Monthly Archives: Oktober 2016

Polens Rolle rückwärts

pilawski_politt_polen„POLEN und wir“-Autor Holger Politt hat gemeinsam mit dem polnischen Publizisten Krzystof Pilawski im VSA-Verlag Hamburg ein Buch über den Aufstieg der Nationalkonservativen und die Perspektiven der Linken in Polen herausgebracht. Das Buch ist beim VSA-Verlag und im Buchhandel zum Preis von 14.80€ erhältlich.

Der politische Rechtstrend in Polen ist unübersehbar. Jarosław Kaczyński, der starke Mann hinter der im November 2015 vereidigten Ministerpräsidentin Beata Szydło, verkündet, dass das Jahr 2015 in der jüngsten Geschichte des Landes genauso wichtig sei wie das Jahr 1989.

Verhasst ist ihm die politische Ordnung, die sich nach 1989 zwischen der damaligen »Solidarność«-Opposition und der Regierungsseite in Polen herausgebildet hatte. Er hält die seinerzeit am Runden Tisch gefundene Weichenstellung für Verrat, weil sie einer endgültigen Abrechnung mit dem Staatssozialismus den Weg verbaut habe. Nun greift er die liberale Verfassung von 1997 an, da sie Polens erfolgreichen Weg in die Zukunft verhindere.

Diese auch vor dem Hintergrund der Rechtsverschiebungen in anderen europäischen Ländern beunruhigenden Entwicklungen können nicht ohne den Niedergang der Linkskräfte in Polen verstanden werden. Nach spektakulären politischen Erfolgen wurde ein hoher Preis bezahlt für die unkritische Bereitschaft, das Land für den ersehnten Beitritt zur Europäischen Union fit zu machen.

Nunmehr ist es die Kaczyński-Partei, die mit ihren nationalkonservativen Argumenten den neoliberal geprägten Weg eines möglichst schnellen Wirtschaftswachstums auf den Prüfstein stellt – doch um welchen Preis für die Demokratie in Polen und Europa?

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung stellt das Buch kostenlos als PDF-Datei zur verfügung: „polens rolle rueckwaerts“

Autobahn bis Ukraine fertig

Auf der Autobahn A4 durch den Süden Polens wurde jetzt das letzte Teilstück im Bereich einer Autobahnbrücke östlich von Rzeszów freigegeben.

Damit ist die 672 Kilometer lange Strecke zwischen der deutsch-polnischen Grenze bei Görlitz und dem Grenzübergang zur Ukraine bei Korczowa durchgehend befahrbar. Die Autobahn gehört als E40 zum transeuropäischen Fernweg vom französischen Calais über Kiew bis nach Kasachstan. Sie führt durch insgesamt fünf polnische Woiwodschaften und passiert Städte wie Wrocław (Breslau), Katowice (Kattowitz) und Kraków (Krakau). Die Strecke ist für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen Gewicht durchgehend mautpflichtig, für Pkw bislang nur auf einzelnen Teilstrecken.

Alojsy Twardecki gestorben

Alojzy Twardecki, cala Polska, 01.10.2016 - nekrologIn der am 1.10.2016 erschienenen Ausgabe von POLEN und wir veröffentlichten wir einen weiteren Artikel über den „Mann mit den drei Namen“, Alojsy Twardecki. Wenige Tage zuvor, am 27. September, im Alter von 78 Jahren verstorben.

Alojsy Twardecki (um 1980)

Alojsy Twardecki (um 1980)

 

 

 

 

 

 

Die Geschichte von Twardecki wird im Buch „Die Schule der Janitscharen“ (übersetzt von Prof. Christoph Koch) geschildert. Alojzy Twardeckis Schule der Janitscharen ist das bislang einzige
Buch, das aus dem Munde eines Betroffenen in der Rückschau des jungen Erwachsenen über das Schicksal Tausender von Kindern aus den von Deutschland im Zweiten Weltkrieg eroberten
Ländern berichtet.

