Lügenkultur?

By | 13. Dezember 2016

Seit dem 29. Juli 2016 vertritt Prof. Dr. habil. Andrzej Przyłȩbski, international renommierter Philosoph, Schüler von Hans-Georg Gadamer, Organisator des Internationalen Hegel-Kongresses 2006 in Poznań und als ehemaliger Kulturattaché langjährig in der Auslandskulturarbeit erfahren, die Republik Polen als Botschafter in Berlin. Diesen Hintergrund muss man kennen, um die Qualität des Skandals um die vorzeitige Abberufung von Katarzyna Wielga-Skolimowska, bis zum 1. Dezember Leiterin des polnischen Kulturinstituts in Berlin, zu ermessen.

Ihr fristloser Rauswurf ist Teil einer personellen Neuausrichtung der 24 polnischen Kulturinstitute im Ausland, die im ersten Jahr der PiS-Regierung die Mehrheit der Leitungen das Amt gekostet hat. Diese Kulturinstitute arbeiten im Regierungsauftrag, weshalb es als legitim gelten mag, wenn die Regierung ihre inhaltlichen und personellen Vorstellungen auch durchsetzt. Auch hat der Botschafter die Entscheidung über diese Personalie sicher nicht eigenmächtig getroffen, sondern nur vollzogen, was höheren Orts in Warschau beschlossen wurde.

Doch Äußerungen Przyłȩbskis in einer internen Besprechung über das Berliner Institut machen ihn persönlich verantwortlich und rücken ihn in das Zentrum der Affäre: „Die blinde Nachahmung nihilistischer und hedonistischer Trends führt zivilisatorisch zu nichts Gutem“, sagte Przyłębski. „Polen muss sich dem widersetzen.“ Mit den polnisch-jüdischen Themen solle man es nicht übertreiben, „vor allem nicht in Deutschland, das nicht die Rolle eines Mediators einnehmen sollte“.

Der Botschafter hat selbstverständlich ein Recht, das Programm einer Einrichtung seiner Regierung zu beurteilen. Aber er setzt sich darüber hinweg, dass die Aufgabe des demokratischen Staates eben darin besteht, die Freiheit der Meinungen, Anschauungen und auch die Freiheit der Kunst in ihrer ganzen Vielfalt zu schützen, einschließlich möglicher „nihilistischer und hedonistischer Trends“. Er scheint vergessen zu haben, dass diese vornehme Aufgabe des Staates so stark in der europäischen, notabene auch der polnischen Gesellschaft verwurzelt ist, dass die Regierungen auch zu Zeiten der Volksrepublik Polen stolz auf die Pluralität der künstlerischen Äußerungen verweisen konnten, und polnische Jazzmusiker wie Komeda oder Wróblewski, Theaterleute wie Grotowski, Kantor, Hübner und Różewicz, Filmregisseure wie Wajda, Kieślowski oder Holland, Plakatkünstler wie Lenica oder Starowiejski und viele andere das Bild Polens im Ausland als einer modernen, gegenüber den inhaltlichen und formalen Strömungen der westlichen Zivilisation offenen Gesellschaft prägten. Auch diese Zeitschrift hat mehr als einmal darüber berichtet.

Stattdessen fordert der Botschafter, der eine Karriere als Wissenschaftler gemacht hat, zum „Widerstand“ auf, gegen wen? Gegen die polnischen Kunst- und Kulturschaffenden und ihre deutschen Verbündeten in Berlin wie das Jüdischen Museum, das Maxim-Gorki-Theater, die Berlinische Galerie, die Bundeszentrale für Politische Bildung, den Suhrkamp Verlag, die Stiftung für die ermordeten Juden Europas und alle anderen, die jetzt gegen die Abberufung von Frau Wielga-Skolimowska protestieren? Die Kampfrhetorik, die einem in den Verlautbarungen der PiS-Regierung wie ihres Berliner Botschafters begegnet, weckt unangenehmste Erinnerungen an repressive Regimes. Vollends inakzeptabel aber ist die Kritik des Botschafters an einem angeblichen Übermaß polnisch-jüdischer Themen. Wie hat er das gemessen und was wäre das rechte Maß, vor allem, wer legt das rechte Maß fest?

Bereits Anfang November war eine von der Botschaft organisierte deutsche Erstaufführung des Films „Smolensk“ an der Absage aller in Frage kommenden Berliner Kinos gescheitert. Der Film, der gegen jede Vernunft eine bizarre Verschwörungstheorie über den Flugzeugabsturz vom 10. April 2010 vorstellt, bei dem u.a. Staatspräsident Lech Kaczyński ums Leben gekommen war, sei – so die Botschaft in ihrer Einladung – ein Versuch, den wahrscheinlichen Verlauf der Ereignisse zu schildern und ihren sozial-politischen Kontext zu zeigen, „besonders in Bezug auf die Rolle der Medien bei der Verschleierung und Suche nach der Wahrheit“.

In nur wenigen Wochen hat Professor Przyłębski als Botschafter einen enormen Schaden für das Ansehen Polens in Deutschland und für die deutsch-polnischen Beziehungen angerichtet. Der Vorstand der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der BRD hat daher beschlossen, das Protestschreiben der Berliner Kulturschaffenden zu unterstützen.