Suche nach der Originalhandschrift der polnischen Nationalhymne

"Noch ist Polen nicht verloren....." (Joseph Wybicki 1797)

Von Thomas von Roznowski

Unsere Suche und Familienforschung begann ganz spannend! Im Oktober 1970 schickte uns eine Bekannte aus Berlin eine Annonce aus dem "Tagesspiegel": "Gesucht werden Erben oder Freunde von Dr. med. Johannes v. Roznowski." Wir meldeten uns natürlich und hofften auf eine große Erbschaft. Aber statt dessen meldete sich der Direktor der polnischen Abteilung von "Radio Free Europe" in München, Jan Nowak Jeziorañski. Er wollte eine Sendung über den Dichter der polnischen Nationalhymne, Joseph Wybicki, machen. Von seinem Bekannten, Graf Ledochowski* in Südafrika - wie sich später herausstellte, einem Vetter 2. Grades von mir - hatte er erfahren, dass irgendwo in Deutschland noch Nachkommen von Wybicki mit Namen "von Roznowski" lebten.

 

Begonnen hat Jan Nowak Jeziorañski mit seiner Suche in Berlin, dem letzten Wohnsitz meiner Eltern. Er wusste, dass meine Eltern eine Tochter und einen Sohn namens Thomas hatten, und dass ich somit direkter Nachkomme in männlicher Linie von Joseph Wybicki bin. Von Jan Nowak Jeziorañski wissen wir, dass mein Vater viele Dokumente von Wybicki geerbt hatte, darunter auch die Originalhandschrift "Noch ist Polen nicht verloren".

Ahnenforschung

Als Kind wusste ich nur, dass mein Vater in einem Schrank alte Akten verwahrte, die für ihn viel bedeuteten. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Meine Eltern nahmen sich 1944 in Berlin gemeinsam das Leben. Mein Vormund sagte mir nach der Beerdigung, dass mein Vater vor Beginn des Bombenterrors diese für ihn wichtigen Akten in den Tieftresor der Deutschen Reichsbank in Berlin gegeben hätte. Aber ich hatte nach dem Tod meiner Eltern ganz andere Probleme als nachzuforschen, was das war. Ich wurde einberufen als Luftwaffenhelfer und kam noch 1945 zur Deutschen Wehrmacht. Ich sollte unseren "Endsieg" mit erringen. Nach dem Sieg der Alliierten musste ich erst mal als 16-Jähriger ohne Eltern und ohne Wohnung mein Überleben organisieren. Kein Gedanke mehr an den Verbleib von Vaters alten Akten.

Und dann, 25 Jahre nach dem Krieg, im Oktober 1970, kam ein Brief von Jeziorañski und die Erinnerung an Vaters Akten im Tieftresor der Deutschen Reichsbank. Klar, dass die Russen 1945 alles aus diesem Tresor beschlagnahmt hatten. Ich fragte mich: Was wollen die Russen mit Wybickis Akten ? Wieso war ich Erbe von Wybicki? Was haben die Roznowskis mit Wybicki zu tun?

Ich stand 1970 mitten im Beruf als Diplomingenieur/Verkehrsplaner in einer Landesbehörde in Bochum. Zusätzlich war ich in der Kommunalpolitik engagiert und die Familie mit vier Kindern durfte auch nicht zu kurz kommen. Da blieb nicht viel Zeit und Interesse an alten Familiendokumenten. Aber meine Frau wurde zur Fährtensucherin. Als junge Frau hatte sie beruflich bei einer Kirchengemeinde oft in alten Kirchenbüchern nach Taufdaten und Familiendaten für andere Leute gesucht. Das kam ihr jetzt zugute. Sie hat alle Dokumente und Informationen zusammengetragen.

Zunächst schauten wir in verschiedenen Lexika nach, ob wir etwas über Wybicki finden konnten und siehe da, wir wurden fündig. Auch der polnische Sender bei Radio Free Europe half uns mit Unterlagen, Übersetzungen und Fotokopien, um über den berühmten Vorfahren etwas zu erfahren.

Joseph Wybicki

Josef Wybicki lebte von 1747-1822, also in der Zeit der polnischen Teilungen (1772, 1793 und 1795 zwischen Preußen/Russland/Österreich) und der französischen Revolution. Er war General und Senator, Wojewode, Staatsmann und Dichter. Mit seiner zweiten Ehefrau Estera Kowalska hatte er zwei Söhne und eine Tochter Teresa. Sein Sohn Lukasz starb kinderlos 1812 an den Verletzungen nach einer Schlacht. Auch sein Sohn Josef starb kinderlos. So blieb nur die Tochter Teresa, die er zärtlich liebte, wie aus verschiedenen Briefen hervorgeht. Sie hatte 1806 Florian Roznowski geheiratet und mit ihm vier Kinder, wovon aber nur Sohn Eduard (1814-1896) überlebte. Man kann davon ausgehen, dass sich die Familien Wybicki und Roznowski gut kannten, denn beide lebten in der Gegend um Posen und hatten jeder einen Sitz im Sejm, dem polnischen Parlament.

