Czesław Miłosz - der unbequeme Patriot

Der Literaturnobelpreisträger sorgt noch im Tode für eine bemerkenswerte Debatte

 

Von Antje Jonas

 

Am 14. August starb Czesław Miłosz in Krakow  im Alter von 94 Jahren. Sein Tod hat in Polen neben der Trauer um einen  großen polnischen Schriftsteller auch eine Debatte um sein Begräbnis ausgelöst. National-konservative katholische Kräfte wollten verhindern, dass die Beisetzung des Dichters an besonders ehrenvoller Stätte, in der Gruft des Paulinerklosters auf dem Skalkahügel in Krakau, stattfand. Diese Kreise warfen ihm mangelnden Patriotismus vor.


Erst mit dem Brief des Papstes an den Erzbischof von Krakau wurde kurz vor der Beerdigung der Streit um die Beisetzung des Dichters beendet. Dieser Streit, so sehr ihn viele Polen als peinlich empfunden haben mögen, zeigt sehr deutlich die Unterschiedlichkeiten im Selbstbild der heutigen polnischen Gesellschaft.Die meisten Polen verehren in Miłosz einen Literaten, der der polnischen (und slawischen) Literatur internationale Anerkennung  verschaffte, der während des Krieges in Polen blieb und dort u.a. mit Jerzy Andrzejewski im besetzten Warschau die erste unabhängige Zeitschrift redigierte. Die Mehrheit der Polen betrachtet ihn als einen Exilschriftsteller, der seiner Muttersprache treu blieb und der der wechselvollen und opferreichen Geschichte seines Vaterlandes ein vielseitiges und literarisch hochkarätiges Denkmal gesetzt hat. Viele sehen in ihm aber auch immer noch den Exilanten, der nicht bereit war, der polnischen Geschichte, Tradition und Kirche unreflektiert zu huldigen; diese Kreise halten weiter fest am Mythos der polnischen Geschichte und verfolgen eine rückwärts gewandte Utopie, jenseits der gesellschaftlichen Veränderungen des heutigen Polen als Mitglied eines sich vereinigenden Europas.   

In der Tat war Miłosz ein kritischer und unbequemer Patriot. Er blickte seit 1951 mit der Distanz des Exilanten auf sein Heimatland, auf die dortige sozialistische Nachkriegsentwicklung und auf den unbefragten Mythos des Nationalstolzes. So galt er der offiziellen kommunistischen Kulturpolitik und vielen polnischen Katholiken als vaterlandsloser Geselle. Seine Gedichte waren in Polen verboten, bis er im Jahre 1980 den Literaturnobelpreis erhielt.

Seit 1989 verbrachte der Dichter  viel Zeit in Polen und insbesondere in Krakau; er kehrte aber auch immer wieder nach Berkeley/Kalifornien zurück, wo er seit 1960 an der dortigen Universität als Dozent für Slawische Literatur tätig gewesen war. Leider liegen seine zahlreichen literarischen Texte, Gedichte, Erzählungen, Essays und Romane,  bislang noch nicht vollzählig in deutscher Übersetzung vor. In den Verlagen Steidl, Hanser und Eichborn sind einige der Werke des polnischen Literaturnobelpreisträgers herausgegeben worden, so zum Beispiel „Die Zukunft der Erinnerung“, „DAS und andere Gedichte“  oder „Das Tal der Issa“.