Author Archives: Karl Forster

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Redaktionsleiter

Veranstaltung: „Ist Polen noch zu retten?“

Ist Polen noch zu retten?

Perspektiven einer demokratischen Zukunft Europas

Seit dem Machtwechsel Ende 2015 beunruhigt Polen Europa. In handsstreichartigen Übergriffen wurden durch die neue nationalkonservative Regierung das Verfassungsgericht weitgehend lahmgelegt und Schritte zur staatlichen Kontrolle der Medien unternommen. Gleichzeitig formieren sich unter staatlicher Aufsicht paramilitärische Milizen, deren Stoßrichtung eindeutig Russland ist. Russland ist insbesondere im Visier des PiS-Vorsitzenden Jarosław Kaczyński, der an der Theorie vom russischen Anschlag gegen das Flugzeug, in dem sein Bruder zusammen mit vielen ranghohen Vertretern des Landes ums Leben gekommen ist, festhält.

Droht jetzt die Errichtung einer neuen Rechtsdiktatur nach dem Vorbild Józef Piłsudskis?

Der Machtwechsel in Polen hat auf jeden Fall Auswirkungen, die weit über die eigenen Landesgrenzen hinausreichen, und sowohl die Lage der Europäischen Union verändern als auch tiefe Spuren im Verhältnis zwischen Polen und Deutschland hinterlassen werden.

Mit Gästen aus der polnischen Opposition möchten wir uns ein genaueres Bild der Vorgänge machen.

Diskussionsteilnehmer:

  • Dr. Przemysław Witkowski , Krytyka Polityczna Wrocław
  • Lukasz Szopa, Komitet Obrony Demokracji KOD (Komitee zur Verteidigung der Demokratie (angefragt)
  • Prof. Dr. Christoph Koch, Vorsitzender Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Moderation: Thomas Willms, Bundesgeschäftsführer der VVN-BdA

Donnerstag, den 3. März 2016, 19 Uhr

Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

Eintritt frei

Veranstalter:

Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V.
Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) e.V.

Chopin-Konzert

DEUTSCHLAND – TOURNEE YUNDI April 2016

Yundi Poster BerlinEin absolutes Highlight erwartet alle Freunde der der romantischen Klaviermusik und speziell der Klavierwerke Frederic Chopins im April 2016:
Auf seiner aktuellen Deutschland- Tournee wird der weltberühmte Klaviervirtuose YUNDI – seines Zeichens Erster Preisträger des berühmten Chopin- Wettbewerbes in Warschau im Jahre 2000 – ein reines Chopin- Programm mit den vierundzwanzig Preludes op. 28 sowie sämtlichen vier Balladen vortragen: Mit den vier Balladen und den Preludes op. 28 stehen gewichtige, zentrale Werke der romantischen Klavierliteratur auf dem Programm,die selbst professionellen Interpreten alles an pianistischem Können abverlangen. Der narrative Erzählstil der Balladen, im weitesten Sinne inspiriert von polnischen Nationalepen aus Alter Zeit stellt kontrastreich die schlichte, zurückhaltende volkstümliche Melodik des Eingangsteiles unvermittelt den abrupten emotionalen Gefühlsausbrüchen mit geballter pianistischer „Virtuosenpranke“ gegenüber, die am Schluß jeweils in einem brillanten klavieristischen Feuerwerk endet. Ein facettenreiches Kaleidoskop von konträren Stimmungen und Gemütszuständen als „Wechselbad der Gefühle“ vermitteln ebenfalls die zerklüfteten Seelenlandschaften der teilweise aphorismenhaft kurzen 24 Preludes op. 28 – eine extreme „Achterbahnfahrt der Emotionen“ auf engstem Raum !!!
Der weltweit gefragte Pianist YUNDI begann mit sieben Jahren, Klavier zu spielen. Er begann seine Ausbildung in seiner Heimat an der Shenzhen Arts School und bekam seinen „letzten Schliff“ an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.YUNDI schaffte den Sprung auf die internationale Bühne, als er im Jahr 2000 mit 18 Jahren den ersten Preis des 14. Internationalen Chopin-Wettbewerbs in Warschau gewann. Er war der bis dahin jüngste und erste chinesische Preisträger in der Geschichte der hochkarätigen Veranstaltung. Seitdem gilt er als maßgeblicher Interpret der Werke Chopins. Als Würdigung seines Beitrags zur Kultur des Landes verlieh ihm die polnische Regierung 2010 die Goldmedaille für Verdienste um die polnische Kultur, „Gloria Artis“.

