Das Herz schlägt für Rot-Weiß

 

Polnischer Fanclub des Energie Cottbus

gründet sich in Gubin

 

Von Melanie Longerich

 

Jakub Bartczak hat vorgesorgt: Wenn seine Mannschaft ins Cottbuser Stadion der Freundschaft einläuft, hat er seine rot-weiße Fahne längst ausgerollt und schwenkt sie ganz weit hoch über seinem Kopf. Das ist zunächst kein ungewohnter Anblick, in Cottbus ist schließlich vieles Rot-Weiß, die Vereinsfarben seines FC Energie ebenso wie das Wappen der Stadt. Doch Jakub Bartczak kommt aus dem polnischen Gubin direkt an der brandenburgischen Grenze und so schwenkt er die Farben eben auch ein bisschen für sein Land. Der 26-Jährige hat kürzlich den ersten polnischen Energie-Fan-Club gegründet. Rund 80 Polen aus seiner Heimatstadt und aus dem nahe gelegenen Zielona Góra sind bereits Mitglied und reisen regelmäßig zu Bundesliga-Spielen nach Cottbus - wenn die Bayern in der Lausitz spielen, können es auch schon einmal 120 sein. Die Eintrittskarten und die nötigen Reisebusse organisiert Bartczak, genau wie die polnische Fan-Seite im Internet. „Ich bin eben ein Mädchen für alles“, sagt er schlicht.

 

Die Idee, einen polnischen Fan-Club des Lausitzer Vereins zu gründen, ist auch aus der Not geboren: Um ein Erstliga-Spiel in Polen zu sehen, müssen Fußballfans aus dem Grenzgebiet zu Brandenburg gut 100 Kilometer weit fahren - entweder nach Posen zum Erstligisten Lech Poznań oder in Richtung Niederschlesien zu Załębie Lubin. Lechia - der eigentliche Regionalverein aus Zielona Góra dümpelt schon länger in der dritten Liga: „Und da macht Fußball nun wirklich keinen Spaß mehr“, sagt Jakub Bartczak. Im 40 Kilometer entfernten Cottbus hingegen hat er die Möglichkeit, polnische Spielergrößen wie Mariusz Kukielka oder Jungstar Tomasz Bandrowski live zu sehen - beide sind im Gespräch für die polnische Nationalmannschaft.

Doch das allein ist nicht der Grund: Mit Jakub Bartczak wächst eine Generation im polnischen Grenzgebiet heran, für die es zusehends normaler wird, sich als Bewohner einer Region zu verstehen und am Wochenende per Satellit eben auch die deutsche Bundesliga vom Sofa aus zu verfolgen. Jakub Bartczak besuchte eine deutsche Schule in der brandenburgischen Nachbarstadt Guben, studierte an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) Jura. Er spricht fließend Deutsch - ebenso wie sein Bruder Bartolomiej, ebenfalls Cottbus-Fan. Der 28-Jährige hat den selben Ausbildungsweg hinter sich, kickte zu Schulzeiten im Fußballverein der deutschen Nachbarstadt und ist seit einem halben Jahr Bürgermeister von Gubin - nicht zuletzt wegen seiner Kontakte ins Nachbarland.

Dass im vergangenen Sommer die Bartczak-Brüder den Kontakt zum FC Energie suchten, kam dem Verein laut Robert Förster, Energie-Betreuer des polnischen Fanprojekts, sehr gelegen: „Fans stehen wie eine Wand hinter dem Verein.“ Und die begann in Cottbus schon vor langer Zeit zu bröckeln. Dass immer mehr Lausitzer ihrer Region den Rücken kehren, bekommt auch der Verein zu spüren: „Mittlerweile haben wir Energie-Fans im gesamten Bundesgebiet“, sagt Förster. Natürlich sei das schön, gerade bei Auswärtsspielen unterstützt zu werden: „Doch eigentlich brauchen wir die hier.“ Die polnischen Fans sollen nun die Reihen wieder füllen, und erhalten dafür vergünstigten Eintritt. Und noch mehr: „Wir hoffen mit den neuen Fans auch polnische Sponsoren zu gewinnen“, erklärt Robert Förster die Geschäftsidee. Auch einen Fanshop im Nachbarland zu eröffnen, sei da nur noch eine Frage der Zeit.

Vor den Spielen muss Jakub Bartczek jeweils Namen, Adressen und Identifikationsnummern des polnischen Ausweise der anreisenden Fans nach Cottbus schicken: „Zur Sicherheit“, sagt Bartczack, „sollten polnische Fans randalieren, kann die Polizei sie sofort identifizieren.“ Er lacht: Weder er noch die anderen Fans sehen so aus, wie die, vor deren Invasion in Deutschland bereits zur Weltmeisterschaft gewarnt wurde. Viele tragen zum Spiel Anzug und Lackschuhe, arbeiten wie er in den Stadtverwaltungen jenseits der Grenze oder haben eigene Geschäfte. Deshalb stören ihn auch die Vorbehalte, die ihm gelegentlich von deutschen Fans im Blog der offiziellen Energie-Internetseite entgegenschlagen. „Die Lausitz endet doch nicht in Deutschland. Aber einige haben das immer noch nicht begriffen.“