sie, die Tochter eines Menschen, der als „asozialer und krimineller Jugendlicher“ in ein Lager gekommen war, die das Lagerschicksal ihres Vaters geerbt hatte. Sie wollte das, was in ihr aufgebrochen war, nicht wieder verschließen. Sie wusste die Botschaft ihres Vaters, die er ihr in der Garage hinterlassen hatte, zu deuten. Urszula Sochacka ließ sich von ihrem toten Vater auf eine Reise einladen, die sie an den Ort seiner Jugend und zu vielen noch lebenden Zeitzeugen führte. Es war am Ende auch eine Reise zum Vater und zu ihrer eigenen Rolle als Angehörige der zweiten Generation.

Sechs Jahre später ist ihr Reisebericht fertig, ein 70 Minuten dauernder Dokumentarfilm, produziert vom Fernsehsender TVN und der Krakauer Gesellschaft „U Siebie“. Er zeigt die Autorin auf der Suche nach Spuren und Zeugnissen, die vom Schicksal ihres Vaters und seiner Leidensgenossen berichten, und er zeigt, wie Kinder heute versuchen, sich in die Welt Gleichaltriger vor mehr als 70 Jahren zu versetzen, in die Welt von Kindern im Krieg und unter der deutschen Terrorherrschaft.

Und immer wieder die Frage der Schuld. Ein Kind ist unschuldig, aber wer als Kind bestraft wird, hat Schuld. Wofür? Wir hören: Zofia 11 Jahre alt, hatte die Hausherrin im Vorderhaus beim Schäferstündchen mit einem Polizisten beobachtet und das Geheimnis nicht für sich behalten. Alicja war Hausmädchen bei einer deutschen Familie. Als sie 3 Tage wegen einer Krankheit nicht zur Arbeit kam, wurde sie beim Arbeitsamt angezeigt. Jan wurde einfach mitgenommen, ohne zu wissen warum. Und Emilia schwänzte die deutsche Schule. Dafür kam man in ein KZ?

Das Jugend-KZ in Lodz war eine Einrichtung der Jugendfürsorge. Die Einweisung erfolgte auf behördliche Anordnung, die Begründungen sind individuell: „ … gefährdet durch Herumtreiberei deutsche Jugendliche …“, „ … obdachloser Streuner …“ oder „ … Obstdiebstähle, vor allem in deutschen Gärten …“, „ … Einweisung zum eigenen Schutz dringend erforderlich …“, „ … betreibt seit einem Jahr Schleichhandel …“, „ … zum Schutz vor vollkommener Verwahrlosung dringend erforderlich …“. Das jüngste Kind, dass in dem KZ an der Gewerbestraße aufgenommen wurde, war bei der Einweisung 2 Jahre und 3 Monate alt. Er überlebte. Wir lesen in alten Akten. Das Papier ist nur leicht vergilbt. Das Farbband der Schreibmaschine frisch. Deutsche Ordnung.

Aus den ehemaligen Häftlingen, die vor Sochackas Kamera erzählen, sprudelt nur so die Erinnerung. Ein Leben lang haben sie gewartet, dass ihnen jemand zuhört, dass sich jemand für ihre Geschichte interessiert. Nicht immer ließen sie ihre Familie über ihre Jugendzeit im Unklaren. Oft waren es gerade die Angehörigen, die zum Schweigen aufforderten: Vergiss das besser, das war doch nicht so schlimm, natürlich warst du unschuldig, aber für nichts, bist du doch nicht dahin gekommen. Oder: So ein Lager hat es gar nicht gegeben. Diese Kinder haben auch als Erwachsene noch geschwiegen. Sie wussten es besser, sie kannten das Lager, sie trugen es in sich. Als in den siebziger Jahren einige der Überlebenden die Aufnahme in den polnischen Verband der Widerstandskämpfer Zbowid beantragten, da wurden sie ausgelacht: Ihr Gesindel? Ihr Hooligans? Sie bestritten sogar die Existenz von Lagern in Lodz. Für sie gab es nur Auschwitz, Buchenwald, Majdanek.

Gibt es ein Bild für Hunger? Die Kamera fährt in Nahaufnahme über Kanapees. Wir hören Stimmen aus dem Off, eine Familienfeier? Ein Empfang? Wir denken an Kinder, die vor Hunger und Kälte weinen. Sattessen? Essen, bis du satt bist? Bogdan ist wirklich amüsiert über die Frage. Alicja hat ein Stück Zeitung abgerissen und gegen den Hunger gekaut. Jerzy hat einen älteren Jungen gesehen, der fing eine Maus, hielt sie am Schwanz, schlug sie gegen einen Betonpfosten und aß sie auf. Es gab wässrige Kohlsuppe. Wer einen Knochen fand, mörserte ihn zwischen Steinen zu Brei. Eine Delikatesse.

Die Tochter einer Überlebenden erinnert sich, wie sie als Kind immer alles aufessen musste. Sie durfte nicht aufhören zu essen. Wenn sie genug Brot und Butter hatte, gab es auch keinen Grund sich zu beschweren. Kapo-Mentalität nennt sie das. Das Lager lebt in den Kindern seiner Insassen weiter. Als seien die Eltern neidisch auf die Kinder, die es besser haben. Die Eltern sind es, die den Kindern Vorwürfe machen. „Da ist so ein tiefer Groll“.

Wir haben schon früher von Kindern in den Konzentrationslagern gehört. Anna Seghers „Nackt unter Wölfen“ setzte ihnen ein literarisches Denkmal. Es ist trotz aller Grausamkeit ein Monument der Humanität. Das Jugendverwahrlager in Lodz ist anders. Hier sind nur Kinder und Jugendliche unter den Häftlingen. Sie sind absolut schutzlos der Gewalt ihrer deutschen Aufseher und Erzieherinnen ausgeliefert. Einmal kommt eine Gruppe Kinder aus Auschwitz. Sie weinen nur und meinen, dort war es besser, weil ihnen dort die erwachsenen Häftlinge geholfen haben.

