Zum Tode von Fred Löwenberg

Von Daniela Fuchs

 

Die Bekanntschaft mit Fred Löwenberg verdanke ich meinem Sohn. Janek gehört  einem Schülernetzwerk gegen Rechtsextremismus und Neonazis in Berlin Marzahn-Hellersdorf an, das seit 2001 besteht. Fred Löwenberg hatte von Anfang an dieses Schülerprojekt betreut. Selbst Häftling von Konzentrationslagern, konnte er den Schülerinnen und Schülern viel über die menschenverachtende Politik der Nazis aus eigenem Erleben berichten. Als er so alt war wie sie heute, war er bereits faschistischer Verfolgung ausgesetzt. Die Jugendlichen mochten ihn und er nahm sie und ihre heutigen Probleme ernst. Nie hob er belehrend den Zeigefinger. Noch drei Wochen vor seinem Tod war er mit ihnen im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück unterwegs.

 

Fred stammte aus Breslau und lebte nach dem Kriegsende noch bis 1948 in Wrocław. Über diese Zeit und seine Erlebnisse, die die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung und die Machtübernahme durch Polen betreffen, wollte ich mit ihm sprechen.

Fred Löwenberg empfing mich in seinem Büro. Bis zu seinem Tode am 30. Mai 2004 war er Vorsitzender der Berliner Vereinigung ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener, so der offizielle Name.

Geboren wurde Fred Löwenberg 1924 in einer sozialdemokratischen Familie. Sein eigentlicher Geburtsname Ferdinand war eine Hommage seiner Eltern an einen der Urväter der Sozialdemokratie Ferdinand Lassalle. Sein Vater, im Betriebsrat der Breslauer Reichspost tätig, starb bereits 1933. Die Mutter schilderte mir Fred als eine liebevolle, starke und mutige Frau. Sie hatte sich standhaft bei einer Vorladung der Gestapo geweigert, den Namen Löwenberg abzulegen. In einem Schrebergarten organisierte sie zum 14. Geburtstag ihres Sohnes eine Jugendweihefeier. Offiziell wurde dieser später in der berühmten Breslauer Kreuzkirche konfirmiert.

Eine Jugend im Nazi- Deutschland

Freds konspirative Arbeit begann innerhalb der Falken und einer evangelischen Jugendorganisation. Er liebte den im Dritten Reich verpönten Swing und Jazz und organisierte mit Gleichgesinnten für polnische Zwangsarbeiter Lebensmittel und Bekleidung. Den Nazis war er nicht nur politisch ein Dorn im Auge. Er galt ihren Rassegesetzen nach als „jüdisch versippt“. Er hatte keine Chance, seine Kellner- und Kochlehre zu beenden. Der Schutzhaftbefehl der Gestapo warf dem 18jährigen Ausländerbegünstigung und Heimtücke und seine sogenannte arische Freundin vor. Nach Folter und Verhören folgte eine sechsmonatige Einzelhaft im Breslauer Gestapokeller, anschließend die Einweisung ins Konzentrationslager Buchenwald. Später kam Fred strafverschärfend in das Konzentrationslager Neuengamme. Bis aufs Skelett abgemagert, wurde er in dessen Außenlager Hohwacht im Frühjahr 1945 von britischen Truppen befreit. In einem Lazarett kam er langsam zu Kräften. Später sollte er erfahren, dass seine Mutter, sein jüngerer Bruder Martin und er als einzige aus der Familie den Naziterror überlebt hatten. 15 Familienmitglieder waren dem Holocaust zum Opfer gefallen.

Zunächst war Fred unschlüssig, wohin er gehen sollte. Breslau seit 1944 von den Nazis zur Festung erklärt, wurde am 7. Mai 1945 von der Roten Armee befreit. Fred entschied sich, nach Leipzig zu fahren, denn dort hatte er einen Jugendfreund. Im amerikanisch besetzten Leipzig traf Fred Löwenberg mit dem ehemaligen Reichstagsabgeordneten der KPD Fritz Selbmann zusammen. Selbmann hatte den antifaschistischen Block in Leipzig mitbegründet, der sich aktiv in den Wiederaufbau der Stadt einbrachte. So etwas schwebte Selbmann auch für Breslau vor.

