Author Archives: Karl Forster

About Karl Forster

Redaktionsleiter

Ein Ständchen für Opole

„Hauptstadt des polnischen Liedes“ feiert 800 Jahre Stadtrechte

Romantisches Viertel Opoles „Venedig“. Foto: Klaus Klöppel

Die südpolnische Stadt Opole (Oppeln) feiert 2017 mit zahlreichen Veranstaltungen den 800. Jahrestag der ersten Stadtgründung. Zu den Höhepunkten zählt der Franziskanermarkt mit einer großen historischen Parade am 16. und 17. September 2017. Eine bunte Performance am 8. und 9. Juli am Oderufer widmet sich der Bedeutung des Flusses für die Entwicklung der Stadt. Geplant sind zahlreiche Konzerte, Ausstellungen und Theateraufführungen.

Opole gilt als „Hauptstadt des polnischen Liedes“, denn dort wird seit mehr als 50 Jahren das wichtigste Liederfestival des Landes veranstaltet und ein eigenes Museum widmet sich den polnischen Liedern in den vergangenen 100 Jahren. Dementsprechend wird auch das Festjahr 2017 mit viel Musik gefeiert. Wojtek Mazolewski, einer der bekanntesten Jazzmusiker Polens, wird eigens zum Stadtjubiläum einen Song über 800 Jahre Oppeln komponieren, der seine Premiere bei einem Konzert am 19. Mai im Nationalen Zentrum des Polnischen Liedes haben wird. Hip-Hop-Musik erklingt bei einem Festival vom 20. bis 22. Oktober.

Ein erster gesellschaftlicher Höhepunkt ist der karitative Ball des Stadtpräsidenten im Kongress- und Ausstellungszentrum Opole am 25. Februar. Dutzende von bunten Fesselballons sollen sich bei einem Festival vom 18. bis 21. Mai am Himmel über Opole zeigen. Weitsicht bietet auch der Blick vom Turm des Rathauses, der ab Mai an Wochenenden für Besucher geöffnet sein wird.

Als besonderes Geburtstagsgeschenk soll im Frühjahr die 50 Jahre alte Sport- und Veranstaltungshalle „Okrąglak“ nach einem kompletten Lifting wiedereröffnet werden. Sie wird mit moderner Technik ausgestattet und soll rund 3.600 Besuchern Platz bieten. Auch im Stadtbild soll das Jubiläumsjahr seinen Niederschlag finden. So informieren neue mehrsprachige Tafeln über wichtige Sehenswürdigkeiten oder bekannte Bürger der Stadt. Ein Modell zeigt die erste hölzerne Burg auf der Wyspa Pasieka (Pascheke-Insel), die dort im 9. Jahrhundert errichtet worden war. Ein neues Denkmal im Stadtzentrum soll an den Stadtgründer Kazimierz I. erinnern.

Ein Dokument zur ersten Stadtgründung existiert nicht mehr und so kann man heute nur vermuten, dass diese spätestens 1217 durch den Piastenherzog Kazimierz I. erfolgte. Doch bereits im Jahr 845 wurde erstmals eine Burg der Opolanen erwähnt, die sich vermutlich auf dem Gebiet der Oderinsel Wyspa Pasieka befand. Wie in ganz Schlesien wechselten sich auch in Opole die Herrscher ab. Die Stadt gehörte zunächst zum Reich der polnischen Piasten, später zu Böhmen, dem Habsburgerreich, zu Preußen und Deutschland und ist seit 1945 wieder polnisch. Opole zählt heute rund 120.000 Einwohner und ist die Hauptstadt der gleichnamigen Woiwodschaft.

Infos zum Programm unter www.opole800.pl Allgemeine Informationen über Reisen nach Polen beim Polnischen Fremdenverkehrsamt unter www.polen.travel

Museum des Zweiten Weltkriegs vor dem Aus?

Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig ist der PiS-Regierung in Warschau ein Dorn im Auge. Es zeigt nämlich die Geschichte des Krieges gänzlich unheroisch aus der Sicht der Zivilbevölkerung. Und „das stört die traditionelle Rechte am meisten“, sagt der Historiker Włodzimierz Borodziej in einem Beitrag des Deutschlandradio Kultur. Hören oder lesen Sie den Beitrag auf der Seite:

Deutschlandradio Kultur

Schuhe. Steine. Ich. – Reflexionen aus Auschwitz

Zum Auftakt der weltweiten Gedenkfeierlichkeiten aus Anlass des 72. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz und des 12. Internationalen Holocaust-Gedenktages zeigt das Internationale Auschwitz Komitee in Kooperation mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim/Auschwitz die Ausstellung
Schuhe. Steine. Ich. – Reflexionen aus Auschwitz
Überlebende des Lagers und junge Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte – Auszubildende der Volkswagen AG und polnische Berufsschüler aus Bielsko-Biała – berichten aus unterschiedlichen Perspektiven über Erinnerungen und Erfahrungen in Auschwitz gestern und heute. Und sie benennen ihre Hoffnungen, Fragen und Erwartungen für heute und morgen.

Die Eröffnung der Ausstellung durch den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und Vizekanzler Sigmar Gabriel und den Auschwitz-Überlebenden Prof. Felix Kolmer (Prag) findet am 25. Januar 2017 um 19:00 Uhr in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Stauffenbergstraße 13-14, 10785 Berlin, 2. Etage, Saal B, statt.  (Anmeldung erforderlich).

Die Ausstellung ist bis 31. März zu folgenden Öffnungszeiten zu sehen:
Mo – Mi, Fr 9 – 18 Uhr, Do 9 – 20 Uhr, Sa, So und Feiertags 10 – 18 Uhr. Eintritt frei.

Kondolenzbrief von Beata Szydło

Am Dienstag, den 20. Dezember, hat Ministerpräsidentin Beata Szydło den Familien und Angehörigen der Opfer des Anschlags in Berlin ihr Beileid ausgesprochen.

Sehr geehrte Frau Kanzlerin,

im Zusammenhang mit der Tragödie auf einem Weihnachtsmarkt im Zentrum Berlins, die Anzeichen eines Terrorakts trägt, spreche ich den Familien der Opfer, den Betroffenen, den Bürgern Berlins und den deutschen Behörden mein aufrichtigstes Mitgefühl und Solidarität aus. In diesem schweren Augenblick trauern wir mit unseren deutschen Freunden und erklären uns solidarisch, auch im Hinblick darauf, dass eines der ersten Opfer ein polnischer Bürger war. Wir sind bereit, bei der Aufklärung der Ursachen der Tragödie Unterstützung und Hilfe zu leisten. Lassen wir nicht zu, dass Gewalt und Aggression die Grundwerte der freien Welt gefährden.

Mit freundlichen Grüßen

Beata Szydło
Vorsitzende des Ministerrates

Der unbequeme Fragesteller

Der Journalist und Publizist Eckart Spoo, Mitglied des Beirates der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V.,  ist am Donnerstag, dem 15. Dezember,  vier Tage vor seinem 80. Geburtstag, in Berlin gestorben. Als Kind erlebte er Krieg und Faschismus in seiner Geburtsstadt Mönchengladbach und im Fluchtort im Harz; dies hat sein ganzes Leben geprägt. Mehr als drei Jahrzehnte schrieb er als Korrespondent der Frankfurter Rundschau Zeitungsgeschichte. Er galt als unbequemer Fragesteller in Pressekonferenzen und deckte manchen Skandal auf. Von 1970 bis 1986 war er Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union.
Pressefreiheit, auch die »innere Pressefreiheit« in den Redaktionen und die damit erforderliche Abschaffung des Tendenzparagraphen waren Forderungen, die den Journalisten Spoo bis zu seinem Tode umtrieben. Die voranschreitende Monopolisierung der Zeitungsverlage und die damit einhergehende Vereinheitlichung und Verflachung der Zeitungslandschaft prangerte er an.
Spoo sah die Pressefreiheit vom Grundrecht für alle zum Privileg einiger weniger Pressekonzerne verkommen, deren Eigentümer ihre Aufgaben darin sehen, den Kapitalismus und die von ihm geschaffenen gesellschaftlichen Verhältnisse zu rühmen und vor Kritik zu schützen – auch durch Verschweigen von Tatsachen, Verleugnen von Wahrheiten – und aus diesem Missbrauch der Pressefreiheit möglichst viel Profit zu ziehen. Spoo hielt publizistische Monopole für verfassungswidrig.
In der Konsequenz gründete er 1997 zusammen mit weiteren Publizisten eine eigene Zeitschrift: Ossietzky. Die Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft steht in der antimilitaristischen und antifaschistischen Tradition der Weltbühne. Spoos Anspruch als langjähriger Ossietzky-Chefredakteur: jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen das vermeintliche Recht des Stärkeren und gegen die Gewöhnung an den Krieg. Zu diesen Themen veröffentlichte er auch eine Vielzahl aufklärerischer Bücher. Verlag und Redaktion Ossietzky werden Spoos Vermächtnis fortführen.