Hunger und Schläge. Die Schläge kommen spontan und ritualisiert. Die Kinder müssen mitzählen. Und wenn sie falsch zählen, geht es wieder von vorn. Mit dem Stock, mit der Peitsche, mit dem Schuh, mit der Holzlatte. Irgendwie muss man machen, dass man nicht auffällt. Ordnung und Sauberkeit. Mit Sand den Boden schrubben, mit dem Besen hinterher und dann alles wischen. Wasser mit der Hand pumpen, während ein SS-Mann mit seiner Lederpeitsche blutige Striemen auf die nackten Rücken der Jungen zeichnet. Kartoffeln für die Deutschen schälen. Weil sie dabei das Haar offen trägt, wird Zofia kahl geschoren und bekommt 5 Stockhiebe aufs Gesäß. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Straßen gewalzt, bei der Ernte geholfen, Nadeln gerade gerichtet, geputzt. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das Erziehungsziel war bedingungslose Unterordnung unter die deutschen Herren.

Wer sich nicht unterordnet, wer gegen die Lagerordnung verstößt, kommt ins Haus 8. Dort gibt es mehr Arbeit, mehr Prügel, weniger zu essen und zu trinken. Die Kinder sterben mit der Zeit, einfach so. Es führt kein Weg zurück. Und das Schlimmste: Da war ein Junge, der schlug die Elenden noch. Monatelang reist die Autorin durch Polen, zeigt den Zeitzeugen Fotos ihres Vaters, immer in der Angst, dass sie ihn erkennen, dass sie sagen, „der war’s, der hat uns geschlagen“. Wie sagt ein anderer Überlebender: „Eigentlich wundere ich mich, dass ich nach all dem noch irgendwelche Gefühle für andere Menschen haben kann.“ Denn, es gibt keine Solidarität untereinander. Jeder sorgt nur für sich und sein eigenes Überleben.

Der Tod war für die Kinder ein alltäglicher Begleiter. Kinder wurden beim Fluchtversuch erschossen, sie wurden mit kaltem Wasser übergossen, sie starben an Prügel und Hunger und sie vergingen einfach so.

Nach über hundert Gesprächen, in denen der Schmerz so frisch und die Angst so schrecklich war, als sei alles gestern passiert, gelingt es Urszula Sochacka ihren eigenen Schmerz zuzulassen. Sie spricht offen über die Traumatisierung, die sie als Tochter eines Häftlings erfahren hat, die Folgen der Antipädagogik, der Erziehung – nein, nicht des Hasses, denn das wäre letztendlich etwas Menschliches, sondern – der Herrenmenschen, also der Unmenschlichkeit. Eine Erziehung, die jede Selbstachtung und damit jede Achtung vor Anderen zu zerstören trachtet. Und die sich auf die nächste Generation fortpflanzt. Sie versteht ihr Gefühl von Verlassenheit, die Antwort auf das Gefühl von Verlassenheit, das ihren Vater gequält hat, weil sie ihn nie gefragt hat, weil er alles getan hat, damit sie nicht fragt. Und sie kann seine Verlorenheit anerkennen, seine geraubte Kindheit. Am Ende kann sie auch anerkennen, wie viel von seinen Talenten in ihr weiterlebt.

Der Film ist mehr als nur ein Dokumentarfilm. Er erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen Tochter und Vater und die Geschichte einer Selbstheilung, der Aneignung einer Lebensgeschichte, die Rekonstruktion einer zerstörten Kindheit.076

Ausgabe 2/2014

Ausgabe 2-2014,  1.4.2014, ist verspätet erst am 1.5. erschienen.

In dieser Ausgabe lesen Sie unter anderem:titelseiteklein
Seite  3      Tagung: Thema von Verzerrung befreien
Seite  8     „Polen hätte Europa und die Welt von Faschismus und Kommunismus befreien können !“ Ein Buch mit russophober Grundstimmung
Seite 11     Böse Spiele sind verboten – Filmbesprechung
Seite 14    Polen und das Programm der östlichen Partnerschaft
Seite 16    Die Geschichte des „Unabhängigkeitsmarsches“
Seite 19    Solidarność aktiv gegen Lidl
Seite 20   Das Kind der Anderen – Besprechung des Buches „Die Schule der Janitscharen“
Seite 25   30 Jahre GFPS
Seite 26   Chopin-Geburtstag mit Klassik und Jazz

Die gesamte Ausgabe als PDF können Sie mit Klick auf das kleine Titelbild downloaden. Sie benötigen zum Lesen das kostenlose Programm Adobe-Reader.

Warschau als neuer kulinarischer Hotspot

 

Immer mehr Spitzenköche überzeugen mit kreativen Ideen

Spätestens seit dem ersten Michelin-Stern für Wojciech Modest Amaro blicken Feinschmecker interessiert  auf Polens Hauptstadt Warszawa (Warschau).

Lange musste Polen auf den ersten Michelin-Stern warten, bis es im März 2013 klappte. Wojciech Modest Amaro erhielt ihn für sein kaum zwei Jahre zuvor eröffnetes Atelier Amaro. Der Küchenchef gräbt alte Rezepte aus dem 16. oder 17. Jahrhundert aus, nutzt Kräuter oder essbare Blüten, die heute kaum noch bekannt sind, und kreiert mit moderner Technik eine neue polnische Küche. Wer die Menüs des 42-Jährigen probieren möchte, sollte rechtzeitig buchen, denn die 32 Plätze in seinem unweit von Łazienki-Park gelegenen Restaurant sind bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen begehrt.

