Begegnung mit Polen seit vierzig Jahren

 

Eine persönliche Bilianz

 

Von Udo Kühn

 

Durch einen Zufall stieß ich im Jahre 1968 auf die „Monatsschrift Polen“, eine deutschsprachige Illustrierte aus der damaligen Volksrepublik Polen. Außer Vorurteilen war mir bis dahin über das Land Polen wenig bekannt. Mein Geschichtsunterricht in der Schule endete 1945 mit dem Zweiten Weltkrieg. Ich stamme weder aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, noch habe ich dort verwandtschaftliche oder berufliche Beziehungen. Ich bin auch nicht katholisch und nationale Auswüchse sind mir zuwider. Allerdings hatte ich schon früh ein starkes Interesse für Informationen und Informationssammlungen. So begann meine erste Zeitungsauschnittsammlung mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, also mit dem deutschen Überfall am 1. September 1939 auf Polen. Die Kladden mit allen bis dahin gesammelten Berichten aus dem OKW (Oberkommando der Wehrmacht) sind 1944 beim Luftangriff auf meine Heimatstadt Darmstadt verbrannt.

 

September 1970 ‘provozierte’ uns, d.h. meine Frau Gertrud und mich, die Redaktion der „Monatsschrift Polen“ mit der Frage an ihre Leser zur „Begegnung mit der Geschichte Polens“ zu einer neuerlichen Zeitungsausschnittsammlung, die sich im Laufe von drei Jahrzehnten zu einem Lebensprojekt entwickeln sollte. Drei einfache Fragen stellten wir uns zur Aufgabe:

1. Welche Informationsquellen über Polen stehen mir als „Normalverbraucher“ überhaupt zur Verfügung?

2. Welche Informationen bekomme ich von diesen Quellen geliefert?

3. Wie unterscheiden sich verschiedene Informationen über den gleichen Vorfall voneinander?

Die ersten Ergebnisse schickten wir mit einem großen Paket an die Redaktion der „Monatsschrift Polen“ nach Warschau, als unseren Beitrag zur „Begegnung mit der Geschichte Polens“ und bekamen einen Sonderpreis, d.h. eine Einladung zu einem zehntägigen Aufenthalt für den Herbst 1971 nach Polen, der entsprechend unserer Wünsche gestaltet wurde. Im „Notizbuch des Redakteurs“ (Nr. 7, 1971) stand: „Man muß hier auch mit besonderer Anerkennung die Riesenarbeit von Herrn Udo Kühn aus Wiesbaden anführen, der in fünf großen Bänden eine zeitgenössische Dokumentation der polnisch-deutschen Beziehungen aufgrund deutscher Presseberichte erstellte. Diese Arbeit ist von bedeutendem informatorischem und wissenschaftlichem Wert.“ Soweit war es damals noch nicht, wie der Chefredakteur Jerzy Piorkowski es aber voraus sah. Aber rund dreißig Jahre später konnten wir doch bereits eine positive Beurteilung in AMICUS POLONIAE, Kommentare zur Dokumentation Polen-Information, 1970 bis 2000 vornehmen. Da wurde bereits unsere Dokumentation auf dem Stand zur Frankfurter Buchmesse, Schwerpunkt Polen im Jahre 2000, des Deutschen Polen-Instituts als Datenbank der Öffentlichkeit vorgestellt. Das gesamte Material bis dahin stand und steht im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt zur Verfügung.

Was  war  in den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts bei den deutschen „Normalverbrauchern“ bezüglich ihrer polnischen Nachbarn wirklich herausragend?

- Erstens die Unterstützung der Ostpolitik von Willy Brandt in den siebziger Jahren als eine Art Volksbewegung und die breite Nutzung der neuen deutsch-polnischen Beziehungen nach Abschluss des „Warschauer Vertrags“ im Dezember 1970.

- Zweitens die humanitäre Hilfswelle breiter Bevölkerungsteile in der Bundesrepublik Deutschland für die polnische Bevölkerung in den Achtziger Jahren!

- Drittens das weitgehende Verständnis für eine Integration Polens in das „Neue Europa“.

Welche Einzelprojekte haben mich in diesem Zeitraum am meisten beeindruckt?