Die Konzerttermine sind:

Samstag, 02. April: Stuttgart, Liederhalle, Mozart – Saal

Sonntag, 03. April: München, Philharmonie, Carl – Orff – Saal

Mittwoch, 06. April: Hamburg, Laeiszhalle, Kleiner Saal

Donnerstag, 07. April: Berlin, Universität der Künste UDK, Großer Saal

 

„Für unsere und Eure Demokratie“

Polen-Demo 020

Rede des Chefredakteurs von „POLEN und wir“ und Vorstandsmitglied der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V., Karl Forster, auf der Kundgebung gegen die Einschränkung der Medienfreiheit in Polen, am 9. Januar 2016 in Berlin:

Polen-Demo 018Liebe Freunde
Eine Art staatsgelenktes Fernsehen wollte Bundeskanzler Konrad Adenauer 1961 einführen, als Alternative zu den ARD-Programmen. Doch das Bundesverfassungsgericht verbot dieses Vorhaben. In Polen soll kein staatsgelenktes Fernsehen neben dem öffentlich rechtlichen entstehen, sondern das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem soll staatlich kontrolliert werden. Und vorsorglich hat man vorher das Verfassungsgericht quasi entmachtet.
Seit 65 Jahren tritt die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, deren Vorstand ich angehöre, für Verständigung mit Polen ein. Die Erfahrung der Verbrechen des faschistischen Deutschen Reiches gegenüber Polen bildet bis auf den heutigen Tag die Grundlage unseres Engagements. In Wahrung unserer Unabhängigkeit von Parteien und amtlichen Stellen haben wir uns jederzeit unbeirrbar für unsere Sache eingesetzt, unabhängig davon, welche Regierung in Warschau regierte.
Das polnische Volk pflegt zu Recht den Stolz auf seine demokratische Tradition. Mit der Verfassung vom 3. Mai 1792 hat es den von Paris ausgehenden Geist von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum ersten Mal in der europäischen Geschichte in eine schriftliche Form gefasst, es hat tausende Männer und Frauen gemeinsam mit vielen anderen Europäern auf den Barrikaden der bürgerlichen Revolutionen des 19. Jahrhunderts geopfert und hunderttausende Patrioten durch erzwungene Emigration und Deportation verloren, es hat als erstes der von Deutschland überfallenen Völker sich dem Aggressor nicht gebeugt, sondern mutig und heroisch Widerstand geleistet. Im Volkspark Berlin-Friedrichshain erinnert ein Denkmal mit dem Zitat »Za naszą i waszą wolność – Für eure und unsere Freiheit« an den Anteil polnischer Soldaten bei der Befreiung Berlins und Europas vom Faschismus.
Heute werden wir Beobachter von Vorgängen in unserem Nachbarland, die auch uns betreffen. Der Machtwechsel in Polen hat Auswirkungen, die weit über die eigenen Landesgrenzen hinausreichen, und sowohl die Lage der Europäischen Union verändern als auch tiefe Spuren im Verhältnis zwischen Polen und Deutschland hinterlassen werden.
Das war kein einfacher Machtwechsel, der da in Polen Ende Oktober 2015 passierte. Dabei schien das Ergebnis voraussehbar: Die wirtschaftsliberal-konservative Bürgerplattform (PO) wird durch die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) abgelöst. Doch das, was im November und Dezember nun geschah, war alles andere als ein demokratischer Regierungswechsel.
Hier in Deutschland hatte man nicht wahrgenommen, wie sehr sich der Vorsitzende der PiS, Jarosław Kaczyński, nach dem Tod seines Bruders verändert hat. Er hält nach wie vor die Theorie vom russischen Anschlag gegen das Flugzeug, in dem sein Bruder zusammen mit vielen ranghohen Vertretern des Landes ums Leben gekommen ist, aufrecht. Diese Behauptung bestimmt sein Handeln. Kaczyński sieht sich jetzt in der Rolle seines großen Vorbildes, Józef Piłsudski. Der wurde 1920 nach dem Sieg über die Rote Armee („Wunder an der Weichsel“) zum Nationalhelden, gleichzeitig markierte seine Machtergreifung 1926 den Weg von der Demokratie zur Diktatur.
Als Redakteur der Zeitschrift „POLEN und wir“ beobachte ich diese Entwicklung mit großer Sorge, freue mich jedoch andererseits, unseren Lesern aufzeigen zu können, dass es einen wachsenden Protest in Polen gegen die Politik der Einschränkung der Meinungsfreiheit, der Freiheit der Medien, gibt. Ich freue mich, unseren Lesern vermitteln zu können, dass es in Polen nicht nur eine offizielle Politik gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen gibt, sondern dass es zahlreiche Initiativen gibt, die sich dieser Politik entgegensetzen. Und ich freue mich, dass ich unseren Lesern mitteilen kann, dass rechtsradikale, neofaschistische Aufmärsche wie der in Wrocław nicht unwidersprochen bleiben.
In dieser Lage ist der deutsch-polnische Dialog wichtiger denn je zuvor. Ein Dialog aber setzt eine gemeinsame Sprache voraus. In 65 Jahren haben wir eine solche gemeinsame Sprache mit allen gesellschaftlich und politisch relevanten Gruppen in Polen gefunden. Keine gemeinsame Sprache dagegen werden wir mit Kräften finden, deren Haltung wahlweise fremdenfeindlich, homophob, antirussisch, antideutsch oder antisemitisch ist, deren Sprache hetzerisch und rassistisch klingt, die statt Aufklärung einen antimodernen Klerikalismus und statt friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft einen völkischen Nationalismus predigen. Umso mehr unterstützen wir die Menschen. in Polen, die sich für eine demokratische Zukunft ihres Landes einsetzen: Für Eure und unsere Demokratie!“