Wie Amaro sammelten auch andere Spitzenköche der jüngeren Generation Erfahrungen im Ausland, bevor sie sich im eigenen Land etablierten. Stationen von Amaro waren Ferran Adrias El Bulli und das Kopenhagener 3-Sterne-Restaurant Noma. Der 1971 geborene Paweł Oszczyk, Küchenchef im Restaurant „La Rotisserie“ des Nobelhotels Le Regina, arbeitete zuvor unter anderem im Sterne-Restaurant Miramonti l’Alto in Brescia. Oszczyk setzt mit Erfolg auf eine moderne polnische Küche, die er mit mediterranen oder fernöstlichen Zutaten verfeinert.

Marcin Sasin war in Thailand, Singapur, China und Korea unterwegs und nutzt die dort gesammelten Erfahrungen nun als Küchenchef des Feinschmecker-Restaurants InAzia im Warschauer Hotel Sheraton. Exzellente Gerichte aus verschiedenen Regionen Asiens bestimmen dort die Speisekarte, dazu gehören auch Steaks vom sündhaft teuren japanischen Wagyu-Rind. Jacek Grochowina, einer der Shooting-Stars der kreativen Warschauer Küche, lernte unter anderem im Londoner Hotel Ritz, holt sich laufend neue Anregungen in Italien, Spanien oder Frankreich und präsentiert seinen Gästen im angesagten Restaurant Nolita eine moderne internationale Küche mit besten frischen Zutaten.

Saisonal und regional ist auch in Warschau im Trend. Im 5-Sterne-Hotel Hyatt Regency werden Gäste seit Kurzem sogar mit frischem Honig zum Frühstück verwöhnt, den 500.000 Bienen für sie auf dem Dach des Hotels produzieren. Das Hotel liegt direkt am Łazienki-Park, wo die fleißigen Helfer genügend gute Nahrung finden. Innovativ zeigte sich das Hyatt Regency auch gegenüber seinen jüngsten Gästen. Um ihnen Gerichte anzubieten, die nicht nur gesund sind, sondern auch schmecken, konnten Kids bei einem Koch-Workshop im Hotelrestaurant ihre eigenen Ideen für die Kindergerichte einbringen.

Warschaus Küche bietet heute für jeden etwas, ob traditionelle oder moderne polnische Küche, fernöstliche oder mediterrane Speisen. Vegetarier oder Veganer haben etliche Restaurants und Bistros zur Auswahl, feine koschere Gerichte und Getränke gibt es im neuen Restaurant Galil, Wer auf deutsche Weine zum Essen schwört, ist in der Weinbar Jung & Lecker bestens aufgehoben, die kürzlich von den Lesern einer Warschauer Lokalzeitung zur besten Kneipe der Stadt gekürt wurde. Die Germanistin Monika Wojtysiak führt auf der Karte ihrer Bar und im dazugehörigen Laden nur deutsche Weine in einer sehr guten Auswahl. Dazu gibt es bei Jung & Lecker preiswerte, kreative Gerichte aus saisonalen Produkten.

„Jazz an der Oder“ feiert 50. Geburtstag

Grammy-Preisträger Gregory Porter zu Gast in Wrocław

Seit genau 50 Jahren wird in der niederschlesischen Metropole Wrocław (Breslau) das Festival „Jazz nad Odrą” (Jazz an der Oder) veranstaltet. Aus einem ursprünglich studentischen Festival hat sich seit 1964 eine der renommiertesten Jazz-Veranstaltungen in Polen entwickelt. Zur Jubiläums-Ausgabe vom 4. bis 13. April 2014 erwartet die Oderstadt unter anderem den Grammy-Preisträger Gregory Porter, den Sänger und Pianisten Peter Cincotti und den Saxofonisten Kenny Garrett. Im Rahmen der großen Festivalgala in der Breslauer Jahrhunderthalle werden polnische Top-Jazzer auf Spitzenmusiker aus aller Welt und frühere Gewinner des Festivalwettbewerbs treffen.

In Breslau werden die Besucher auch eine Band erleben, die bereits beim ersten Festival „Jazz nad Odrą“ 1964 auftrat und damals den Wettbewerb für sich entschied: das „Jazz Band Ball Orchestra“. Die Gruppe war 1962 von sechs jazzbegeisterten Musikstudenten in Kraków (Krakau) gegründet worden. Sie tourte schon bald nach ihrem Erfolg beim „Jazz an der Oder“ durch ganz Europa, die USA und Kanada – im Gepäck ihre Interpretationen der Musik von Jazz-Legenden wie Duke Ellington, Louis Armstrong oder Dizzy Gillespie. Am 12. April 2014 ist die Band bei der großen Gala in Breslau mit dabei. Die Geburtstagsparty wird in der zum UNESCO-Welterbe zählenden Hala Stulecia (Jahrhunderthalle) stattfinden. Während der fünfstündigen Veranstaltung können die Festivalbesucher dort auf zwei Bühnen Polens Jazz-Elite und Stars von Weltrang erleben. Künstler wie Tomasz Stańko, Leszek Możdżer und Stanisław Sojka werden ebenso mit von der Partie sein, wie Jon Faddis, Joey deFrancesco oder Bobby Hutcherson.

Jazz der Spitzenklasse wartet auf Musikbegeisterte auch bei anderen Konzerten während des zehntägigen Jubiläums-Festivals. Mit dem US-amerikanischen Sänger und Komponisten Gregory Porter konnte die Festivalleitung den Grammy-Preisträger 2013 für das beste Jazz-Gesangsalbum nach Breslau holen. Neben internationalen Größen wie Peter Cincotti, Kenny Garrett oder dem Billy Childs All-Star Quintet werden auch polnische Stars wie Piotr Wojtasik oder Marek Napiórkowski sowie das „Gumbo get“ Project von Piotr Baron zu hören sein.

