“Fragt uns - wir sind die Letzten”

Beginn der “Zukunftsarbeit”

 

Von Andrea Jont

Deutsche Jugendliche sind in Auschwitz-Birkenau keine Seltenheit. Sie stellen etwa zehn Prozent der Besucher in dem einstigen deutschen Vernichtungslager. Diesmal allerdings ist das Treffen mit ehemaligen Häftlingen aus Polen, Deutschland, Israel, Belgien, Tschechien, Frankreich und den Niederlanden am symbolträchtigen Ort etwas Außergewöhnliches: Die Begegnung unter dem Motto “Fragt uns – wir sind die Letzten!” ist das erste Projekt, das aus Mitteln des Zukunftsfonds der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung, Zukunft” finanziert wird. Nachdem die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter angelaufen ist, sollen nun auch Projekte unterstützt werden, die auf die Zukunft ausgerichtet sind.

 

Als sich das internationale Auschwitz-Komitee mit der Bitte um Unterstützung an die Stiftung wandte, habe er nicht lange gezögert, sagt der Stiftungsvorsitzende, Michael Jansen. “Das Treffen hier hat ja Symbolcharakter”. Für die 150 jungen Deutschen und Polen, die im Juni dieses Jahres drei Tage lang mit ehemaligen Auschwitzhäftlingen diskutieren konnten, war die Begegnung eine besondere Erfahrung. “Es ist eben was ganz anderes als im Geschichtsunterricht etwas über den Nationalsozialismus zu lernen”, meint einer der deutschen Jugendlichen. Die Konfrontation mit Neonazis brachte die deutsche Jüdin Esther Bejarono, die heute in Hamburg lebt, vor Jahren zu den Treffen mit Jugendlichen, denen sie über ihre Häftlingszeit in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern erzählt. Zurück nach Auschwitz zu gehen, schmerzt jedes Mal neu. “Wenn ich hier das Ausmaß der Verbrechen sehe, ist das immer wieder neu erschreckend, aber es ist auch ein Ansporn, in die Schulen zu gehen”, sagt sie. Mit 77 Jahren gehört sie unter den Zeitzeugen zu den Jüngsten. Nur noch wenige Jahre, dann wird niemand mehr übrig sein, der aus eigener Erfahrung vom Schicksal der Häftlinge und Zwangsarbeiter erzählen kann. Die Begegnung mit Zeitzeugen ist deshalb vorrangig bei Projekten, die aus den Mitteln des Zukunftsfonds finanziert werden, betont Hiltgunt Jehle, Leiterin des Fonds “Erinnerung und Zukunft”. “Denn Geschichtsbücher”, so sagt sie, “können nicht antworten”. Diese Begegnung unter dem Motto “Fragt uns - wir sind die Letzten” solle kein Einzelfall bleiben, betonte Hiltgunt Jehle. “So lange es noch Überlebende gibt, so lange wird das mit Vorrang behandelt.” Deshalb sollen schon bald ehemalige Zwangsarbeiter im rheinischen Dormagen mit jungen Deutschen zusammenkommen. Noach Flug, der am Wochenende neu gewählte Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, hob die Bedeutung solcher Begegnungen hervor: “Unser Überleben hätte keinen Sinn, wenn wir nicht darüber erzählen”, betonte er vor Journalisten. “Es ist ein ganz besonderes Problem, wie man der nachfolgenden Generation diese Verantwortung nahe bringt” sagte der Stiftungsvorsitzende Michael Jansen. Er halte es für eine Pflicht, auch in Deutschland immer wieder durch Begegnungen mit Überlebenden die Verantwortung für die Nazi-Opfer zu betonen.