Nach dem Krieg: Heimkehr nach Breslau

Deshalb hatte er sogleich Verwendung für den jungen Mann. Fred sollte nach Breslau reisen, um die Breslauer Antifa erneut aufzubauen. Dieser war froh, hoffte er doch, dort zugleich seine Angehörigen zu finden. Im August 1945 fuhr der 21jährige nach Breslau. Seine Heimatstadt war kaum wiederzuerkennen. Zu 70% zerstört gab es nicht nur Trümmer. Gerade hatte die Potsdamer Konferenz der Alliierten sich auf die Festlegung der polnischen Westgrenze an der Oder und Lausitzer Neiße geeinigt. Das bedeutete, dass die deutsche Bevölkerung nun Breslau verlassen musste. Bevor Fred in Breslau ankam, waren bereits deutsche Antifaschisten unter dem Schutz der Roten Armee in einem Treck in die Sowjetische Besatzungszone ausgereist. Diese hatten während der Nazizeit Widerstand geleistet und sich an den ersten Aufbauarbeiten nach Kriegsende beteiligt.

Über die Breslauer Antifa gibt es nach wie vor Ungereimtheiten, die sowohl die deutsche als auch die polnische Geschichtswissenschaft bisher noch nicht aufgearbeitet hat. So wird die Rolle der Antifa in der polnischen Literatur negativ bewertet und reduziert auf Unterschlüpfmöglichkeiten für Nazis.

Als Fred nunmehr in Wrocław eintraf, machte er sich unverzüglich an die Arbeit. Sein Büro wurde jedoch innerhalb kürzester Zeit geschlossen, die Antifa von polnischen Behörden zwangsaufgelöst. Es herrschte Chaos. Hinzu kamen Unklarheiten vor Ort über die Ausführung der Potsdamer Beschlüsse. Drei Verwaltungen arbeiteten in dieser Zeit neben- und nicht unbedingt miteinander. Es gab die polnische Militär- und Zivilverwaltung sowie die sowjetische Militärkommandantur. Hinzu kam die deutsche Selbstverwaltung, die von den Polen, so berichtete Fred, mehr oder weniger geduldet, von den Russen hingegen unterstützt wurde. Die deutsche Selbstverwaltung gliederte sich in 13 Verwaltungseinheiten, die von sogenannten Quartalsleitern, so die polnische Bezeichnung, geführt wurden. Fred wurde ihr Sprecher. Die Russen nannten ihn daraufhin den „Bürgermeister“. Manchmal, erinnerte sich Fred, lösten sich auch Strukturen auf oder die Arbeit lief doppelgleisig.

Freds Gebiet war sein alter Heimatbezirk. Zu den Aufgaben der deutschen Selbstverwaltung gehörte, sich um die deutsche Bevölkerung, die vor allem aus alten Menschen, Frauen und Kindern bestand, zu kümmern. Es lebten zu dieser Zeit noch etwa 115 000 Deutsche in der Stadt. Sie mussten entsprechend der Verordnungen auf die Räumung und die Transporte vorbereitet werden. Plünderungen sollten dabei verhindert werden. Wenn die polnischen Behörden die Räumung angeordnet hatten, mussten die Bewohner innerhalb von zwölf Stunden ihre Sachen packen. Sie durften die Hälfte ihres Eigentums, Lebensmittel und die Federbetten mitnehmen. Fred hat viele bittere und tragische Schicksale erlebt. Froh war er, als er einen Transport stoppen konnte, der im Frühjahr 1946 bei eiskaltem Wetter durchgeführt werden sollte. Da es keine geheizten Waggons gab, wurde die Abfahrt auf wärmeres Wetter verschoben.

Die deutsche Selbstverwaltung war anfangs auch für die Wiederherstellung der Kanalisation und der Elektrizität sowie für die Freilegung des Binnenhafens verantwortlich. Die deutschen Fachleute durften zunächst nicht ausreisen. Die ersten zwei Jahre nach Kriegsende arbeiteten auch deutsche Facharbeiter in den Straßenbahnhöfen. Sie wurden dann nach und nach durch Polen ersetzt.