Ausgabe 1/2016 ausgeliefert

POLEN und wir - Ausgabe 1/2016

Die neue Ausgabe von POLEN und wir ist ausgeliefert.
Zum Download und Inhaltsverzeichnis gehts hier lang:

(bitte klicken)

2016-1-Editorial

Interesse an dieser Ausgabe? Ein Jahresabo kostet 12 Euro. Bestellen Sie per e-mail unter redaktion.puw@polen-news.de . Dann schicken wir Ihnen den Link für die Überweisung. Das erste Heft geht Ihnen sofort nach Erscheinen zu.

Und hier ein Blick ins Inhaltsverzeichnis:

 

Ausgabe 1/2016

2016-1-1

In dieser Ausgabe lesen Sie (hier klicken zum Download):

Seite 3 Mit Absoluter Mehrheit
Wahlergebnisse und Analyse
Seite 4 Kurze Geschichte vom tiefen Fall
Was wurde aus der polnischen Linken
Seite 6 Rechtsextremisten im Parlament
Deutschlandfunk kommentierte polnisches Wahlergebnis
Seite 7      Die Hetzer im Stadion
Wie polnische Ultras Stimmung gegen Flüchtlinge machen
Seite 8      „Nicht in unserem Namen“
Seite 10     Zurückgezogener Beobachter
Vor 25 Jahren wurde Lech Wałęsa Präsident
Seite 11     Wrocław will in der ersten Liga mitspielen
Seite 12     Auferstanden aus Ruinen – Wrocław
Seite 13     Kultur als Wachstumsmotor
Interview mit Wrocławs Stadtpräsidenten
Seite 14     Schüsse und Schreie in der Nacht
Spaziergang auf den Spuren des Warschauer Ghettos
Seite 17     Zeitlupenballett mit Gewehrkugeln als Videoclip – Filmkritik
Seite 18    Mit der Lok zum Tor 333 – Filmkritik
Seite 20    Gab es einen Stalin-Hitler-Pakt? – Buchkritik
Seite 22    Polnischer Sozialrat
Seite 23    „Ein ganz normaler Mensch“
Porträt einer polnischen Ärztin in Berlin.
Seite 24    Säkulare Schule
Seite 25    Betriebsratswahl bei Verleihfirma
Seite 26    Kein DB-Ticket für polnischen IC
Seite 28    Geraubte Kinder – vergessene Opfer

Titelbild: Die Wojciech-Kirche spiegelt sich in der Galeria Dominikańska in Wrocław © Wikimedia/Julo

Linke flog aus dem Parlament

 

wahl

Version vom 26.10., 23:30h

Jetzt mit dem vorläufigen amtlichen Endergebnis.