Eigens für die 50. Ausgabe des Festivals wird der legendäre Jazzclub Rura wieder zum Leben erweckt. Er befindet sich im Kammersaal von Impart und bietet die Kulisse für nächtliche Konzerte und Jam Sessions. „Jazz an der Oder“ bietet auch zahlreiche Begleitveranstaltungen. So können sich Einwohner und Besucher der niederschlesischen Hauptstadt auf eine Parade im New-Orleans-Style freuen oder die Dokumentarfilme von Andrzej Wasylewski genießen. Als gemeinsames Projekt des Jazzfestivals und des Festivals des Bühnenliedes findet zudem im Teatr Capitol ein Re-Inszenierung der legendären Rat Pack-Konzerte von Sammy Davis Jr., Frank Sinatra und Dean Martin statt.

Als die polnische Studentenvereinigung ZSP im März 1964 das erste Festival „Jazz nad Odrą“ veranstaltete, genoss die Jazzmusik besonders unter jungen Leuten in Polen bereits einen hohen Stellenwert. War der Jazz zu Zeiten Stalins in den Untergrund gedrängt worden, so erlebte er nach dessen Tod 1953 eine neue Blüte in Polen. Schon 1954 fand in Kraków (Krakau) das erste Allerseelen-Jazzfestival statt, 1956 trafen sich Zehntausende zum Jazzfestival in Sopot (Zoppot). Krzysztof Komeda, einer der begnadetsten polnischen Jazzmusiker der damaligen Zeit, hatte dort seinen ersten Auftritt.

Während andere Jazz-Events im Laufe der Jahrzehnte an Bedeutung verloren oder ganz aus dem Konzertkalender verschwanden, hat sich „Jazz an der Oder“ zu einem der wichtigsten Jazz-Ereignisse Polens entwickelt. Bis 1989 war der Studentenverband Träger des Festivals. Einige der bekanntesten Jazzmusiker Polens wie der Saxofonist Henryk Miśkiewicz oder die Sängerin Ewa Bem feierten dort ihre ersten Erfolge. Später organisierte eine eigens gegründete Stiftung das Festival, danach übernahm die Stadt die Trägerschaft. Für die Umsetzung ist seit 2004 das Breslauer Festivalbüro Impart verantwortlich. „Jazz nad Odrą“ brachte in den vergangenen Jahrzehnten weltberühmte Jazzmusiker und -ensembles wie Chet Baker, Pat Metheny, Al di Meola oder zuletzt Branford Marsalis und Cassandra Wilson in die Odermetropole.

1000 Jahre jüdische Geschichte in Polen

Große Ausstellung im neuen Warschauer Museum öffnet im Herbst

Mehr als 200.000 Menschen haben bereits die leeren Räume des neuen jüdischen Museums in Warszawa (Warschau) besichtigt. Der spektakuläre Museumsbau des finnischen Architektenbüros Lahdelma & Mahlamäki war zum 70. Jahrestag des Gettoaufstands am 19. April 2013 eröffnet worden. Die multimediale Ausstellung zur 1000-jährigen Geschichte der polnischen Juden soll ab 28. Oktober 2014 zu sehen sein.

Das Herzstück des neuen Muzeum Historii Żydów Polskich (Museum der Geschichte der polnischen Juden) am plac Bohaterów Getta (Platz der Gettohelden bildet eine multimediale Ausstellung. Sie will auf über 4.000 Quadratmetern die Geschichte der polnischen Juden von ihren Anfängen im Mittelalter bis in die Gegenwart in insgesamt acht Stationen darstellen. Ein internationales Team aus 120 Historikern und Museumsmitarbeitern unter Leitung von Prof. Barbara Kirshenblatt-Gimblett von der New York University hat das Konzept dafür erarbeitet. Die Ausstellungsmacher von der britischen Firma Event Communications und der polnischen Firma Nizio Design setzen auf einen durchgehenden Erzählstrang, der Geschichte, Kultur und Religion der Juden anhand zahlreichen Quellenmaterials illustriert und erfahrbar macht.

Die Ausstellung wird in insgesamt acht chronologisch geordnete Teile gegliedert sein. Den Beginn macht die Zeit der ersten Erwähnung von Juden in Polen durch den jüdisch-arabischen Gesandten Ibrahim ibn Jakub im 10. Jahrhundert. Die folgenden Abschnitte widmen sich der Blütezeit der jüdischen Kultur im 16. und 17. Jahrhundert und der Situation von Juden während der Kriege und antisemitischen Pogrome im 17. und 18. Jahrhundert. Weitere Ausstellungsteile tragen die Überschriften „Herausforderungen der Moderne“, „Die Straße“, „Vernichtung“ und „Nachkriegszeit“.

Die Ausstellung glänzt nicht nur didaktisch. Auch verschiedene wichtige Ausstel-lungsstücke werden gezeigt. So können Besucher in der Galerie ein Gebetsbuch von 1272 betrachten, in dem sich der erste in jiddischer Sprache niedergeschriebene Satz befindet. Kernstück des Ausstellungsteils, der den jüdischen Münzern und der Rolle von Juden für die polnische Wirtschaft gewidmet ist, wird ein Brakteat sein, eine einseitig mit hebräischen Lettern geprägte Münze. Im verkleinerten Maßstab wurde die originalgetreue Replik einer prachtvollen Synagogendecke montiert. Unter der Leitung der US-amerikanischen Firma Handshouse Studios wurde das aus dem 17. Jahrhundert stammende und während des Zweiten Weltkriegs zerstörte Kunstwerk zu neuem Leben erweckt. Als Vorlage dienten alte Fotos und Zeichnungen. Die Holzschnitzdecke gehörte einst zum jüdischen Gotteshaus von Gwoździec, dem heutigen Hwisdez in der Ukraine.

