Böse Spiele sind verboten

By | 15. April 2014

Das „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“

Böse Spiele sind verboten

Polnische Kinder in deutscher Fürsorgeerziehung

Von Friedrich Leidinger

Urszula Sochacka wurde in den späten fünfziger Jahren geboren. Nichts kam ihr an ihrer Familie auffällig vor. Dass man sich nicht in den Arm nahm, schien ihr normal, dass sie immer ein starkes Mädchen sein sollte, dass man nicht über Gefühle redete und sie noch weniger zeigte – auch. Sie zog früh zuhause aus, machte ihren Magister an der Jagiellonen-Universität in Krakau, ging danach an die berühmte Filmhochschule in Lodz, die sie als Filmregisseurin abschloss. Sie arbeitete beim Fernsehen und hatte Erfolg mit ihren Dokumentarfilmen.

Und dann kam der Tag im Dezember 2007, als sie die Garage ihres verstorbenen Vaters aufräumte, in einem Karton mit vielen unsortierten Papieren kramte, und einen Zettel fand, den Entlassungsschein aus dem „Polen-Jugendverwahrlager der Sicherheitspolizei in Litzmannstadt“. Plötzlich war die große Distanz, die sie ein Leben lang gefühlt hatte, einer schmerzhaften Nähe gewichen. Es kam ihr vor, als müsste sie gleich zu ihm laufen, zum ersten Mal verspürte sie Sehnsucht nach ihrem Vater. Ihr Vater, der eines von 12.000 Kindern des Lagers an der „Gewerbestraße“, vormals Ulica Przemysłowa, im von den deutschen Besatzern „Litzmannstadt“ genannten Lodz und einer von 900, die bis zum Schluss in dieser Hölle lebten, gewesen war. Niemand in der Familie, nicht ihre Mutter, nicht ihre Schwestern und sie selber auch nicht, hatte je darüber gesprochen. Sie fühlte sich schuldig, sie fragte sich, wie sie, wie die ganze Familie den Vater mit dieser Geschichte allein lassen konnte. Sie stellte sich Fragen über Fragen, sie, die Tochter eines Menschen, der als „asozialer und krimineller Jugendlicher“ in ein Lager gekommen war, die das Lagerschicksal ihres Vaters geerbt hatte. Sie wollte das, was in ihr aufgebrochen war, nicht wieder verschließen. Sie wusste die Botschaft ihres Vaters, die er ihr in der Garage hinterlassen hatte, zu deuten. Urszula Sochacka ließ sich von ihrem toten Vater auf eine Reise einladen, die sie an den Ort seiner Jugend und zu vielen noch lebenden Zeitzeugen führte. Es war am Ende auch eine Reise zum Vater und zu ihrer eigenen Rolle als Angehörige der zweiten Generation.

Sechs Jahre später ist ihr Reisebericht fertig, ein 70 Minuten dauernder Dokumentarfilm, produziert vom Fernsehsender TVN und der Krakauer Gesellschaft „U Siebie“. Er zeigt die Autorin auf der Suche nach Spuren und Zeugnissen, die vom Schicksal ihres Vaters und seiner Leidensgenossen berichten, und er zeigt, wie Kinder heute versuchen, sich in die Welt Gleichaltriger vor mehr als 70 Jahren zu versetzen, in die Welt von Kindern im Krieg und unter der deutschen Terrorherrschaft.

Und immer wieder die Frage der Schuld. Ein Kind ist unschuldig, aber wer als Kind bestraft wird, hat Schuld. Wofür? Wir hören: Zofia 11 Jahre alt, hatte die Hausherrin im Vorderhaus beim Schäferstündchen mit einem Polizisten beobachtet und das Geheimnis nicht für sich behalten. Alicja war Hausmädchen bei einer deutschen Familie. Als sie 3 Tage wegen einer Krankheit nicht zur Arbeit kam, wurde sie beim Arbeitsamt angezeigt. Jan wurde einfach mitgenommen, ohne zu wissen warum. Und Emilia schwänzte die deutsche Schule. Dafür kam man in ein KZ?

Das Jugend-KZ in Lodz war eine Einrichtung der Jugendfürsorge. Die Einweisung erfolgte auf behördliche Anordnung, die Begründungen sind individuell: „ … gefährdet durch Herumtreiberei deutsche Jugendliche …“, „ … obdachloser Streuner …“ oder „ … Obstdiebstähle, vor allem in deutschen Gärten …“, „ … Einweisung zum eigenen Schutz dringend erforderlich …“, „ … betreibt seit einem Jahr Schleichhandel …“, „ … zum Schutz vor vollkommener Verwahrlosung dringend erforderlich …“. Das jüngste Kind, dass in dem KZ an der Gewerbestraße aufgenommen wurde, war bei der Einweisung 2 Jahre und 3 Monate alt. Er überlebte. Wir lesen in alten Akten. Das Papier ist nur leicht vergilbt. Das Farbband der Schreibmaschine frisch. Deutsche Ordnung.

Aus den ehemaligen Häftlingen, die vor Sochackas Kamera erzählen, sprudelt nur so die Erinnerung. Ein Leben lang haben sie gewartet, dass ihnen jemand zuhört, dass sich jemand für ihre Geschichte interessiert. Nicht immer ließen sie ihre Familie über ihre Jugendzeit im Unklaren. Oft waren es gerade die Angehörigen, die zum Schweigen aufforderten: Vergiss das besser, das war doch nicht so schlimm, natürlich warst du unschuldig, aber für nichts, bist du doch nicht dahin gekommen. Oder: So ein Lager hat es gar nicht gegeben. Diese Kinder haben auch als Erwachsene noch geschwiegen. Sie wussten es besser, sie kannten das Lager, sie trugen es in sich. Als in den siebziger Jahren einige der Überlebenden die Aufnahme in den polnischen Verband der Widerstandskämpfer Zbowid beantragten, da wurden sie ausgelacht: Ihr Gesindel? Ihr Hooligans? Sie bestritten sogar die Existenz von Lagern in Lodz. Für sie gab es nur Auschwitz, Buchenwald, Majdanek.