Keine sozialdemokratische, Linke oder Grüne Kraft wird  im neuen polnischen Parlament (Sejm) vertreten sein. Bei der Wahl am 25. Oktober 2015 zeigte sich schon eine Stunde nach Schließung der Wahllokale ein Ergebnis mit einem deutlichen Rechtsruck.

An der Spitze liegt jetzt die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Kaczynski mit ihrer Spitzenkandidatin Beata Szydlo. Sie errang 37,58 % und  232 der 460 Sitze. Damit hat sie die absolute Mehrheit erreicht..

An zweiter Stelle ist die bislang regierende liberal-konservative Bürgerplattform (PO) mit 24,09 % und 137 Abgeordneten. Es folgt die konservativ-populistische Bewegung von Pawel Kukiz mit 8,81 %, das sind 42 Abgeordnete und die wirtschaftsliberale „Moderne“ von Ryszard Petru, die 7,6% und 30 Abgeordnete erhält. Ebenfalls ins Parlament ziehen ein die landwirtschaftlich orientierte konservative PSL, die 5,13% und damit 18 Sitze erhält. Mit einem Abgeordneten wird auf Grund der Sonderrechte die Liste der deutschen Minderheit im Sejm vertreten sein, die 0,18% errang.

Der extra für diese Wahl gebildete Zusammenschluss von sechs sozialdemokratisch, linken und grünen Organisationen „Vereinigte Linke“ hat zusammen nur 7,55 Prozent erreicht. Da für einzelne Parteien die Hürde zwar bei 5%, für Wahlbündnisse aber bei 8% liegt, ist sie nicht im Sejm vertreten. Das gleiche gilt für die konservativ-monarchistische „Koalition der Erneuerung der Republik“, die auf 4,76 % kommt sowie die sozialdemokratisch/sozialistische „Razem“ (Gemeinsam), die allerdings nicht gemeinsam mit dem Linksbündnis angetreten ist. Sie erreicht nur 3,62 %.

Auch die alte Teilung Polens in das westliche PO-kontrollierte Gebiet und die östlichen PiS Höhepunkte stimmt nur noch teilweise. Auch im Westen konnte PiS nämlich teilweise stärkste Partei werden. Nur noch in 3 der 16 Wojewodschaften ist PO die stärkste Partei: Pommern, Westpommern und Oppeln. Allerdings sind die Werte noch unterschiedlich. In Lubuskie (Zielona Gora) errang PiS 30,3%, in Malopolska (Kraków) 47,4 und in Podkarpackie (Rzeszów) gar 51,5%.

Die konservativ-populistische Bewegung von Pawel Kukiz erreichte ihr stärkstes Ergebnis in der Wojewodschaft Opole (Oppeln) mit 13,3.

 

Vereinigte Linke

Logo_ZjednoczonaLewicaNach dem Muster anderer Länder wie Griechenland oder Portugal hat sich für die Parlamentswahl am 25. Oktober auch ein neues Linksbündnis in Polen formiert. Unter dem Namen  Zjednoczona Lewica (Vereinigte Linke; abgekürzt ZL) vereint es Parteien der politischen Linken, des Liberalismus und der Grünen Bewegung. Spitzenpolitiker sind unter anderem Leszek Miller, Janusz Palikot, Barbara Nowacka, Waldemar Witkowski, Adam Ostolski, Małgorzata Tracz und Bogusław Gorski.

Ziel des Wahlbündnisses, das am 7. September 2015 zur Parlamentswahl registriert wurde, ist es, nach den desaströsen Wahlergebnissen der einzelnen Parteien bei vorausgegangenen Wahlen den Einzug politisch linker Kräfte in den Sejm zu sichern. Für das polnische Parlament gilt eine 8-Prozent-Hürde.

Spitzenkandidatin ist Barbara Nowacka. Die 1975 geborene Politikerin entstammt der von Janusz Palikot geführten links-liberalen Partei Twój Ruch. Nowacka studierte an der Polnisch-Japanischen Hochschule für Computertechnik in Warschau und an der Verwaltungsfakultät der Universität Warschau. Seit 1993 war sie im Vertrauensnotruf der Föderation für Frauen und Familienplanung tätig.