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren zehn Prozent der polnischen Bevölkerung jüdischen Glaubens. Warschau war mit einem Drittel jüdischer Bevölkerung die größte Stadt mosaischen Glaubens in ganz Europa. Informationen zum neuen Museum gibt es unter www.jewishmuseum.org.pl Auskünfte über Reisen nach Polen erteilt das Polnische Fremdenverkehrsamt unter www.polen.travel

Deutschlandfunk 27.2.2014: Debatte um Hitler-Stalin-Pakt

In der Sendung „Aus Kultur und Sozialwissenschaften“ berichtete der Deutschlandfunk am 27.2. über die Tagung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der BRD e.V. Auf der Webseite wurde dazu nachstehnder Bericht von Andreas Beckmann publiziert. Die ganze Sendung ist über diesen LINK anzuhören.

Tagung an der FU-BerlinDebatte um Hitler-Stalin-Pakt

In den vergangenen Jahren sind viele Archive in Moskau, Warschau und Berlin geöffnet worden. Die Unterlagen lassen neue Interpretationen auf die Strategien der beiden Diktatoren Stalin und Hitler und den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom August 1939 zu.

Obwohl gleichzeitig die Westmächte mit Stalin verhandelten, war es Hitler, der er einen Vertrag mit dem Sowjet-Diktator bekam. Originalton aus der „Ufa-Tonwoche“: „Während noch die Militärmissionen der westlichen Einkreisungsmächte in Moskau weilten, traf Reichsaußenminister von Ribbentrop in der russischen Hauptstadt ein. Nach einem freundlichen Empfang fuhr der Minister zur deutschen Botschaft und begab sich später in den Kreml, wo in Anwesenheit Stalins der Nichtangriffs- und Konsultationspakt unterzeichnet wurde.“

„Man stellt sich vor, dass da zwei Diktatoren, die Eroberungspläne hatten, sich zusammengefunden und die Welt untereinander aufgeteilt haben.“

Christoph Koch, Professor für Slawistik an der FU Berlin, hält eine solche Interpretation im Lichte neuer Akten für unhaltbar. Im Gegenteil: keiner der beiden habe ursprünglich diesen Pakt gewollt. Hitler hatte schließlich schon in „Mein Kampf“ die Sowjetunion zum Todfeind erklärt. Und Stalin hoffte lange, in einer Koalition mit dem Westen Hitler abschrecken zu können. Doch die gewünschte Zusage für militärischen Beistand bekam er nicht, konstatiert der britische Historiker Geoffrey Roberts vom University College in Cork.

„Noch 1939 war die Sowjetunion ernsthaft an einer Allianz mit Großbritannien und Frankreich interessiert. Als aber klar wurde, dass sie die Hauptlast eines Krieges tragen müsste, war der Pakt mit Hitler eine Improvisation Stalins in letzter Minute.“

Dass der Pakt mit dem Westen scheiterte, lag allerdings auch an Stalin. Denn er stellte Forderungen, die mit dem Völkerrecht unvereinbar waren.

„Der sowjetische Kriegsplan von 1938, das ist eins der wichtigsten Dokumente, die in den letzten Jahren erst veröffentlicht wurden. Dieser Plan sah schon damals vor, dass die Sowjet-Union einen Abwehrkrieg gegen Hitler auf polnischem Gebiet austragen wollte, also dort einmarschieren oder durchmarschieren würde.

Kein Durchmarschrecht in Polen

Ein Durchmarschrecht für die Rote Armee wollte Polen unter keinen Umständen akzeptieren. Es fürchtete, weite Gebiete im Osten wieder zu verlieren, die es der jungen Sowjet-Union erst 1920/21 in einem Krieg abgerungen hatte. Stalin kam deshalb als Schutzpatron für Polen nicht in Frage. Gleichzeitig überschätzte das Land sowohl seine eigenen Kräfte, als auch die seiner Verbündeten, betont der Historiker Stanislaw Zerko aus Poznan.

„In Polen meinte man relativ naiv, dass das damalige Streben Frankreichs, dem Deutschen Reich den Status einer Macht zweiter Klasse aufzuerlegen, sich über lange Jahre beibehalten ließ.“

Frankreich und auch Großbritannien hatten versprochen, die Existenz Polens zu sichern. Doch spätestens Ende 1938 wurde offensichtlich, dass sie kaum bereit sein würden, diese Garantien auch einzulösen. Dennoch zögerte Hitler noch mit dem Überfall auf Polen.

„Hitler hat ja in ‚Mein Kampf‘ geschrieben, das war der größte Fehler gewesen, der Zwei-Fronten-Krieg. „

Der Freiburger Historiker Heinrich Schwendemann sieht in den deutschen Akten zahlreiche Belege, dass Hitler auf keinen Fall, so wie im Ersten Weltkrieg, mit Großbritannien, Frankreich und Russland gleichzeitig den Kampf aufnehmen wollte. Vergeblich versuchte er, den Westmächten ihre Garantien für Polen auszureden.

„Er wollte in einem isolierten Krieg Polen besiegen, das war ja sein Ziel. Die letzte Karte war die Sowjet-Union.“

Überfall auf Polen

Mit dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt hatte Hitler im Osten freie Hand. Als Radio Warschau nach dem Überfall der Wehrmacht am 1. September 1939 zum Widerstand aufrief, mussten die Polen alleine kämpfen. Die Westmächte erklärten Deutschland zwar den Krieg, griffen aber nicht an. Am 17. September marschierte auch die Rote Armee in Polen ein, so wie es ein damals geheim gehaltenes Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Vertrages vorsah. Stalin hatte den Krieg nicht gewollt, schon allein, weil sein Land darauf nicht vorbereitet war. Aber als Hitler ihm das östliche Polen quasi auf dem Silbertablett servierte, griff er skrupellos zu.

