Monthly Archives: Dezember 2017

Familiärer-Künstlerischer Dialog

Drei Generationen in einer Kunstausstellung
Album rodzinny in der Galerie der Alten Synagoge Rzeszów

Falls Kreativität und Kunstfertigkeit vererbbar sind, so wurde das Künstlergen bei den Pisarek´s weitergereicht. Drei Generationen widmen sich der Kunst und beeinflussen sich, ob bewusst oder unbewusst, gegenseitig durch die Inspiration und den Austausch.
Zu Ehren des 90. Geburtstags der Künstlerin und „Genträgerin“ Renata Niemirska-Pisarek, wurde am 5. Oktober 2017 in Rzeszów die Ausstellung „Album rodzinny“ (Familien-Album), die eine außergewöhnliche Familiengeschichte erzählt, eröffnet. Zu erkennen ist nicht nur ein Dialog zwischen den Künstlern, sondern ein Dialog zwischen den Künsten: Malerei, Zeichnung, Grafik, Fotografie, Skulpturen und Schnitte.
Die Ausstellung stellt die Werke und Arbeiten der Künstlerpersönlichkeiten Renata Niemirska-Pisarek, ihrer beiden Söhne Krzystof und Łukasz Pisarek, sowie ihrer zwei Enkelkinder Szymon und Anna Pisarek in ein ganz neues Licht.
Zentraler Treffpunkt der künstlerischen Inspiration sind die gemeinsam veranstalteten Mittagessen, wo Familienanekdoten erzählt und Fotoalben gesichtet werden. Die Ausstellung spiegelt diesen Familienbund wieder und lässt einen familiären-künstlerischen Dialog entstehen, der die verinnerlichten Erinnerungsorte aufzeigt.
Renata Niemirska-Pisarek studierte Malerei an der Akademie der Künste in Krakau. Sie nahm an zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen, unter anderem in Berlin und Paris teil und realisierte über 30 individuelle Ausstellungen. Die Künstlerin wurde für ihre Arbeit mit vielen Preisen ausgezeichnet, beispielsweise dem Preis des Präsidenten der Stadt Rzeszów für ihr gesamtes Lebenswerk.
Renata Niemirska-Pisarek versetzt jedes Gemälde mit Narration und gibt nostalgisch, still und metaphorisch die Realität wieder. Den Betrachter zwingt sie damit liebevoll aber entschieden zur Reflexion.
Ein besonderes Projekt der Ausstellung ist die Porträt-Reihe, inspiriert von dem Gemälde „Kazik“ von Renata Niemirska-Pisarek. Vom Ursprungsbild angeregt, fertigte Krzysztof Pisarek Fotografien der weiteren Familienmitglieder an. Er arbeitete aufgrund der extremen Nähe zum Original, eine unverkennbare Ähnlichkeit heraus, wodurch beim Betrachter ein Gefühl der Zugehörigkeit, Geschlossenheit und faszinierender familiärer Stärke, ausgelöst wird.
Krzysztof Pisarek’s Grafik „Ojciec“ (Vater) ist hingegen eine direkte Antwort auf das Gemälde „Portret we wnętrzu“ (Porträt im Inneren) seiner Mutter. Zu sehen ist jeweils Kazimierz Pisarek und Renata im Hintergrund. Man erkennt auf Anhieb die tiefe Verbundenheit des Ehepaares. Das Zitat des Gemäldes spricht über das stillschweigende Verständnis füreinander. Die Antwort des Fotografen bildet eben dieses Verständnis für diese besondere Bindung.
Weitere ausgestellte Werke diskutieren das Leitthema Frauenkörper, mit dem sich Renata Niemirska-Pisarek in verschiedenen Phasen ihres Lebens auseinandersetzte. Eine Identitätssuche und ein Kampf um die Akzeptanz der Imperfektion als Idealbild des Frauenkörpers. Die Nacktheit der Frauen, stellt die Reinheit, das Ursprüngliche dar, weshalb die Linolschnitte „Wilki“ (Wölfe) der Grafikerin und Kostümbildnerin Anna Pisarek gegenübergestellt wurden: das Animalische im Menschlichen.
Łukasz, Absolvent der Akademie der Künste in Katowice, fügte der Ausstellung zu diesem Leitgedanken seine Aktzeichnungen hinzu. Diese nehmen einen Dialog zu Renatas Gemälden auf. Eine Konfrontation mit der Reinheit und der Enthüllung des Wahrhaftigen.
Weitere Verbindungen konnten durch die Stillleben hergestellt werden: Szymon Pisarek, Absolvent der Filmakademie Lódz, zeigt seine Fotografien des Zyklus „Domator“ (Stubenhocker), die im Austausch zu Fotografien von Krzysztof aus dem Zyklus „Translokacje“ (Translokationen), sowie mit Gemälden von Łukasz und Renata stehen. Es sind allesamt verschieden dargestellte Gegenstände, die aufgrund ihrer Komposition das Alltägliche auf phänomenologische Weise demaskieren. Ein Versuch, zu erkennen und abzubilden, was wirklich ist.
Eine einzigartige Familiengeschichte und eine umso einzigartigere Kunst, die Erinnerungsorte lebendig werden lässt und einen bis dahin verborgenen Dialog zwischen den verschiedenartigen Künstlerpersönlichkeiten enthüllt. Die Ausstellungsstücke wurden in einen neuen Kontext gestellt und erhielten dadurch eine neue Bedeutung. Sie erzählen nun eine Geschichte über Zugehörigkeit und die Stärke des Familienbundes, der sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht. Eine ehrenvolle Würdigung der unterstützenden, inspirierenden Groß/-Mutter und einer starken, verblüffenden Künstlerin. 