Das Wahlbündnis ist bereits der dritte Versuch in den letzten Jahren durch Zusammenschluss mehrerer Parteien des linken Spektrums Wahlerfolge zu feiern. Bereits zwischen 2006 und 2008 hatte man sich als Linke und Demokraten (Wahlbündnis zur Kommunalwahl 2006 und Parlamentswahl 2007) zusammengeschlossen. Erfolglos blieb die 2014 gebildete Initiative Europa Plus (Wahlbündnis zur Europawahl 2014).

Folgende sechs Parteien gehören dem Wahlbündnis offiziell an:

  •     Sojusz Lewicy Demokratycznej (Bund der demokratischen Linken; SLD), 1991 gebildete, sozialdemokratische Nachfolgepartei der früheren regierenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei.
  •     Twój Ruch (Deine Bewegung, TR), 2013 aus der Bürgerplattform hervor gegangene links-liberale Partei
  •     Polska Partia Socjalistyczna (Polnische Sozialistische Partei, PPS), 1892 in Paris gegründete sozialistische Partei von Exilpolen, die sich am Erfurter Programm der SPD orientierte
  •     Unia Pracy (Arbeitsunion, UP) 1992 gegründete, aus dem Umfeld von Solidarnosc  hervorgegangene sozialdemokratische Partei
  •     Partia Zieloni (Partei Die Grünen, PZ), 2004 gegründete grüne Partei
  •    Polska Partia Pracy (Polnische Arbeitspartei), 2001 gebildete, im Selbstverständnis klassisch sozialistische Partei

Das neue Wahlbündnis ist im Internet zu finden unter http://zjednoczona-lewica.pl/

Zum Tode von Harri Czepuck

Journalistischer Anfang

in der polnischen Kriegsgefangenschaft

Aktiv für die deutsch-polnische Verständigung

Von Karl Forster

Harri Czepucks Leben war auf vielfältige Weise mit den deutsch-polnischen Beziehungen verbunden. In drei deutsch-polnischen Gesellschaften wirkte er für Verständigung mit den Nachbarn.

Geboren wurde Czepuck 1927 im damaligen Breslau (nicht Wrocław, wie ND-Chefredakteur Tom Strohschneider in seinem Nachruf fälschlich schrieb). Sein Vater war als Kommunist von den Nazis verhaftet worden. Er selbst wurde, noch bevor er sich politisch engagieren konnte, als 17jähriger zum Kriegsdienst eingezogen, im Sommer 1944. Nur wenige Monate später, im April 1945 fand er sich in der Schlacht bei Halbe, südlich Berlin, wo er in sowjetische Kriegsgefangenschaft ging. Seine erste Station war Sagan (heute Żagań, Wojewodschaft Lebus), ein vormals deutsches Kriegsgefangenenlager, später ging es weiter nach Osten. In der Folge des sogenannten Potsdamer Abkommens entstand Polen in neuen, westlich verschobenen Grenzen. Und eine Vereinbarung zwischen der neuen polnischen und der sowjetischen Regierung besagte, dass alle, sich am 2. August 1945 auf den neuen polnischen Gebieten befindlichen deutschen Kriegsgefangenen „künftig in polnischem Gewahrsam für Reparationen oder Wiedergutmachung – wie immer man das offiziell auch bezeichnen mochte – zu arbeiten hätten“. (zitiert nach „Meine Wendezeiten“, Harri Chepuck 2008). „Die Polen traten uns gegenüber als Sieger auf. Man konnte es ihnen nicht verdenken“, schrieb Harri Czepuck in seinen Erinnerungen weiter. „Mit der Übernahme der Bewachungsoberhoheit durch polnische Truppen hatte zunächst und zwar auf Jahre hinaus generell jegliche politische oder kulturelle Betätigung der deutschen Kriegsgefangenen zu unterbleiben. Es gab für uns offiziell keine Zeitungen, auch keine polnischen, und es gab, was für uns alle schwer wurde, ein absolutes Briefschreibverbot. Wir hatten Wiedergutmachung zu leisten und nicht zu politisieren“.