„Für Stalin war Polen ein rotes Tuch. Die Niederlage der Sowjet-Union 1920/21 im Krieg gegen Polen, da war Stalin verantwortlich gewesen. Er hat den Militärs ins Handwerk gepfuscht. Das war für ihn eine persönliche Niederlage gewesen und es war immer sein Ziel, die Grenzen des zaristischen Russlands wiederherzustellen.“

Vorteile für beide Seiten

Durch das geheime Zusatzprotokoll wurde dies möglich. Mit deutscher Billigung konnte Stalin auch die baltischen Staaten einnehmen. Am 28. September 1939, dem Tag, an dem Warschau kapitulierte, schlossen die kommunistische Sowjet-Union und Nazi-Deutschland sogar einen Freundschaftsvertrag.

Adolf Hitler im Originalton: „Ich möchte hier gleich versichern, dass diese politische Entscheidung eine ungeheure Wende für die Zukunft bedeutet und eine endgültige ist.“

„Hitler hat immer wieder gesagt im internen Kreis, dieses Bündnis mit der Sowjet-Union, das kann sich in ein, zwei Jahren ändern.“

Zuerst aber brachte es beiden Seiten nicht nur militärische und politische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile. Das Deutsche Reich bezog Millionen Tonnen Getreide und Erdöl aus der Sowjet-Union.

„Für die Sowjetunion war wichtig: Rüstungs-Know-how. Die Deutschen waren bereit, Pläne für Schlachtschiffe zu verkaufen. Das andere war, man wollte in der Luftrüstung von den Deutschen lernen und die Deutschen haben dann tatsächlich ihre Serienflugzeuge zur Verfügung gestellt, natürlich nicht die Geheimentwicklungen. Und es wurden 6.000 Werkzeugmaschinen geliefert, bis 41 und die konnten für die Munitionsfertigung eingesetzt werden.“

„Die Deutschen boten so viel an. Innerhalb von zwei Monaten schickte die Sowjet-Union 300 Ingenieure, die sich deutsche Waffenschmieden ansehen durften. Niemals hatten Großbritannien oder Frankreich Vergleichbares angeboten. Stalin war regelrecht hingerissen.“

Sergej Kudrjasov vom Deutschen Historischen Institut in Moskau hat keine Hinweise gefunden, dass Stalin oder seinem Politbüro jemals Zweifel an dem Pakt mit Hitler gekommen wären. Auch dann nicht, als überall auf der Welt Nazi-Gegner entsetzt auf die neue Politik der Kommunisten reagierten, so wie der Deutsche Freiheitssender im Pariser Exil.

Kurzfristiger taktischer Schachzug

Originalton Deutscher Freiheitssender: „Sie haben sich durch den deutsch-russischen Vertragsabschluss und die Beteiligung an dem feigen Überfall auf Polen zu Handlangern des Nationalsozialismus erniedrigt.“

„Nach den Akten hat sich Stalin für die politischen Nebenwirkungen überhaupt nicht interessiert. Er hat Dimitrow, den Führer der Kommunistischen Internationale, angewiesen, weltweit alle Propaganda gegen die Nazis einzustellen. Damit waren für ihn alle ideologischen Probleme gelöst.“

Im August 1941 überfiel die Wehrmacht zur großen Überraschung Stalins die Sowjet-Union. Es dauerte fast vier Jahre, bis diese Aggression niedergeworfen wurde. Nach Ansicht des Berliner Slawisten Christoph Koch hätte die Sowjet-Union das vielleicht nie geschafft, wenn Stalin nicht vorher durch seinen Pakt mit Hitler Zeit und Gelände gewonnen hätte, um seine Armee besser aufzustellen.

„Aus der sowjetischen Sicht war alles, was die Sowjet-Union tat, rein defensiv. Aber zu den defensiven Maßnahmen gehörten offensive Maßnahmen gegenüber ihren Nachbarn. Das war ein klarer Bruch des Völkerrechts.“

1945 behielt die Sowjet-Union als Siegermacht des Zweiten Weltkriegs die baltischen Länder ebenso wie die von Polen eroberten Gebiete. Der neue polnische Staat musste sich ins sozialistische Lager einreihen. Erst die Wende in Osteuropa ermöglichte es diesen Völkern, sich vom Einfluss Moskaus zu lösen.

„Der Zerfall der Sowjet-Union hat begonnen damit, dass sich die baltischen Staaten aus dem Verband der Sowjet-Union losgelöst haben. Das war die Reaktion auf die … in diesen Staaten als offensiv empfundene Politik der Sowjet-Union, die dazu geführt hatte, dass die Staaten, die gar nicht wollten, in die Sowjet-Union inkorporiert wurden. Was nicht richtig ist, was nicht gut ist, das hat auch keinen Bestand.“

Für die beiden Diktatoren war der Hitler-Stalin-Pakt nur ein kurzfristiger taktischer Schachzug. Für die betroffenen Völker blieben seine Folgen mehr ein halbes Jahrhundert lang wirksam.

antifa März/April 2014: 2.) Thesen und Argumente aus der Diskussion

In der Zeitschrift „antifa“ Magazin der VVN-BdA für antifaschistische Politik und Kultur, Ausgabe März/April 2014 wurde über die Tagung unserer Gesellschaft im Februar 2014 berichtet:

75 Jahre später:
Thesen und Argumente aus der Diskussion

geschrieben von Tobias Baumann

Die Tagung »Gab es einen Stalin-Hitler-Pakt?« war die vierte im Rahmen einer Reihe wissenschaftlicher Konferenzen, die seit 2007 an der FU zu den deutsch-polnischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veranstaltet werden. Prof. Dr. Christoph Koch, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft und Einlader der Konferenz, verlas Grußworte von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der den »internationalen Teilnehmerkreis« lobte, und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, der mitteilen ließ, dass der Ribbentrop-Molotov-Vertrag vom 23. August 1939 den von Deutschland entfesselten Weltkrieg »erleichterte«.