Wybicki wurde 1747 im Gut Bêdomin bei Danzig geboren. Er hatte einen Bruder und sieben Schwestern. Bereits 1777 forderte er in "Briefe an den Kanzler Zamojski" die Aufhebung der Leibeigenschaft des polnischen Landvolkes als eines der ersten Staatsbedürfnisse Polens.

1783 verkaufte er Bêdomin und kaufte vom Erlös das Gut Maniecki südlich von Posen, wo er 1822 starb. Beide Häuser sind heute Museen, die sich um das Erbe von Wybicki kümmern, Bêdomin besonders um die polnische Nationalhymne.

Im Jahre 1797 nach den drei polnischen Teilungen befanden sich Wybicki und der polnische General Jan-Henryk D¹browski (1755-1818) mit polnischen Freiwilligen in Italien in Reggio Emilia. Es wird angenommen, dass Wybicki dort während eines Festes Anregungen zum Schreiben des Legionsliedes "Noch ist Polen nicht verloren" bekommen hat. Dieses Lied, "Mazurek D¹browskiego" genannt, wurde immer öfter beim Erscheinen Dbrowskis spontan gespielt, auch in Salons und bei Festen. Dadurch wurde es sehr schnell überall bekannt.

In Preußen und Russland wurde dieses Lied wegen seines Widerstandscharakters verboten. Im Museum Bêdomin hängt z.B. ein kleines Kreuzigungsbild aus einer Kirche , hinter dem eine Spieluhr mit dieser Melodie versteckt war. Eingeweihte konnten die Spieluhr heimlich aufziehen und leise abhören. Aber erst 1926 wurde dieses Lied offiziell die Polnische Nationalhymne.

Wybicki und D¹browski werden beide in Polen sehr verehrt, wobei wahrscheinlich D¹browski wegen seiner militärischen Erfolge und Leistungen der Bekanntere sein dürfte. Sie haben viel zusammen gearbeitet und waren Freunde und Weggefährten bei dem Kampf um die Wiederherstellung des Königreichs Polen. In der Teilungszeit wurde die polnische Frage durch den Unabhängigkeitswillen der polnischen Nation zum Problem in Europa. In Paris entstand ein Emigrantenzentrum, in dem Wybicki und D¹browski zur Gruppe der Gemäßigten zählten. Das erste Zusammentreffen der Beiden war wahrscheinlich im Jahr 1794.

1796 befand sich Wybicki in Paris und bat D¹browski, auch dorthin zu kommen. Es ging um die Aufstellung von polnischen Truppen im Ausland, den sogenannten "Polnischen Legionen". D¹browski begann mit der Organisation dieses Projektes und erlangte dabei die Unterstützung der französischen Regierung und Napoleons, des damaligen Befehlshabers der französischen Truppen in Italien.

1806 hatte Napoleon die Preußen unter Friedrich Wilhelm III. bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen. In dieser Zeit entstand bei Wybicki und D¹browski eine noch stärkere Bindung an Napoleon. Es kam zu mehreren Zusammentreffen, so zum Beispiel 1806 bei Wittenberg und in Berlin. Bei dem Treffen im Oktober 1806 in Berlin verfasste Wybicki Aufrufe an die Polen zum Widerstand gegen die Preußen und die Russen.

D¹browski zog mit Napoleon durch das Brandenburger Tor in Berlin ein. 1807 errichtete Napoleon das Großherzogtum Warschau aus preußischen und österreichischen Teilen gegen den Widerstand Russlands mit einer Verfassung nach französischem Vorbild. Das war die Krönung des Lebenswerkes von Wybicki und D¹browski.

Einige Jahre später begann der Stern Napoleons zu sinken. Bei seiner Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 kämpfte auch General D¹browski mit polnischen Truppen für Napoleon. Nach dem Wiener Kongress 1815 setzte Zar Alexander I. die Umwandlung des Großherzogtums Warschau in ein mit dem Russischen Reich verbundenes Königreich Polen durch (Kongresspolen). Als "König von Polen" stattete er das Land 1818 mit einer eigenen Verfassung, Verwaltung und Armee aus. Preußen behielt nur Westpreußen und die Provinz Posen. Galizien blieb bei Österreich, Krakau blieb bis 1846 Freistaat.