75. Krippen-Wettbewerb

Eine Tradition findet auch Anklang bei den Kindern

Über 160 Krippen am Mickiewicz-Denkmal ausgestellt

Weihnachtskrippen sind in christlichen Gegenden nichts Besonderes. Mal ist es eine Hütte, mal eine Höhle und mal ein Stall. Darin die Figuren von Maria und Joseph und in einer Krippe das Jesuskind. Dazu gehören meist noch Ochs und Esel. Wie man sich als mitteleuropäischer Christ die Szenerie in Bethlehem eben so vorstellt.
Eine Ausnahme gibt es. Krakauer Krippen (Szopka) sind anders. Auch sie erinnern an die Geburt Jesu. Aber man verbindet das mit mit vielen anderen Elementen. Sie präsentieren die Architektur der wichtigsten, interessantesten und schönsten Bauwerke der Stadt. Sie tragen meist Türme, die sich an dem höheren Turm der Marienkirche mit dem Turmkranz in Form einer Krone orientieren. Der Helm steht dabei für den Trompeter, der stündlich das Signal vom Turm spielt. Dabnei geht es nicht darum, alles real zu kopieren, sondern die Fantasie walten zu lassen. Unten im Eingang findet man meist die heilige Familie dargestellt, aber auch den Krakauer Drachen oder prominente Persönlichkeiten. Wichtig: Die „Krippe“ muss glänzen, soll die strahlende Kirche darstellen. Dabei sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Es ist ein Stück Volkskunst mit alter Geschichte. Die Tradition geht in das 19. Jahrhundert zurück. Unterbrochen im ersten Weltkrieg wurde 1923 durch das Industriemuseum die Kunst des Krippenbaus wiederbelebt, jedoch nicht so aufwendig und künstlerisch. 1937 gab es einen ersten Wettbewerb, doch der Beginn des Krieges machte dem wieder ein Ende.
1945 wurde der Wettbewerb wieder aufgenommen und wurden immer größer. Über 160 Krippen waren es im letzten Jahr, davon 120 von Kindern und Jugendlichen. Modellbauer oder Familien, Schulen und Kindergärten oder Rehaeinrichtungen, sie alle bauen nicht nur die „Krippen“, sondern sie präsentieren sie jetzt einmal im Jahr auf dem Krakauer Markt, dem Stary Rynek. Rund um das Denkmal des Nationaldichters Adam Mickiewicz stellen sie am ersten Donnerstag im Dezember ihre Werke zur Besichtigung durch die Bevölkerung, vor allem aber der Jury, die in den unterschiedlichsten Kategorien die Sieger ermittelt. Die besten Werke werden dann von Mitte Dezember bis Ende Februar im historischen Museum der Stadt ausgestellt. Einige besondere Stücke werden vom Museum auch aufgekauft, für spätere Ausstellungen.
7. Dezember 2017: Zum 75. Mal findet der Wettbewerb statt. Ein kalter, aber sonniger Wintertag in Krakau. Es sind wirklich sehr unterschiedliche Werke, die da präsentiert werden. Klassisch werden sie aus Pappe oder Sperrholz gefertigt und dann mit farbigem Stanniolpapier verziert. Manche erinnern dabei an orthodoxe Kirchen mit goldfarbenen Kuppeln, andere kommen ganz künstlerisch daher, mit den unterschiedlichsten Figuren. Auch Tod und Teufel gehören dazu.

Die wohl kleinste Krippe die an diesem Tag gezeigt wird, ist in einem Teelöffel eingebaut. Eine der größten, rund zwei Meter. Erbaut von Karol. Schon sein Vater hatte besondere Krippen entworfen. Er selbst hat vor dreizehn Jahren mit seiner Krippe begonnen, mit der er jetzt auf einen Preis hofft. Ganz anders Marcin. Er ist Student, kam erst vor zwei Monaten aus Białystok nach Krakau und hat Legosteine für den Bau seiner Krippe benutzt. Gerade einen Monat hat er daran gebaut. Ein anderer wollte zeigen, dass es nicht auf das Material ankommt und hat Nudeln verarbeitet. Die Cannelloni-Röhren (natürlich ungekocht) sehen wie Baumstämme aus, aus denen die Krippe entstand, kleine flache Nudeln dienten als Fußboden.
Besonderes Interesse vieler Besucher finden die Kreationen der Kleinsten. Da sind dann beispielsweise die Engel über der Krippe mit Wasserfarben gemalt und ausgeschnitten.

Zwei Stunden stehen die Krippen auf den Denkmalstufen. Dann geht es im Prozessionszug zur Bühne neben dem Rathausturm. Dort wird jedes Stück nochmal vorgestellt. Dann heißt es warten. Drei Tage später gibt die Jury die Gewinner bekannt.
Das Historische Museum Krakau, hält es für wichtig, die Tradition der besonderen Krippen für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Die Kunstwerke werden nicht nur dort im Museum, sondern auch in Ausstellungen im Ausland präsentiert. Regelmäßig finden solche Ausstellungen auch in Deutschland statt.
Krakau, die frühere Königsstadt, die immer noch mit Warschau um die Gunst der wichtigsten Stadt Polens ringt, ist zu jeder Jahreszeit ein empfehlenswertes Reiseziel. Besonders auch im Winter. Wer kann, sollte seinen Reisetermin im neuen Jahr so legen, dass er die Präsentation der Krakauer Krippen inmitten des Weihnachtsmarktes miterleben kann.

Mehr Infos im Internet unter:
www.polen.travel;
www.krakow.pl
www.museums.krakow.travel


Die Recherchereise für diesen Artikel wurde durch das polnische Fremdenverkehrsamt Berlin ermöglicht.