„Jazz an der Oder“ feiert 50. Geburtstag

By | 31. März 2014

Grammy-Preisträger Gregory Porter zu Gast in Wrocław

Seit genau 50 Jahren wird in der niederschlesischen Metropole Wrocław (Breslau) das Festival „Jazz nad Odrą” (Jazz an der Oder) veranstaltet. Aus einem ursprünglich studentischen Festival hat sich seit 1964 eine der renommiertesten Jazz-Veranstaltungen in Polen entwickelt. Zur Jubiläums-Ausgabe vom 4. bis 13. April 2014 erwartet die Oderstadt unter anderem den Grammy-Preisträger Gregory Porter, den Sänger und Pianisten Peter Cincotti und den Saxofonisten Kenny Garrett. Im Rahmen der großen Festivalgala in der Breslauer Jahrhunderthalle werden polnische Top-Jazzer auf Spitzenmusiker aus aller Welt und frühere Gewinner des Festivalwettbewerbs treffen.

In Breslau werden die Besucher auch eine Band erleben, die bereits beim ersten Festival „Jazz nad Odrą“ 1964 auftrat und damals den Wettbewerb für sich entschied: das „Jazz Band Ball Orchestra“. Die Gruppe war 1962 von sechs jazzbegeisterten Musikstudenten in Kraków (Krakau) gegründet worden. Sie tourte schon bald nach ihrem Erfolg beim „Jazz an der Oder“ durch ganz Europa, die USA und Kanada – im Gepäck ihre Interpretationen der Musik von Jazz-Legenden wie Duke Ellington, Louis Armstrong oder Dizzy Gillespie. Am 12. April 2014 ist die Band bei der großen Gala in Breslau mit dabei. Die Geburtstagsparty wird in der zum UNESCO-Welterbe zählenden Hala Stulecia (Jahrhunderthalle) stattfinden. Während der fünfstündigen Veranstaltung können die Festivalbesucher dort auf zwei Bühnen Polens Jazz-Elite und Stars von Weltrang erleben. Künstler wie Tomasz Stańko, Leszek Możdżer und Stanisław Sojka werden ebenso mit von der Partie sein, wie Jon Faddis, Joey deFrancesco oder Bobby Hutcherson.

Jazz der Spitzenklasse wartet auf Musikbegeisterte auch bei anderen Konzerten während des zehntägigen Jubiläums-Festivals. Mit dem US-amerikanischen Sänger und Komponisten Gregory Porter konnte die Festivalleitung den Grammy-Preisträger 2013 für das beste Jazz-Gesangsalbum nach Breslau holen. Neben internationalen Größen wie Peter Cincotti, Kenny Garrett oder dem Billy Childs All-Star Quintet werden auch polnische Stars wie Piotr Wojtasik oder Marek Napiórkowski sowie das „Gumbo get“ Project von Piotr Baron zu hören sein.

Eigens für die 50. Ausgabe des Festivals wird der legendäre Jazzclub Rura wieder zum Leben erweckt. Er befindet sich im Kammersaal von Impart und bietet die Kulisse für nächtliche Konzerte und Jam Sessions. „Jazz an der Oder“ bietet auch zahlreiche Begleitveranstaltungen. So können sich Einwohner und Besucher der niederschlesischen Hauptstadt auf eine Parade im New-Orleans-Style freuen oder die Dokumentarfilme von Andrzej Wasylewski genießen. Als gemeinsames Projekt des Jazzfestivals und des Festivals des Bühnenliedes findet zudem im Teatr Capitol ein Re-Inszenierung der legendären Rat Pack-Konzerte von Sammy Davis Jr., Frank Sinatra und Dean Martin statt.

Als die polnische Studentenvereinigung ZSP im März 1964 das erste Festival „Jazz nad Odrą“ veranstaltete, genoss die Jazzmusik besonders unter jungen Leuten in Polen bereits einen hohen Stellenwert. War der Jazz zu Zeiten Stalins in den Untergrund gedrängt worden, so erlebte er nach dessen Tod 1953 eine neue Blüte in Polen. Schon 1954 fand in Kraków (Krakau) das erste Allerseelen-Jazzfestival statt, 1956 trafen sich Zehntausende zum Jazzfestival in Sopot (Zoppot). Krzysztof Komeda, einer der begnadetsten polnischen Jazzmusiker der damaligen Zeit, hatte dort seinen ersten Auftritt.

Während andere Jazz-Events im Laufe der Jahrzehnte an Bedeutung verloren oder ganz aus dem Konzertkalender verschwanden, hat sich „Jazz an der Oder“ zu einem der wichtigsten Jazz-Ereignisse Polens entwickelt. Bis 1989 war der Studentenverband Träger des Festivals. Einige der bekanntesten Jazzmusiker Polens wie der Saxofonist Henryk Miśkiewicz oder die Sängerin Ewa Bem feierten dort ihre ersten Erfolge. Später organisierte eine eigens gegründete Stiftung das Festival, danach übernahm die Stadt die Trägerschaft. Für die Umsetzung ist seit 2004 das Breslauer Festivalbüro Impart verantwortlich. „Jazz nad Odrą“ brachte in den vergangenen Jahrzehnten weltberühmte Jazzmusiker und -ensembles wie Chet Baker, Pat Metheny, Al di Meola oder zuletzt Branford Marsalis und Cassandra Wilson in die Odermetropole.