Knurów (westlich von Kattowice) hieß eine weitere Station für Czepuk. Hier mussten die Kriegsgefangenen im Bergbau arbeiten. In seinem Buch schildert er anschaulich die Lebensbedingungen. Literarisch verarbeitet wurde die Situation deutscher Kriegsgefangener übrigens in dem Roman (und später Film) „Der Aufenthalt“ von Hermann Kant, der ebenfalls in polnischer Kriegsgefangenschaft war und den Harri Czepuck dort kennenlernte.

Im März 1948 änderte sich plötzlich die Situation für Czepuck. Er wurde nach Warschau transportiert, wo ihm mitgeteilt wurde, dass er nun zu einer Gruppe gehöre, welche den Kern einer Zentralen Selbstverwaltung der etwa 40.000 deutschen Kriegsgefangenen in Polen bilden. Informationsvorträge über die Geschichte, aber auch über die aktuelle Entwicklung in Deutschland beziehungsweise seinen Besatzungszonen gehörten dazu. Aber auch die Arbeit an einer Zeitung für die Kriegsgefangenen mit dem Titel „Die Brücke“. Hier konnte Czepuck, wie er später schrieb, seine ersten journalistischen Erfahrungen erwerben, „wie andere z.B. Manfred Gebhardt, Hermann Kant, Werner Land auch“. Czepuck: „Natürlich waren unsere ersten Beiträge manchmal hölzern. Es gelingt nicht immer, ein Thema, das man wiederholen muß und will, literaturpreisverdächtig abzuhandeln“.

webCzepuk_WendezeitenZum 60. Jahrestag der „Brücke“ schrieb Czepuck: „Die Schwierigkeit bestand zunächst darin, dass außer Karl Wloch, von dem wohl auch die Idee für den Titel „Die Brücke“ stammte, niemand eine Ahnung vom Zeitungsmachen hatte. Nur einer aus der Selbstverwaltung hatte schon mal Zeitungsgeruch in der Nase gehabt: Werner Land, gelernter Schriftsetzer und später in der DDR stellvertretender Chefredakteur der „Berliner Zeitung“. Der wurde von Wloch in Warschau als erster Chefredakteur eingesetzt. Im Übrigen wurden vor allem ein paar junge Leute ausgewählt, darunter Hermann Kant und ich, zu denen später Manfred Gebhardt (in der DDR lange Chefredakteur des „Magazin“) und andere stießen.“

Hier in der Redaktion der „Brücke“ erfuhr Czepuck auch von der Gründung der „Hellmut- von-Gerlach-Gesellschaft“, der ersten deutsch-polnischen Gesellschaft, der sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland auch anschloss.

Im Sommer 1949 war das Thema Kriegsgefangenschaft für Harri Czepuck erledigt, er kam zurück in die Heimat. Doch die Arbeit bei der Brücke hat nachgewirkt. Er wollte eine Ausbildung als Journalist absolvieren. Beim „Neuen Deutschland“ begann er ein Volontariat. Zehn Jahre später war er der erste Korrespondent des ND in Bonn, 1966 wurde er stellvertretender Chefredakteur, ein weiteres Jahr später Vorsitzender des „Verbandes der Deutschen Journalisten“.

Doch 1972 geriet Czepuck in Konflikt mit dem damaligen ND-Chefredakteur Herrmann – und wurde abgesetzt, später drängte Herrmann ihn auch beim Journalistenverband zum Rücktritt.

Die Hellmut-von-Gerlach-Gesellschaft war bereits 1953 in der DDR wieder aufgelöst worden, doch viele Mitstreiter, so auch Czepuck, fanden sich in der „Liga für Völkerfreundschaft“. Als im April 1990 in Berlin die „Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen in der DDR“ gegründet wurde, war Harri Czepuck von Anfang an dabei. Ebenso, als diese Gesellschaft 1992 der ostdeutsche Regionalverband der „Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland“ wurde. Und so ergab es sich, dass er den vakanten Posten des Chefredakteurs der Zeitschrift „POLEN und wir“ in den 90er Jahren einige Jahre lang übernahm.

Am 14. Juni 2015 starb Harri Czepuck in Berlin.

 

Unser letzter Sommer

Filmpremiere am 22. Oktober

Eine Liebesgeschichte am Rande des Vernichtungslagers

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Mit Filmen über den II. Weltkrieg tut man sich in Deutschland immer noch schwer. Am interessantesten und eindrucksvollsten sind internationale Koproduktionen, wie „Die Blechtrommel“, „Sophie Scholl“, „Der Pianist“ oder „Die Fälscher“. Schwierig und klischeebehaftet sind deutsche Alleingänge, wie der dreiteilige TV-Film „Unsere
Mütter, unsere Väter“ des ZDF. Polen hat darauf mit dem Film „Warschau 44“ geantwortet, der in Deutschland bislang nur später Nachtzeit im ZDF zu sehen war.