(Quelle: Redaktion der Zeitschrift Ossietzky)

 

Der Mediendienst MEEDIA schreibt:

Eckart Spoo, einer der letzten großen Journalisten mit explizit linker Grundhaltung, ist am Donnerstag in Berlin gestorben, vier Tage vor seinem 80. Geburtstag. 36 Jahre lang hatte er als landespolitischer Korrespondent die Frankfurter Rundschau mitgeprägt. Nebenbei war er fast 16 Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union. Im Ruhestand gründete er 1997 die Zeitschrift Ossietzky, mit der er die linke Weltbühne wiederbeleben wollte.

Als die Frankfurter Rundschau (FR) noch bundesweit zur Pflichtlektüre von Linken und Sozialliberalen zählte, galten die FR-Korrespondenten in den einzelnen Bundesländern als Institution. Wer sich vom Staat ungerecht behandelt fühlte oder gesellschaftskritische Themen ansprechen wollte und bei konservativen Lokalzeitungen damit kein Gehör fand, der wandte sich gern an die Außenposten der FR. Der wohl prominenteste und umtriebigste Korrespondent war Eckart Spoo in Hannover. Es verging kaum ein Tag, an dem Vielschreiber „sp“ nicht in kurzen Meldungen oder großen Seite-Drei-Geschichten über Berufsverbote, Schülerzeitungszensur, Rüstungsexporte oder rechtslastige Lehrer berichtete. Sein Credo: „Ich bin Journalist geworden, weil ich dachte, man muss aufklären, man muss dazu beitragen, dass die Menschen die Wahrheit erfahren.“ So schärfte er jahrzehntelang das Profil der FR.

Wenn es nach dem früheren FR-Verleger und Chefredakteur Karl Gerold gegangen wäre, dann hätte er allerdings schon 1971 den Dienst quittieren müssen. Spoo war damals noch Bayern-Korrespondent und hatte nebenbei einen medienkritischen Sammelband herausgegeben: „Die Tabus der bundesdeutschen Presse“. Darin kritisierten einzelne Mit-Autoren am Rande auch die FR. Alleinherrscher Gerold kündigte ihm daraufhin. Doch Spoo setzte sich 1972 vor dem Arbeitsgericht durch. Er durfte weiter als festangestellter Korrespondent arbeiten, musste aber von München nach Hannover wechseln – quasi eine Strafversetzung in die Provinz. Was damals noch niemand ahnte: Niedersachsen würde später eine besonders wichtige Rolle in der Bundespolitik spielen, sei es wegen der Anti-Atom-Demonstrationen in Gorleben oder wegen des späteren Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), der zu Spoos Zeiten zunächst Ministerpräsident von Niedersachsen war.

Besonders kritisch beobachtete der linke Journalist die Regentschaft von Schröders Vorgänger Ernst Albrecht (CDU). Während dessen Amtszeit publizierte Spoo gemeinsam mit anderen Herausgebern mehrere Sammelbände über Affären und Skandale in Niedersachsen.

In der Deutschen Journalisten-Union (dju), die damals zur IG Druck und Papier gehörte, ließ sich Spoo bereits 1970 zum ehrenamtlichen Bundesvorsitzenden wählen. Er saß auch für die dju im Deutschen Presserat, dem Selbstkontrollorgan der Verleger und Journalisten. Vergeblich forderte er, eine Ächtung von journalistischer Kriegspropaganda in den Pressekodex aufzunehmen. Weil die Verlage sich nicht zum Abdruck von Presseratsrügen verpflichten wollten, stellten die Journalistenverbände 1981 ihre Mitarbeit ein. 1986 setzte die IG-Druck-Spitze die Rückkehr der dju in den Presserat durch, gegen Spoos Widerstand. Nach heftigem Streit legte er daraufhin sein Amt als dju-Chef nieder.

