Orte des Terrors

Die Geschichte der NS-KZs

Von Heiner Lichtenstein

 

Auf den ersten Blick verwirrt der Obertitel. Hatten die Nazis nur einen "Ort des Terrors"? Das können doch so erfahrene NS - Experten wie der Chef des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, und die langjährige Leiterin der Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel, nicht ernsthaft behaupten. Man muss sich schon die Mühe machen, das Vorwort von Benz zu lesen, um zu begreifen, dass der Titel durchaus ins Schwarze trifft. Es geht - der Untertitel sagt es - um die Geschichte aller NS - Konzentrationslager. In den 23 Kapiteln dieses ersten Bandes werden - um einige Beispiele zu nennen - die "Entwicklung des KZ - Systems", die "Häftlingsgesellschaft", die "Bewachung", "Frauen in NS - Konzentrationslagern", und zwar Opfer und Täterinnen, "Kunst im KZ" und anderes mehr vorgestellt.

 

Na gut, wird man vielleicht denken, das gibt es alles schon. Gewiss, aber verstreut in vielen Bänden und nicht so konzentriert und systematisch wie in dieser Sammlung. Und es ist ja erst der Anfang. Wolfgang Benz stellt im Vorwort das ganze Projekt vor und das hat es in sich. Sieben Bände sollen es werden, wobei Benz nicht schreibt, wann der letzte Band erscheinen soll. Das ist bei einem solchen Standardwerk auch ratsam, schon wegen der vielen Autorinnen und Autoren, aber auch wegen der Schwierigkeiten, die fast immer bei einem Projekt dieses Ausmaßes zu erwarten sind. Da kann es immer zu Verzögerungen kommen. Geplant sind nämlich die Geschichten aller 24 Hauptlager mit all ihren Nebenlagern von Dachau über Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenburg, Mauthausen, Hinzert, Ravensbrück, Auschwitz, Neuengamme, Stutthof, Groß - Rosen, Natzweiler, Wewelsburg, Majdanek, Arbeitsdorf (VW), Herzogenbusch/ Vught, Bergen - Belsen, Dora - Mittelbau, Riga, Warschau, Kaunas, Veivara, Plaszow, Klooga sowie die Vernichtungslager Chelmno, Be³¿ec, Treblinka und Sobibor. Im siebenten und letzten Band folgen dann noch Speziallager. Ein gewaltiges Vorhaben. Distel und Benz ist es aber durchaus zuzutrauen, damit fertig zu werden.

Was da im Einzelnen zu erwarten ist, hat Susanne Wilhelm jetzt im Zusammenhang mit Breloers hervorragendem Dreiteiler "Speer und Er" gezeigt. Wilhelm hat das Kapitel "Auschwitz" erforscht und geschrieben. Dabei hat sie herausgefunden, dass Speer durchaus wusste, wozu Auschwitz gebaut worden ist. Speer ist zwar wahrscheinlich nie im Stammlager gewesen, aber er hat sich von seinen Mitarbeitern genauestens berichten lassen, warum die Lagerleitung ungeheure Mengen an Baumaterial in Zeiten allgemeiner Mangelwirtschaft brauchte: u. a. für den Bau von Krematorien und anderer Bestandteile der Vernichtung von Menschen. Wilhelm hat damit entscheidend zur Entlarvung Speers beigetragen. Er war kein Verführter sondern ein Täter. Wäre das schon 1945 /46 während des Nürnberger Prozesses bekannt gewesen, hätte das Urteil der Richter nicht auf zwanzig Jahre Gefängnis gelautet, sondern Tod durch den Strang.

Es handelt sich bei dem Projekt von Distel und Benz also nicht nur um eine Sammlung dessen, was weit verstreut schon publiziert ist. Es werden auch neue Forschungsergebnisse vorgestellt. Dabei ist selbstverständlich nicht auszuschließen, dass nach Abschluss der Reihe weitere Erkenntnisse zu Tage kommen. Das Risiko geht jeder Publizist ein. In den folgenden sechs Bänden sollte freilich darauf geachtet werden, dass keine beschwichtigenden NS - Vokabeln benutzt werden. Weder bei dem Überfall auf Polen 1939 noch bei der Invasion der UdSSR handelte es sich um "Feldzüge", wie die NS - Propaganda zu behaupten beliebte, um alles zu verharnlosen. Es waren blutige, brutale, niederträchtige Vernichtungskriege ohne Vorbild, wie Hitler intern mehrfach betonte.

Dank gebührt nicht nur den Herausgebern, sondern auch dem C. H. Beck Verlag: Erstens dafür, dass er das Projekt verlegt, zweitens deshalb, weil er für den Druck teures säurefreies, alterungsbeständiges Papier verwendet. Ein finanziell profitables Geschäft macht der Verlag damit kaum. Vergleichbares findet man bei Verlagen heute eher selten. Respekt und gutes Gelingen!

Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1: Die Organisation des Terrors. Verlag C. H. Beck, München 2005, 394 S., 49, 90 Euro