Fred Löwenberg erinnerte sich an ein Gespräch mit Dr. Bolesław Drobner, der für einige Monate der erste Stadtpräsident Wrocławs war. Drobner war ein erfahrener Funktionär der PPS und wollte den „Bürgermeister“ kennen lernen. Fred sagte: “ Es war ein höfliches Gespräch ohne Sympathie von seiner Seite. Ich hatte ihm auch von meinem sozialdemokratischen Elternhaus und meiner eigenen Arbeit berichtet.“

Fred wurde klar, dass die polnische Verwaltung die Vertreter der deutschen Selbstverwaltung nur duldete, um die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung zu gewährleisten. „Die Spannung zwischen Deutschen und Polen war in dieser Zeit so groß, man konnte es fast knistern hören. Für die nach Wrocław kommenden Polen, darunter auch Vertriebene aus Ostpolen, waren wir Deutsche der blanke Horror, denn wir waren daran schuld, dass viele ihre Heimat, die nun sowjetisch wurde, verlassen mussten“, erinnerte sich Fred. Zu seinen bitteren Erfahrungen gehörten die Erlebnisse in polnischen Gefängnissen. Die Anlässe waren nichtig. Einmal half er einer Frau , die beraubt wurde. Es war eine chaotische Zeit mit hoher Kriminalität. Einmal fand er sich in der Zelle mit der Wachmannschaft des KZ Groß-Rosen wieder, die ihn prügelten. Für die Misshandlungen durch polnische Wachleute fand Fred sogar eine Erklärung. Es waren ganz junge Burschen, die noch Kinder waren, als ihr Land von Nazideutschland überfallen wurde. Sie waren in Lagern gewesen und hatten Angehörige verloren und besaßen keine Bildung.

Fred Löwenberg blieb bis Oktober 1948 in Wrocław. Da gab es schon keine deutsche Selbstverwaltung mehr. Sie wurde etwa Mitte des Jahres 1947 aufgelöst. Fred fand eine Anstellung in der jüdischen Gemeinde in Wrocław und wurde Mitglied in ihrem Zentralkomitee. Ihre Mitglieder waren zu 90% Polen. Der Rest waren deutsche und russische Juden. In der Nähe der alten jüdischen Synagoge „Der weiße Storch“ befand sich das jüdische Bad, die Mikwe. Fred wurde dort Bademeister. Spielte das jüdische Leben in Freds Elternhaus keine Rolle, so begann er sich nun dafür zu interessieren. Er spielte sogar mit dem Gedanken, nach Palästina zu gehen Einen illegalen Lehrgang der Haganah in Wrocław hatte er bereits besucht.

Doch Fred kam von seinen sozialdemokratischen Wurzeln nicht los. Er wurde Gastmitglied der PPS und engagierte sich in seiner Wohnortnähe. In diesem Kreis fühlte sich Fred sehr wohl. Auf seine Initiative hin wurde später das von den Nazis in der Kristallnacht 1938 geschändete Grab von Ferdinand Lassalle auf dem alten jüdischen Friedhof wieder hergerichtet.

Als Fred Löwenberg Wrocław verließ, war die Stadt, wie der polnische Historiker Marek Ordylowski schreibt, eine neue, andere Stadt mit einer neuen polnischen Bevölkerung geworden.

Fred Löwenbergs weiteres Leben verlief nicht weniger dramatisch. In München, wo er seine Mutter und seinen Bruder wieder traf, wurde er Mitglied der SPD. Bereits 1950 schloss ihn die Partei aus. Den SPD-Genossen war sein Engagement für die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ein Dorn im Auge, arbeitete diese Organisation doch eng mit Kommunisten zusammen. Als er erneut Verfolgungen ausgesetzt wurde, siedelte er in den sechziger Jahren in die DDR über. Er arbeitete u.a. als Journalist für die Zeitschrift „Die Wirtschaft“.

Fred Löwenberg wirkte bis zu seinem Lebensende für die Verwirklichung seines Credos: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg.“ Er hätte noch viel zu erzählen gehabt.