1997 ging er mit 60 Jahren in den vorgezogenen Ruhestand – und erfüllte sich einen publizistischen Traum: Gemeinsam mit weiteren Herausgebern versuchte er, die 1933 verbotene Zeitschrift Weltbühne wiederzubeleben, jenes linke Wochenblatt, in dem Autoren wie Kurt Tucholsky oder Carl von Ossietzky zu schreiben pflegten. Wegen Problemen mit den Titelrechten nannten die Neugründer ihre Zwei-Wochen-Schrift aber lieber nicht Weltbühne, sondern Ossietzky. Als Herausgeber und Chefredakteur konnte Spoo nun endlich völlig frei seine Weltsicht verbreiten: antikapitalistisch, antifaschistisch, antimilitaristisch.

Eines seiner Lebensthemen war die Kritik an der Pressekonzentration und die Forderung nach „innerer Pressefreiheit“ für die Schreibenden. Manch altem Weggefährten schlackerten die Ohren, als er sogar das Schimpfwort „Lügenpresse“ verteidigte: „Ich werde mir dieses wahre, allzu wahre Wort nicht ausreden lassen“, sagte er im Februar 2015 auf dem linken Videoportal Weltnetz.tv. Er berief sich dabei zum Beispiel auf Lügen der Bild-Zeitung oder auf die Arbeitsverträge von Springer-Journalisten, in denen sie einseitig auf das Bündnis mit den USA und auf die „sogenannte soziale Markwirtschaft“ festgelegt würden. „In anderen Medienkonzernen gelten solche Grundsätze unausgesprochen“, behauptete er.

Spoo, im persönlichen Umgang freundlich und zugewandt, geißelte bereits 2014 den „Eifer, alles Russische verächtlich zu machen“ und sprach von „deutscher Kriegspropaganda“, vor allem durch die „Springer-Presse“. Damals demonstrierte er vor dem ARD-Hauptstadtstudio und warf den öffentlich-rechtlichen Anstalten vor: „Die Informationen, die Sie uns aus der Ukraine liefern, sind einseitig, parteiisch, unwahr oder halbwahr, was noch gefährlicher ist.“

Schon 2003 hatte er Reden gegen den Irak-Krieg gehalten. Sein Antimilitarismus speiste sich auch aus leidvollen persönlichen Erfahrungen: 1936 in Mönchengladbach geboren, verlor der junge Eckart Spoo seinen Vater beim Wehrmachtsfeldzug gegen die Sowjetunion.

Seine Arbeit als Ossietzky-Chef legte er 2012 in jüngere Hände. Am 19. Dezember hätte er seinen 80. Geburtstag feiern können, doch vier Tage davor starb er nach längerer Krankheit. Er hinterlässt seine Frau Lydia Spoo – eine ehemalige Gewerkschafterin, mit der er 56 Jahre lang verheiratet war – und zwei erwachsene Kinder.

„Wie kaum ein anderer hat Eckart Spoo das Selbstverständnis und den Anspruch unserer gewerkschaftlichen journalistischen Organisation geprägt“: So würdigte dju-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß am Freitag den früheren Vorsitzenden. Er habe sich dafür eingesetzt, dass die dju Arbeitsbedingungen erkämpfe, „die wir brauchen, um unsere öffentliche Aufgabe zu erfüllen“. Haß: „Er war uns Vorbild und Mahner, Ansporn, Mitstreiter und Mutmacher. Seine Stimme wird uns fehlen.“

Der Bremer Rechtsanwalt Rolf Gössner, Vorstandsmitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte und Ossietzky-Mitherausgeber, würdigte Spoo mit den Worten: „Wir haben einen Mitstreiter für Menschenrechte und Frieden verloren, der ein Journalistenleben lang kritisch und unbequem der Wahrheit verpflichtet war.“ Ossietzky will jetzt auch ohne ihn „Spoos Vermächtnis fortführen“.

Lügenkultur?

Seit dem 29. Juli 2016 vertritt Prof. Dr. habil. Andrzej Przyłȩbski, international renommierter Philosoph, Schüler von Hans-Georg Gadamer, Organisator des Internationalen Hegel-Kongresses 2006 in Poznań und als ehemaliger Kulturattaché langjährig in der Auslandskulturarbeit erfahren, die Republik Polen als Botschafter in Berlin. Diesen Hintergrund muss man kennen, um die Qualität des Skandals um die vorzeitige Abberufung von Katarzyna Wielga-Skolimowska, bis zum 1. Dezember Leiterin des polnischen Kulturinstituts in Berlin, zu ermessen.

