Deutsche und Niederländer und Polen

 

Befreier - Befreite - Besatzer

 

Von Jarosław Żiółkowski

 

Sie kamen vom Westen. Man rätselte: Amerikaner? Briten? Kanadier? Sie konnten auch Englisch sprechen, hatten tolle Panzer und Motorräder und selbstverständlich boten auch sie Zigaretten an. So hat der niederländische Teenager Roelf seine erste geraucht, die ihm von einem Motorradkurier angeboten wurde, und er raucht bis heute. Nur eins stimmte nicht: an ihren Ärmeltressen stand POLAND geschrieben. Genauso überrascht war man auf der deutschen Seite der Grenze. Die über 1700 Kriegsgefangenen - polnische Soldatinnen - rechneten nicht damit, von ihren Landsleuten befreit zu werden. Und schon gar nicht rechneten damit die Deutschen selbst, dass irgendwelche polnischen Streitkräfte überhaupt kommen, und dazu noch von Holland aus...

 

Die Befreiung des nördlichen deutsch-niederländischen Grenzraumes durch die 1. Polnische Panzerdivision im April 1945 und die polnische Besatzung des Emslands

war Thema eines Seminars des Herinneringscentrums Kamp Westerbork (Hooghalen), der Stichting Over-en-Weer/Hin-und-Zurück (Emmen) und des Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ) Emslandlager (Papenburg). In der Ankündigung hieß es:

„1945 befreite neben kanadischen Truppen die 1. Polnische Panzerdivision grenznahe Ortschaften und Regionen in den Provinzen Drenthe und Groningen auf niederländischer und im Emsland und Ostfriesland auf deutscher Seite. Während die polnischen Soldaten dieser Einheit in den Niederlanden als Befreier von den deutschen Besatzern gefeiert wurden und bis heute geehrt werden, ist die deutsche Erinnerung zwiespältig: Das Kriegsende und die Befreiung vom Nationalsozialismus wurden begrüßt, aber teilweise auch als „Zusammenbruch“ und „Kapitulation“ empfunden. Die polnischen Befreier, deren Heimatland sechs Jahre durch Deutsche besetzt gewesen war und deren Landsleute man im emsländisch-ostfriesischen Raum seitdem nur als Kriegsgefangene der Emslandlager und als Zwangsarbeiter erlebt hatte, erhielten nun den Status einer Besatzungsmacht. Da in deren Einzugsgebiet vorübergehend Zehntausende Polen lebten, erschwerte das zusätzlich den Umgang mit dem Geschehenen.

Das ungewöhnliche, weil hier im Lande größtenteils unbekannt, Kapitel der deutschen Geschichte wurde vom 4. bis zum 6. April dieses Jahres in der Historisch-Ökologischen Bildungsstätte in Papenburg während des Seminars „Befreier-Befreite-Besatzer“ thematisiert. Die Teilnehmer waren Niederländer und Deutsche aus der Umgebung, aber auch ein paar in Deutschland und in Holland lebende Polen. Man hörte sich Referate an: zum Einsatz polnischen Militärs im Westen während des 2. Weltkriegs (Frans Ruczynski, Vorsitzender des General Maczek Museums in Breda), zur Geschichte der polnischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter im Emsland und ihrer Befreiung durch polnische Soldaten (Kurt Buck, Papenburg) als auch zum Thema Displaced Persons im Emsland (Andreas Lembeck, Oldenburg, Autor des Buches „Befreit aber nicht in Freiheit. Displaced Persons im Emsland in den Jahren 1945-1950“). Außerdem erzählte Roelf Nobbe aus Arnhem - ein Augenzeuge - über die Schrecken der deutschen Besatzung in der Provinz (Bourtange), über die Befreiung durch die polnischen Streitkräfte, über seine erste Zigarette und über die Pflege der Grabstätten der polnischen Soldaten.

Gezeigt wurden auch Filme: „Europas vergessene Sieger“ von Susanne Sterzenbach, „Als Haren Maczków hieß“ von Jürgen Hobrecht  und „Konspirantinnen“ von Paul Meyer. Besonders interessant wirkte die Gegenüberstellung der beiden letzten Filme. Der erste von ihnen beschäftigt sich mit der Zeit, als 1945 die Deutschen ihr Städtchen Haren für drei Jahre verlassen mussten, damit die polnischen Displaced Persons - zum Teil die Insassen der sich in der Gegend befindenden zahlreichen Lager - in ihre Häusern einziehen konnten: 1995 kommen nach Haren fünf der damaligen polnischen Bewohner von Maczków - so hieß die Stadt Haren unter der polnischen Verwaltung -, die dort ihr Abitur gemacht haben, und treffen die Deutschen, die es pflegen, sich an die Zeit der polnischen Herrschaft als an etwas äußerst Schlimmes zu erinnern. In „Konspirantinnen“ wird das Schicksal der polnischen Soldatinnen der Heimat Armee (Armia Krajowa - die größte, 350 000 Mitglieder zählende, militärische Untergrundorganisation im besetzten Polen) geschildert, die sich an dem Warschauer Aufstand im Jahre 1944 beteiligt haben und als Kriegsgefangene bis kurz vor dem Kriegsende im Lager Oberlangen gefangen gehalten worden sind. Zum Schluss sieht man die Hauptstadt Polens, die nach dem Aufstand und nach einer planmäßigen Zerstörung danach praktisch aufgehört hat zu existieren. Zwangsläufig denkt man an die Klagen der Bewohner von Haren, die es bis heute nicht vergessen können, dass diese Polen während des harten Winters 1945-1946 ein paar Möbelstücke und eine Kellertreppe verheizt haben. Und an die Wörter einer der damaligen polnischen Abiturientinnen: „Wenn das alles ist, was man uns als Besatzungsmacht vorzuwerfen hat, dann ist das ein Kompliment.“

Die Teilnehmer des Seminars waren keineswegs passiv und es gab einen interessanten Gedankenaustausch. Auch zu der kontrastreichen Filmaufführung: Warum hat man in Haren bis heute die relativ kurze und harmlose polnische Besatzung nicht verdauen können? Vielleicht, weil man als „Übermensch“, zu dem man zwölf Jahre lang erzogen worden war, auf einmal unter der Verwaltung von „Untermenschen“ stand? Oder hatte diese Erziehung etwas länger gedauert? Waren da schon nicht zuvor Bismarck und Friedrich der Große am Werk gewesen? Vielleicht dauert sie auch heute weiter an, diese Erziehung? Es ist doch noch nicht lange her, dass ein deutscher Sender Polenwitze ausgestrahlt hat und dass ein bekannter Kabarettist bereit gewesen ist, vor einem Millionenpublikum diese Witze zum Besten zu geben. Das Volk war schließlich über Jahrhunderte entsprechend erzogen worden und wurde dadurch in seiner „Überlegenheit“ nur bestätigt.

Es erlaubt jedoch einen optimistischen Blick in die Zukunft, wenn sich doch Deutsche zu einem Polen-Seminar melden, wenn sie schon im voraus etwas mehr als nur die alten Vorurteile wissen, sich sogar aktiv mit dem Thema Polen beschäftigen, und wenn als Schlusswort zu hören ist, dass jemand stark umdenken müsse und jetzt die Polen in einem ganz neuen Licht sehe.