51p0oisngflDiese Kinder wurden, da blond und blauäugig, im Rahmen des nationalsozialistischen Programms der «Rettung deutschen Blutes» der «Eindeutschung» für würdig befunden, ihren Eltern gewaltsam fortgenommen, in Kinderheimen einer Umerziehung zur Auslöschung ihrer tatsächlichen Identität unterzogen und endlich mit deutschem Namen, deutschem Lebenslauf und nationalsozialistischem Bewußtsein im «Reich» in Pflege durch systemkonforme Familien gegeben. Der Hauptteil des Buches berichtet über die jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen der leiblichen Mutter und der Adoptivfamilie, zwischen den polnischen und deutschen Behörden um den Besitz des glücklich wiedergefundenen Kindes, das sich endlich bei einem Besuch der polnischen Mutter für den Verbleib in Polen entschied.
Das Buch zeichnet ein eindringliches Bild der im Schatten des Dritten Reiches entstehenden westdeutschen Nachkriegsrepublik und der deutsch-polnischen Beziehungen im Zeichen des fortschreitenden Kalten Krieges. Ebenso eindringlich ist das Bild des bleibenden Niederschlags
dieser Verwerfungen in der Psyche des Kindes, das die Kluft zwischen seiner deutschen und
seiner polnischen Identität im späteren Leben nie gänzlich zu schließen vermochte. Das Vorwort
des Buches gibt einen Überblick über die Behandlung des Themas der nationalsozialistischen
Eindeutschungspolitik in Wissenschaft und gesellschaftlichem Bewußtsein auf beiden Seiten der
deutsch-polnischen Grenze.

 

Wir sind Juden aus Breslau

Aktuell: Ein sicher interessanter Film, zu dessen Premiere trotz rechtzeitiger Kontakte die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland und die Zeitschrift „POLEN und wir“ keine Einladung erhält. Wir können deshalb auch nicht eigenständig darüber berichten. (4.11.16)

face-carte-postal-a6-alemandSie waren jung, blickten erwartungsfroh in die Zukunft, fühlten sich in Breslau, der Stadt mit der damals in Deutschland drittgrößten jüdischen Gemeinde, beheimatet. Dann kam Hitler an die Macht. Ab diesem Zeitpunkt verbindet diese Heranwachsenden das gemeinsame Schicksal der Verfolgung durch Nazi-Deutschland als Juden: Manche mussten fliehen oder ins Exil gehen, einige überlebten das Konzentrationslager Auschwitz. Der Heimat endgültig beraubt, entkamen sie in alle rettenden Himmelsrichtungen und bauten sich in den USA, England, Frankreich, und auch in Deutschland ein neues Leben auf. Nicht wenige haben bei der Gründung und dem Aufbau Israels wesentlich mitgewirkt.

14 Zeitzeugen stehen im Mittelpunkt des Films, der am 6.11.16, 17 Uhr, im Kino Nowe Horyzonty, Wrocław, seine Weltpremiere hat (Deutschlandpremiere 12.11.16, 16 Uhr, Filmfestival Cottbus, ab 13.11. auch in Berlin zu sehen). Sie erinnern nicht nur an vergangene jüdische Lebenswelten in Breslau. Ihre späteren Erfahrungen veranschaulichen eindrücklich ein facettenreiches Generationenporträt. Einige von ihnen nehmen sogar den Weg in die frühere Heimat auf sich, reisen ins heutige Wrocław, wo sie einer deutsch-polnischen Jugendgruppe begegnen. Gerade in Zeiten des zunehmenden Antisemitismus schlägt der Film eine emotionale Brücke von der Vergangenheit in eine von uns allen verantwortlich zu gestaltende Zukunft.

Eine Rolle im Film spielt auch der Wiederaufbau einer jüdischen Gemeinde in Wrocław. Diese Einbindung macht die Fallhöhe deutlich, der Kontrast zum Vergangenen, zum unwiderruflich Verlorenen, wird schmerzhaft größer und deutet doch die Möglichkeit eines zarten Neubeginns an.

Der Film entstand in Kooperation mit der Bente-Kahan-Stiftung in Wrocław unter der Schirmherrschaft von Rafał Dutkiewicz, Stadtpräsident von Wrocław, und Władysław Bartoszewski,Bevollmächtigter des Premierministers in Angelegenheiten des Internationalen Dialogs (posthum).