Ihr fristloser Rauswurf ist Teil einer personellen Neuausrichtung der 24 polnischen Kulturinstitute im Ausland, die im ersten Jahr der PiS-Regierung die Mehrheit der Leitungen das Amt gekostet hat. Diese Kulturinstitute arbeiten im Regierungsauftrag, weshalb es als legitim gelten mag, wenn die Regierung ihre inhaltlichen und personellen Vorstellungen auch durchsetzt. Auch hat der Botschafter die Entscheidung über diese Personalie sicher nicht eigenmächtig getroffen, sondern nur vollzogen, was höheren Orts in Warschau beschlossen wurde.

Doch Äußerungen Przyłȩbskis in einer internen Besprechung über das Berliner Institut machen ihn persönlich verantwortlich und rücken ihn in das Zentrum der Affäre: „Die blinde Nachahmung nihilistischer und hedonistischer Trends führt zivilisatorisch zu nichts Gutem“, sagte Przyłębski. „Polen muss sich dem widersetzen.“ Mit den polnisch-jüdischen Themen solle man es nicht übertreiben, „vor allem nicht in Deutschland, das nicht die Rolle eines Mediators einnehmen sollte“.

Der Botschafter hat selbstverständlich ein Recht, das Programm einer Einrichtung seiner Regierung zu beurteilen. Aber er setzt sich darüber hinweg, dass die Aufgabe des demokratischen Staates eben darin besteht, die Freiheit der Meinungen, Anschauungen und auch die Freiheit der Kunst in ihrer ganzen Vielfalt zu schützen, einschließlich möglicher „nihilistischer und hedonistischer Trends“. Er scheint vergessen zu haben, dass diese vornehme Aufgabe des Staates so stark in der europäischen, notabene auch der polnischen Gesellschaft verwurzelt ist, dass die Regierungen auch zu Zeiten der Volksrepublik Polen stolz auf die Pluralität der künstlerischen Äußerungen verweisen konnten, und polnische Jazzmusiker wie Komeda oder Wróblewski, Theaterleute wie Grotowski, Kantor, Hübner und Różewicz, Filmregisseure wie Wajda, Kieślowski oder Holland, Plakatkünstler wie Lenica oder Starowiejski und viele andere das Bild Polens im Ausland als einer modernen, gegenüber den inhaltlichen und formalen Strömungen der westlichen Zivilisation offenen Gesellschaft prägten. Auch diese Zeitschrift hat mehr als einmal darüber berichtet.

Stattdessen fordert der Botschafter, der eine Karriere als Wissenschaftler gemacht hat, zum „Widerstand“ auf, gegen wen? Gegen die polnischen Kunst- und Kulturschaffenden und ihre deutschen Verbündeten in Berlin wie das Jüdischen Museum, das Maxim-Gorki-Theater, die Berlinische Galerie, die Bundeszentrale für Politische Bildung, den Suhrkamp Verlag, die Stiftung für die ermordeten Juden Europas und alle anderen, die jetzt gegen die Abberufung von Frau Wielga-Skolimowska protestieren? Die Kampfrhetorik, die einem in den Verlautbarungen der PiS-Regierung wie ihres Berliner Botschafters begegnet, weckt unangenehmste Erinnerungen an repressive Regimes. Vollends inakzeptabel aber ist die Kritik des Botschafters an einem angeblichen Übermaß polnisch-jüdischer Themen. Wie hat er das gemessen und was wäre das rechte Maß, vor allem, wer legt das rechte Maß fest?

Bereits Anfang November war eine von der Botschaft organisierte deutsche Erstaufführung des Films „Smolensk“ an der Absage aller in Frage kommenden Berliner Kinos gescheitert. Der Film, der gegen jede Vernunft eine bizarre Verschwörungstheorie über den Flugzeugabsturz vom 10. April 2010 vorstellt, bei dem u.a. Staatspräsident Lech Kaczyński ums Leben gekommen war, sei – so die Botschaft in ihrer Einladung – ein Versuch, den wahrscheinlichen Verlauf der Ereignisse zu schildern und ihren sozial-politischen Kontext zu zeigen, „besonders in Bezug auf die Rolle der Medien bei der Verschleierung und Suche nach der Wahrheit“.