In seinem Eröffnungsreferat betonte Christoph Koch, dass die »Totalitarismustheorie nicht wissenschaftlicher, sondern politischer Natur ist« und kritisierte die »feinsinnige Propagandaformel«, nach welcher der Vertrag vom 23.08.1939 »am Beginn des Zweiten Weltkriegs steht«. Diese Totalitarismustheorie-Formel verberge die wahren »Ursachen und Beweggründe des Krieges«. Er ergänzte, dass Moskau mit dem »Einmarsch in Ostpolen an die Grenze zurückkehrte, die nach dem Ersten Weltkrieg die Demarkationslinie« zwischen Polen und Russland war und die erst nach dem Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920 und dem Friedensvertrag von Riga 1921 weiter nach Osten verschoben wurde, womit sich das polnische Territorium nahezu verdoppelte, inklusive des litauischen Wilna-Gebiets sowie vornehmlich von Ruthenen (Ukrainer und Weißrussen) bewohnter Gebiete.

Die These des ersten Referenten, Domenico Losurdo, lässt sich zusammenfassen in der Formel, dass Hitler weltweit der »Verfechter der White Supremacy sowie der kolonialistischen Konterrevolution« war, während der sozialistische Vielvölkerstaat als »antikoloniale Revolution« mit dem Anspruch, alle Menschen in Frieden, Gleichheit und Eintracht zu verbinden, zu werten sei. Losurdo hob hervor, dass der »Anführer der siegreichen Revolution der schwarzen Sklaven« der französischen Kolonie Saint-Domingue (ab 1804 Haiti, das erste von Sklaverei befreite Land Amerikas), Toussaint Louverture, autoritär regierte und dennoch »Protagonist der abolitionistischen Revolution« war.

Die Konferenz lieferte einen bedeutenden Beitrag zur Versachlichung der wissenschaftlichen Diskussion über dieses oft politisch interessengeleitete Thema. Die französische Historikerin Annie Lacroix-Riz von der Universität Paris 7 Diderot (laut Christoph Koch die zuerst eingeladene Rednerin, um deren Input sich die Konferenz ausrichten sollte), bewies anhand zahlreicher Archivdokumente, dass der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag nicht aufgrund der »Gemeinsamkeiten der Spießgesellen Stalin und Hitler« (Zitat Erika Steinbach) zustande kam, sondern aufgrund komplexer diplomatischer Strategien, insbesondere Frankreichs und Großbritanniens, die qua faktischer Verweigerung einer Großen Allianz mit Moskau sowie durch systematische Täuschung zunächst der Tschechoslowakei und anschließend Polens ihre einstigen mittelosteuropäischen Verbündeten entweder direkt opferten oder hinterrücks verrieten, um den deutschen Expansionsdrang nach Osten zu lenken.

Ein Beispiel für ihre von deutschen Historikern wie Werner Röhr bestätigte These des französisch-britischen »Katzbuckelns« vor Hitler: Der französische Großunternehmer und Besitzer von Skoda, Eugène Schneider, verkaufte Skoda an Krupp, da das französische Finanzkapital im Osten in der Krise zur Belastung geworden war; die französische Außenpolitik zog sich im Nachgang zum Großkapital auch aus den 1919 als neue französische Einflusssphäre gewonnenen Gebieten zurück und überließ sie dem Deutschen Reich.

Sergey Kudryashov (Deutsches Historisches Institut Moskau) präsentierte Dokumente des Politbüro-Archivs und hob hervor, dass in Paris und London der »Bolschewismus als größere Gefahr im Vergleich zum Faschismus wahrgenommen« wurde. Die Nichtintervention des Westens im spanischen Bürgerkrieg sowie die Opferung Prags in München hätten das Moskauer Politbüro in dieser Überzeugung bekräftigt.

Geoffrey C. Roberts (University College Cork) betonte in seinem Vortrag, dass die Sowjets im Frühling 1939 mehrmals in Warschau nachfragten, ob Polen nicht aufgrund des im April durch Berlin einseitig gekündigten deutsch-polnischen Nichtangriffspakts von 1934 mit dem Kreml gegen Berlin kooperieren wollten. Doch Polen, in dem die kommunistische Partei verboten war, seit 1926 ethnische Minderheiten systematisch unterdrückt wurden und antijüdische Pogrome stattfanden, reagierte nicht.

Michael Jabara Carley (Universität Montréal) erwähnte, dass die russische Außenpolitik bis Mitte der 1930er Jahre nicht antifaschistisch geprägt war (Stalin verhandelte Anfang der 1930er Jahre sehr ernsthaft und intensiv mit Rom über bilaterale Abkommen), sondern antinazistisch- und das auch nach dem August 1939 blieb. Zuvor hatte Litvinov (sowjetischer Außenminister bis 1939) vergeblich kollektive Sicherheitsabkommen verhandelt, nicht nur mit Westeuropa, sondern auch mit Rumänien. Außenminister Nicolae Titulescu musste 1936 wegen ebendieser Verhandlungen mit Moskau zurücktreten. Litvinow versuchte auch, mit den USA ins Gespräch zu kommen, doch das State Department unterwanderte die Initiative Litvinow-Roosevelt zur Aufnahme von Verhandlungen.