Gibt es ein Bild für Hunger? Die Kamera fährt in Nahaufnahme über Kanapees. Wir hören Stimmen aus dem Off, eine Familienfeier? Ein Empfang? Wir denken an Kinder, die vor Hunger und Kälte weinen. Sattessen? Essen, bis du satt bist? Bogdan ist wirklich amüsiert über die Frage. Alicja hat ein Stück Zeitung abgerissen und gegen den Hunger gekaut. Jerzy hat einen älteren Jungen gesehen, der fing eine Maus, hielt sie am Schwanz, schlug sie gegen einen Betonpfosten und aß sie auf. Es gab wässrige Kohlsuppe. Wer einen Knochen fand, mörserte ihn zwischen Steinen zu Brei. Eine Delikatesse.

Die Tochter einer Überlebenden erinnert sich, wie sie als Kind immer alles aufessen musste. Sie durfte nicht aufhören zu essen. Wenn sie genug Brot und Butter hatte, gab es auch keinen Grund sich zu beschweren. Kapo-Mentalität nennt sie das. Das Lager lebt in den Kindern seiner Insassen weiter. Als seien die Eltern neidisch auf die Kinder, die es besser haben. Die Eltern sind es, die den Kindern Vorwürfe machen. „Da ist so ein tiefer Groll“.

Wir haben schon früher von Kindern in den Konzentrationslagern gehört. Anna Seghers „Nackt unter Wölfen“ setzte ihnen ein literarisches Denkmal. Es ist trotz aller Grausamkeit ein Monument der Humanität. Das Jugendverwahrlager in Lodz ist anders. Hier sind nur Kinder und Jugendliche unter den Häftlingen. Sie sind absolut schutzlos der Gewalt ihrer deutschen Aufseher und Erzieherinnen ausgeliefert. Einmal kommt eine Gruppe Kinder aus Auschwitz. Sie weinen nur und meinen, dort war es besser, weil ihnen dort die erwachsenen Häftlinge geholfen haben.

Hunger und Schläge. Die Schläge kommen spontan und ritualisiert. Die Kinder müssen mitzählen. Und wenn sie falsch zählen, geht es wieder von vorn. Mit dem Stock, mit der Peitsche, mit dem Schuh, mit der Holzlatte. Irgendwie muss man machen, dass man nicht auffällt. Ordnung und Sauberkeit. Mit Sand den Boden schrubben, mit dem Besen hinterher und dann alles wischen. Wasser mit der Hand pumpen, während ein SS-Mann mit seiner Lederpeitsche blutige Striemen auf die nackten Rücken der Jungen zeichnet. Kartoffeln für die Deutschen schälen. Weil sie dabei das Haar offen trägt, wird Zofia kahl geschoren und bekommt 5 Stockhiebe aufs Gesäß. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Straßen gewalzt, bei der Ernte geholfen, Nadeln gerade gerichtet, geputzt. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das Erziehungsziel war bedingungslose Unterordnung unter die deutschen Herren.

Wer sich nicht unterordnet, wer gegen die Lagerordnung verstößt, kommt ins Haus 8. Dort gibt es mehr Arbeit, mehr Prügel, weniger zu essen und zu trinken. Die Kinder sterben mit der Zeit, einfach so. Es führt kein Weg zurück. Und das Schlimmste: Da war ein Junge, der schlug die Elenden noch. Monatelang reist die Autorin durch Polen, zeigt den Zeitzeugen Fotos ihres Vaters, immer in der Angst, dass sie ihn erkennen, dass sie sagen, „der war’s, der hat uns geschlagen“. Wie sagt ein anderer Überlebender: „Eigentlich wundere ich mich, dass ich nach all dem noch irgendwelche Gefühle für andere Menschen haben kann.“ Denn, es gibt keine Solidarität untereinander. Jeder sorgt nur für sich und sein eigenes Überleben.

Der Tod war für die Kinder ein alltäglicher Begleiter. Kinder wurden beim Fluchtversuch erschossen, sie wurden mit kaltem Wasser übergossen, sie starben an Prügel und Hunger und sie vergingen einfach so.

Nach über hundert Gesprächen, in denen der Schmerz so frisch und die Angst so schrecklich war, als sei alles gestern passiert, gelingt es Urszula Sochacka ihren eigenen Schmerz zuzulassen. Sie spricht offen über die Traumatisierung, die sie als Tochter eines Häftlings erfahren hat, die Folgen der Antipädagogik, der Erziehung – nein, nicht des Hasses, denn das wäre letztendlich etwas Menschliches, sondern – der Herrenmenschen, also der Unmenschlichkeit. Eine Erziehung, die jede Selbstachtung und damit jede Achtung vor Anderen zu zerstören trachtet. Und die sich auf die nächste Generation fortpflanzt. Sie versteht ihr Gefühl von Verlassenheit, die Antwort auf das Gefühl von Verlassenheit, das ihren Vater gequält hat, weil sie ihn nie gefragt hat, weil er alles getan hat, damit sie nicht fragt. Und sie kann seine Verlorenheit anerkennen, seine geraubte Kindheit. Am Ende kann sie auch anerkennen, wie viel von seinen Talenten in ihr weiterlebt.

Der Film ist mehr als nur ein Dokumentarfilm. Er erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen Tochter und Vater und die Geschichte einer Selbstheilung, der Aneignung einer Lebensgeschichte, die Rekonstruktion einer zerstörten Kindheit.076