In nur wenigen Wochen hat Professor Przyłębski als Botschafter einen enormen Schaden für das Ansehen Polens in Deutschland und für die deutsch-polnischen Beziehungen angerichtet. Der Vorstand der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der BRD hat daher beschlossen, das Protestschreiben der Berliner Kulturschaffenden zu unterstützen.

Botschaft sucht Kino

smolenskplakatDie Auseinandersetzung um die Verschwörungstheorie rund um den Flugzeugabsturz von Smolensk hat nun auch Deutschland erreicht. Der neue polnische Botschafter in Berlin, Prof. Andrzej Przyłębski, hatte für Montag, 7. November, zur deutschen Premiere des Films „Smolensk“ von Antoni Krauze in den Delphi-Filmpalast in Berlin geladen. Doch das Kino hat die Vereinbarung aufgekündigt.

Hintergrund: Der Film ist laut Botschaft „ein Versuch, den wahrscheinlichen Verlauf der Ereignisse zu schildern und ihren sozial-politischen Kontext zu zeigen, besonders in Bezug auf die Rolle der Medien bei der Verschleierung und Suche nach der Wahrheit“.

Henryk Jarczyk vom ARD-Studio Warschau kommentierte den Film für die Tagesschau so: Gäbe es einen Oscar in der Kategorie „schlechtester Film des Jahres“, der Film „Smolensk“ hätte die besten Chancen, ihn zu erhalten.

Für die damalige Regierung unter Premierminister Donald Tusk handelte es sich bei dem Absturz um einen tragischen Unfall in Folge menschlichen Versagens. Für Anhänger der heute regierenden Partei „Recht und Gerechtigkeit“ war es ein Attentat. „Viele Sachen hat man schon im Vorfeld gewusst. Jetzt wurden sie nur noch bestätigt. Diese Explosion zum Beispiel, ich habe mir das von Anfang an genau so vorgestellt“, sagte ein Zuschauer. „Man muss ziemlich dumm sein, um der Bande der Untersuchungskommission, die von der ehemaligen Regierung eingesetzt wurde, und dem Juden Tusk zu glauben.“

Jarczyk: Von der ersten Szene an wird dem Zuschauer nicht nur klargemacht, dass es sich um einen Anschlag gehandelt habe. Obendrein wird nach wenigen Minuten auch gleich der Schuldige geliefert: Wladimir Putin. Wer daran zweifelt, hat den Film nicht verstanden. Dabei ist der Pfad zwischen Fakten und purer Fiktion mehr als schmal.

Jetzt ist also die Filmpremiere in Berlin erst einmal geplatzt, denn auch andere Kinos in Berlin lehnen die Vorführung dieses propagandistischen Films ab. Der Botschafter macht laut einem Artikel in einem polnischen Online-Dienst die Berliner Gruppe der Oppositionsbewegung KOD verantwortlich. Diese weist derartige Verdächtigungen zurück. Schließlich kämpfe sie für die Freiheit auch der Kunst.

Polens Rolle rückwärts

pilawski_politt_polen„POLEN und wir“-Autor Holger Politt hat gemeinsam mit dem polnischen Publizisten Krzystof Pilawski im VSA-Verlag Hamburg ein Buch über den Aufstieg der Nationalkonservativen und die Perspektiven der Linken in Polen herausgebracht. Das Buch ist beim VSA-Verlag und im Buchhandel zum Preis von 14.80€ erhältlich.

Der politische Rechtstrend in Polen ist unübersehbar. Jarosław Kaczyński, der starke Mann hinter der im November 2015 vereidigten Ministerpräsidentin Beata Szydło, verkündet, dass das Jahr 2015 in der jüngsten Geschichte des Landes genauso wichtig sei wie das Jahr 1989.

Verhasst ist ihm die politische Ordnung, die sich nach 1989 zwischen der damaligen »Solidarność«-Opposition und der Regierungsseite in Polen herausgebildet hatte. Er hält die seinerzeit am Runden Tisch gefundene Weichenstellung für Verrat, weil sie einer endgültigen Abrechnung mit dem Staatssozialismus den Weg verbaut habe. Nun greift er die liberale Verfassung von 1997 an, da sie Polens erfolgreichen Weg in die Zukunft verhindere.