- Die Arbeit des „Maximilian-Kolbe-Werkes“ und von „Zeichen der Hoffnung“ bei dem Versuch einer Wiedergutmachung für die Opfer und Zwangsarbeiter aus der Zeit der deutschen Okkupation in Polen von 1939 bis 1945;

- das internationale und polnische Engagement für das „Gesundheitszentrum des Kindes“ in Warschau;

- die Resonanz auf die Ausstellungen „Polen berichtet in deutscher Sprache“;

- die weltweite Anerkennung polnischer Städterestaurierung und Restauratoren;

- die Hochachtung, die polnischen Künstlern, Schriftstellern, Film- und Theaterregisseuren entgegen gebracht wird;

- die Arbeit von Übersetzern wie Karl Dedecius und Klaus Staemmler;

- die Anerkennung des Lebenswerkes von Janusz Korczak;

- die konsequente Arbeit der „Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission“;

- die nie ermüdende Aktivität von „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“;

- das persönliche Engagement von Berthold Beitz und seiner Frau;

- die schon früh einsetzende deutsch-polnische Aktivität des Kreisjugendrings Esslingen und anderer Jugendvertretungen in Deutschland;

- die Etablierung des „Deutschen Polen-Instituts“ mit Unterstützung der Stadt Darmstadt und aller Bundesländer;

- das internationale Engagement polnischer Persönlichkeiten, wie beispielsweise von Tadeusz Mazowiecki im ehemaligen Jugoslawien als Berichterstatter der UN-Menschenrechtskommission;

- die sportlichen Leistungen polnischer Bergsteiger;

- der persönliche Einsatz meines Freundes, des polnischen Journalisten Wlodzimierz Strzyzewski, zur weltweiten Popularisierung seines „Ringo-Sports“;

- der andauernde Einsatz der „Robert Bosch Stiftung“ zur Realisierung deutsch-polnischer Kontakte.

Karl Dedecius äußerte zum Abschluss seiner Tätigkeit für das „Deutsche Polen-Institut“ in Darmstadt einmal, „wenn er an die vielen deutsch-polnischen Gesprächsforen denke, in denen er über die Jahre hinweg Zeit abgesessen hat, da liege ihm doch [für seinen Nachfolger - u.k.] die Empfehlung nahe: ‚Lassen Sie das, bleiben Sie hier zu Hause und schreiben Sie schöne Bücher.'“ (Darmstädter Echo v. 2.3. 1999).

In der Tat, an Gesprächs- und Diskussionsforen, Gesellschaften, Akademien, Vereinigungen und anderen Bemühungen das deutsch-polnische Verhältnis aufzubereiten und zu verbessern fehlt es nicht. Auch Stiftungen, die diese Bemühungen finanziell fördern, gibt es eine ganze Reihe. Resolutionen, Kommuniques, Appelle etc. wurden viele verfasst. Nicht mehr zählbare Preise, Orden, Medaillen und Doktorhüte, deutsche wie polnische, wurden verliehen.  Kränze niedergelegt, Gedenkreden gehalten, Städtepartnerschaften gegründet, Jugend und Kultur ausgetauscht.

Woran mag es dann aber liegen, dass immer noch - oder schon wieder - eine Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen von Politikern und Experten beschworen wird?

Ich denke, das deutsch-polnische Verhältnis nachhaltig zu verbessern und zu stabilisieren ist mühsame und ausdauernde Kleinarbeit!

2000 begann auch die Zusammenarbeit mit POLEN und wir in Form einer regelmäßigen Kolumne zu den deutsch-polnischen Beziehungen, wobei wesentlich das gesammelte dokumentarische Material Verwendung findet. Und in diesem Jahr waren bis zu uns in den „dicken“ Odenwald zwei Doktoranden gedrungen, einer aus Polen und eine aus Marburg, wo sie ihre Doktorarbeit an der dortigen Universität erstellt. Sie wurde hier fündig bei der Sichtung der „Grauen Literatur“ aus den siebziger Jahren, die wahrscheinlich sonst nirgendwo mehr vorhanden ist. Natürlich nimmt die Nutzung der Dokumentation im Deutschen Polen-Institut auch zu; also alles in allem eine sehr positive Entwicklung, die wir vor vierzig Jahren kaum für möglich gehalten hätten.

 

Udo Kühn ist der Begründer der Dokumentation Poleninformation, die heute im Deutschen Polen Institut Darmstadt öffentlich zugänglich ist.