Der 17-jährige Romek (FILIP PIOTROWICZ), dessen Vater im Krieg getötet wurde, arbeitet als Heizer bei der Eisenbahn. Gemeinsam mit der 16-jährigen Nachbarstochter Franka (URSZULA BOGUCKA) genießt er die Idylle des Sommers: die Sonne, die Natur – Romek ist verliebt.  Foto: Robert Palka

Der 17-jährige Romek (FILIP PIOTROWICZ), dessen Vater im Krieg getötet wurde, arbeitet als Heizer bei der Eisenbahn. Gemeinsam mit der 16-jährigen Nachbarstochter Franka (URSZULA BOGUCKA)
genießt er die Idylle des Sommers: die Sonne, die Natur – Romek ist verliebt.
Foto: Robert Palka

Jetzt kommt eine deutsch-polnische Produktion als Spielfilmkinodebüt des Dokumentar-
und Kurzfilmregisseurs Michał Rogalski mit dem Titel „Unser letzter Sommer“ (Letnie przesilenie) in die Kinos. Über den Weg einer Liebesgeschichte wird die Schwierigkeit, in dem besetzten Polen zu leben, geschildert. Regisseur Rogalski schildert in dem Film das Leben zwischen der deutschen Sicherheitspolizei, korrupten Autoritätsfiguren in allen Gesellschaftsschichten und fliehenden Juden, die erste Liebe und den ersten großen Verlust im Leben. Eigentlich eine Geschichte, wie sie überall spielen könnte. Doch sie ereignet sich an der Desinfektionsrampe 333
des Vernichtungslagers Treblinka, das zur Ermordung der Juden aus dem Warschauer Ghetto errichtet wurde. Hier machen deutsche Soldaten Geschäfte mit den Habseligkeiten der Opfer des nahen KZ.
Auslöser für die berührende Geschichte waren für Michal Rogalski Fotos seiner Großeltern aus dem Sommer 1943, die eine scheinbar sorgenfreie Zeit dokumentieren. Und so widmet Rogalski den Film: „Für meine Großmutter, die mir ALLES erzählte.“

Der 17-jährige Soldat Guido (JONAS NAY) hat nur Augen für Franka. Sein Kamerad Odi (GERDY ZINT) macht ihm Mut: „Das wäre doch ein Küken für dich“. Die beiden Männer werden auf Patrouille geschickt – auch sie müssen zur Rampe 333.  Foto: Alexander Janetzko

Der 17-jährige Soldat Guido (JONAS NAY) hat nur Augen für Franka. Sein Kamerad Odi (GERDY ZINT) macht ihm Mut: „Das wäre doch ein Küken für dich“. Die beiden Männer werden auf Patrouille geschickt – auch sie müssen zur Rampe 333.
Foto: Alexander Janetzko

Das Drehbuch, ebenfalls von Michal Rogalski, gewann 2008 den Hartley-Merrill-Drehbuch-Preis und im September diesen Jahres beim Montreal Film Festival erhielt Rogalski ebenfalls die Auszeichnung für das beste Drehbuch.
Das deutsche Nachwuchstalent Jonas Nay (WIR SIND JUNG. WIR SIND STARK., HOMEVIDEO) in der Rolle des Guido, der polnische Jungschauspieler Filip Piotrowicz (Romek), Urszula Bogucka (Franka) und Maria Semotiuk (Bunia) spielen die Hauptrollen in diesem Drama. Die deutschpolnische Kinoproduktion UNSER LETZTER
SOMMER entstand zwischen August und Oktober 2013 in der Nähe der Stadt Wrocław, zwischen Riesa und Torgau in Sachsen und im brandenburgischen Lübben. Der Film ist eine Koproduktion der deutschen SUNDAY Film aus Halle, der Berliner MAFILM, dem Tonstudio STL, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg und der polnischen
PRASA I FILM aus Warschau.
Ab 22. Oktober ist der Film in Deutschland in den Kinos.