Diese auch vor dem Hintergrund der Rechtsverschiebungen in anderen europäischen Ländern beunruhigenden Entwicklungen können nicht ohne den Niedergang der Linkskräfte in Polen verstanden werden. Nach spektakulären politischen Erfolgen wurde ein hoher Preis bezahlt für die unkritische Bereitschaft, das Land für den ersehnten Beitritt zur Europäischen Union fit zu machen.

Nunmehr ist es die Kaczyński-Partei, die mit ihren nationalkonservativen Argumenten den neoliberal geprägten Weg eines möglichst schnellen Wirtschaftswachstums auf den Prüfstein stellt – doch um welchen Preis für die Demokratie in Polen und Europa?

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung stellt das Buch kostenlos als PDF-Datei zur verfügung: „polens rolle rueckwaerts“

Autobahn bis Ukraine fertig

Auf der Autobahn A4 durch den Süden Polens wurde jetzt das letzte Teilstück im Bereich einer Autobahnbrücke östlich von Rzeszów freigegeben.

Damit ist die 672 Kilometer lange Strecke zwischen der deutsch-polnischen Grenze bei Görlitz und dem Grenzübergang zur Ukraine bei Korczowa durchgehend befahrbar. Die Autobahn gehört als E40 zum transeuropäischen Fernweg vom französischen Calais über Kiew bis nach Kasachstan. Sie führt durch insgesamt fünf polnische Woiwodschaften und passiert Städte wie Wrocław (Breslau), Katowice (Kattowitz) und Kraków (Krakau). Die Strecke ist für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen Gewicht durchgehend mautpflichtig, für Pkw bislang nur auf einzelnen Teilstrecken.

Alojsy Twardecki gestorben

Alojzy Twardecki, cala Polska, 01.10.2016 - nekrologIn der am 1.10.2016 erschienenen Ausgabe von POLEN und wir veröffentlichten wir einen weiteren Artikel über den „Mann mit den drei Namen“, Alojsy Twardecki. Wenige Tage zuvor, am 27. September, im Alter von 78 Jahren verstorben.

Alojsy Twardecki (um 1980)

Alojsy Twardecki (um 1980)

 

 

 

 

 

 

Die Geschichte von Twardecki wird im Buch „Die Schule der Janitscharen“ (übersetzt von Prof. Christoph Koch) geschildert. Alojzy Twardeckis Schule der Janitscharen ist das bislang einzige
Buch, das aus dem Munde eines Betroffenen in der Rückschau des jungen Erwachsenen über das Schicksal Tausender von Kindern aus den von Deutschland im Zweiten Weltkrieg eroberten
Ländern berichtet.

51p0oisngflDiese Kinder wurden, da blond und blauäugig, im Rahmen des nationalsozialistischen Programms der «Rettung deutschen Blutes» der «Eindeutschung» für würdig befunden, ihren Eltern gewaltsam fortgenommen, in Kinderheimen einer Umerziehung zur Auslöschung ihrer tatsächlichen Identität unterzogen und endlich mit deutschem Namen, deutschem Lebenslauf und nationalsozialistischem Bewußtsein im «Reich» in Pflege durch systemkonforme Familien gegeben. Der Hauptteil des Buches berichtet über die jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen der leiblichen Mutter und der Adoptivfamilie, zwischen den polnischen und deutschen Behörden um den Besitz des glücklich wiedergefundenen Kindes, das sich endlich bei einem Besuch der polnischen Mutter für den Verbleib in Polen entschied.
Das Buch zeichnet ein eindringliches Bild der im Schatten des Dritten Reiches entstehenden westdeutschen Nachkriegsrepublik und der deutsch-polnischen Beziehungen im Zeichen des fortschreitenden Kalten Krieges. Ebenso eindringlich ist das Bild des bleibenden Niederschlags
dieser Verwerfungen in der Psyche des Kindes, das die Kluft zwischen seiner deutschen und
seiner polnischen Identität im späteren Leben nie gänzlich zu schließen vermochte. Das Vorwort
des Buches gibt einen Überblick über die Behandlung des Themas der nationalsozialistischen
Eindeutschungspolitik in Wissenschaft und gesellschaftlichem Bewußtsein auf beiden Seiten der
deutsch-polnischen Grenze.