Der Gang durch die Archive

Das reichhaltige Archiv aus Wybickis Leben befand sich zunächst in Maniecki bei seiner Tochter Teresa. Nur die wichtigsten Dokumente kamen über ihren Sohn Eduard und dessen Sohn Stanislaus, meinen Großvater, nach Berlin. Er war dort Arzt. Nach dessen Tod kam es in den Besitz meines Vaters, der sich des Wertes und der Bedeutung der Papiere sehr wohl bewusst war. Zweimal war der polnische Historiker Professor Adam Ska³kowski bei uns in Berlin und sichtete die Familienpapiere. Nur so ist bekannt geworden, dass dazu die Originalhandschrift der polnischen Nationalhymne gehörte und dass mein Vater die Dokumente einer wissenschaftlichen Institution Polens schenken wollte. Aber die politische Lage vor dem 2. Weltkrieg und die Wirren des Krieges selbst verhinderten diese Absicht.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Dokumente 1945 von russischen Kulturoffizieren nach Moskau transportiert wurden. Unsere Nachforschungen bei der Deutschen Bundesbank haben ergeben, dass die Russen nach der Besetzung Berlins zunächst keine Deutschen an den Tieftresor ließen und dass er danach leer war.

Wir hatten gehört, dass die Russen später Akten an das Archiv der DDR nach Merseburg zurückgegeben hatten. Von dort bekamen wir Mikrofilme über die Familie Roznowski. Zunächst konnten wir diese Mikrofilme gar nicht lesen, weil wir kein Lesegerät dafür hatten. Unsere Ruhr-Universität-Bochum half weiter. In den Roznowski-Akten standen außer den wichtigen Familien-Dokumenten auch abenteuerliche Sachen. Irgendwelche Roznowskis hatten mal von Bauern Geld kassiert und ihnen dafür niedrigere Steuern versprochen, aber das Geld nur verjubelt. Sie wurden dafür verurteilt und "des Adels für verlustig erklärt". Gott sei Dank keine von unserer Linie, wie sich nach langem Suchen herausstellte. (Es gibt in Polen fünf verschiedene Familien mit Namen Roznowski und mit unterschiedlichen Wappen). Aber über die Nationalhymne stand nichts in diesen Mikrofilmen.

Wir hatten auch erfahren, dass die Deutsche Reichsbank vor der Besetzung Akten aus dem Tieftresor nach Thüringen ausgelagert hatte. Die haben die Amerikaner in die USA mitgenommen. Von dort bekamen wir ein Verzeichnis über diese Akten, haben aber auch dort nichts über die Nationalhymne gefunden.

Auch die offizielle Anfrage des damaligen polnischen Staatspräsidenten Lech Wa³êsa anlässlich eines Staatsbesuches bei Boris Jelzin in Moskau blieb bisher ohne Erfolg.

Bei unserem Besuch im Sommer 1999 im Museum Bêdomin erfuhren wir, wie groß dort das Interesse am Besitz der Originalhandschrift ist, denn das 2. Original der Handschrift ist während des Krieges in Warschau verbrannt.

Die Fahrt nach Bêdomin war auch eine Suche nach den Spuren der Roznowskis in Posen und Umgebung. In der sehr schönen, neuen Krypta der St. Adalbert-Kirche von Posen (Koœció³ œw. Wojciecha) standen wir gemeinsam mit meinem Vetter 4.Grades, Dr. med. Andrzej Roznowski und dessen Frau aus Berlin vor dem Sarkophag Wybickis und anderer berühmter Polen. Neben Wybickis Sarkophag sahen wir auf einem Podest die Urne mit dem Herzen Jan-Henryk D¹browskis. Wir waren gerührt über die sehr würdige und stilvolle Aufbahrung dieser beiden für Polen so bedeutenden Männer, die nach wechselvollen Lebensschicksalen im Tode dort vereint liegen.

Aus der anfänglich erwarteten großen Erbschaft wurde also nichts, aber es entstand eine interessante Familiengeschichte über Wybicki und die Roznowskis (und deren Herkunft bis 1428). Die lange und oft mühselige Suche in den Dokumenten - vor allen Dingen, wenn sie in polnischer Sprache waren, die wir nicht beherrschen - hat aber auch zu Kontakten und Freundschaften mit noch lebenden Verwandten in Berlin, Warschau und London geführt. So haben sich die 30 Jahre Nachforschungen, begonnen bei Null, doch gelohnt. Zum Happyend fehlt aber immer noch die verloren gegangene Original-Handschrift.      m

(Beitrag zum II. Kolloquium über Jan Henryk D¹browski, polnischer General in der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) am 14.Oktober 2000 in Leipzig-Wiederitzsch)

* s. POLEN und wir, Nr. 3/2004 und 4/2004