Werner Röhr (Edition Organon Berlin) wies am zweiten Konferenztag darauf hin, dass der polnische Militär und Außenminister Beck Ende 1938 die Information Ribbentrops über die »Globallösung« (u.a. Berlins Forderung der Abtretung eines Korridors nach Danzig) nicht an seine Regierung weiterleitete, da er sich die völlige Niederlage seiner jahrelang betriebenen pro-deutschen Außenpolitik nicht eingestehen konnte. Stanislaw Zerko (Požnan) ergänzte die illusionäre Einschätzung von Beck, nach welcher Hitler ein »Gefühl von Mäßigung in Deutschland« verbreitet habe, wie es das seit Bismarcks Zeiten nicht mehr gegeben habe. Marek Kornat (Warschau) sprach vor etwa 70 Diskutanten über die Außenpolitik Polens am Vorabend des Zweiten Weltkrieges und Kurt Pätzold (Leibniz-Sozietät Berlin) über die innenpolitischen Wirkungen des sowjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrages in Nazieutschland.

Ulrich Schneider von der Fédération Internationale des Résistants (FIR) schilderte den Entwurf einer Direktive der Kommunistischen Internationale von Ende September 1939, in der es hieß: »Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen kapitalistischer Länder um die Weltherrschaft geführt«. Er erwähnte, dass zwei Tage nach dem deutsch-russischen Vertrag die Pariser Polizei L‘Humanité überfiel und die Tagesausgabe beschlagnahmte; kurz darauf wurde das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs ganz verboten, anschließend die gesamte kommunistische Presse. Eine Maßnahme, die als Teil der faktischen Annäherung an das antikommunistische Deutschland gewertet werden könne.

Abschließend dozierte Heinrich Schwendemann (Universität Freiburg) über die sowjetische Wirtschaftskooperation mit dem Deutschen Reich und Günter Morsch (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) kritisierte das EU-Projekt, den 23. August als Gedenktag für die »Opfer aller totalitären Regime« zu installieren.

Soweit einige Schlaglichter auf eine äußerst spannende Veranstaltung. Der Konferenzband mit allen Vorträgen soll Ende des Jahres erscheinen.

 

antifa März/April 2014: 1.) Tagungsbericht

In der Zeitschrift „antifa“ Magazin der VVN-BdA für antifaschistische Politik und Kultur, Ausgabe März/April 2014 wurde über die Tagung unserer Gesellschaft im Februar 2014 berichtet:

Ein »Stalin-Hitler-Pakt«?

geschrieben von Regina Girod

Internationale Historiker analysierten die Situation am Vorabend des 2. Weltkriegs

Um es gleich vorweg zu sagen: Daran, dass es den Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion, einschließlich eines geheimen Zusatzprotokolls, in dem Gebietsansprüche beider Länder an Polen festgeschrieben wurden, tatsächlich gab, zweifelte auf dem Kongress niemand. Allerdings merkte ein Referent beiläufig an, dass das Wort »Pakt« eigentlich Militärbündnisse beschreibe und daher für einen Nichtangriffsvertrag nicht zutreffend sei.

Genau das spricht für die Wahl des provokativen Konferenzthemas: Spätestens seit das EU-Parlament beschlossen hat, den 23. August als Leitdatum der europäischen Erinnerungskultur zu etablieren und an diesem Tag der »Opfer aller Diktaturen« zu gedenken, ist der »Hitler-Stalin-Pakt« zu einem Hauptargument für die These »rot gleich braun« geworden. Höchste Zeit also, die realen geschichtlichen Vorgänge um dieses Datum herum aus der Sicht unterschiedlicher europäischer Länder zu analysieren und zu debattieren.

Diesen Anspruch löste die Konferenz überzeugend ein, selten habe ich eine so spannende, vielschichtige und inspirierende Tagung erlebt. Obwohl sich nur ein einziger Beitrag (der von Günter Morsch von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) explizit auf den 23. August als Gedenktag bezog, kann man mit Recht feststellen, dass sie die Vereinfachungen, Verzerrungen und Verfälschungen, die sich notwendig ergeben, wenn Geschichte über den Leisten des Totalitarismus gespannt wird, ad absurdum führte. Leider wird das wohl auch ein Grund dafür sein, ihre Ergebnisse möglichst wenig zu beachten. Mit einer erfreulichen Ausnahme: Der Deutschlandfunk schnitt Teile der Konferenz mit und berichtete einige Tage später.

Die Thesen, Fragen und Haltungen der Referenten und Teilnehmerinnen der Konferenz unterschieden sich stark – gerade das machte ihren Reiz aus. Dass es auch wirkliche Unterschiede in der Sicht von Generationen gibt, zeigte z. B. die Frage eines jungen Teilnehmers an Kurt Pätzold, warum er an die Haltung der Sowjetunion einen anderen moralischen Maßstab anlege, als an die anderen Mächte jener Zeit. Diese Frage, im Sinne der Verteidigung der Sowjetunion gestellt, machte schlagartig deutlich, dass junge Menschen heute keine Vorstellung mehr von den ungeheuren Hoffnungen haben können, die sich einmal auf die Sowjetunion richteten. Um so wichtiger die kritischen Positionen, die gerade auch die beiden aus der DDR stammenden Referenten, Kurt Pätzold und Werner Röhr, zur Haltung Stalins und zu den Folgen des Nichtangriffsvertrages bezogen.

Ulrich Schneider, der über die Reaktionen der Komintern und von Antifaschisten im Exil und in den Konzentrationslagern auf den Nichtangriffsvertrag referierte, brachte als Generalsekretär der FIR und Bundessprecher der VVN-BdA einen Teil jener Erfahrungen in die Debatte ein, die wir als politischer Verband weitertragen. Dieses Anliegen war auf der Tagung gut aufgehoben. Die aus mehreren Bundesländern zu der Konferenz angereisten Mitglieder der VVN-BdA werden meine Einschätzung sicher teilen, dass die Beteiligung als Mitveranstalterin dieser Tagung unserer Organisation gut zu Gesicht stand.

(sh auch Teil 2, Thesen und Argumente aus der Diskussion)