Zum Tode von Harri Czepuck

By | 6. Oktober 2015

Journalistischer Anfang

in der polnischen Kriegsgefangenschaft

Aktiv für die deutsch-polnische Verständigung

Von Karl Forster

Harri Czepucks Leben war auf vielfältige Weise mit den deutsch-polnischen Beziehungen verbunden. In drei deutsch-polnischen Gesellschaften wirkte er für Verständigung mit den Nachbarn.

Geboren wurde Czepuck 1927 im damaligen Breslau (nicht Wrocław, wie ND-Chefredakteur Tom Strohschneider in seinem Nachruf fälschlich schrieb). Sein Vater war als Kommunist von den Nazis verhaftet worden. Er selbst wurde, noch bevor er sich politisch engagieren konnte, als 17jähriger zum Kriegsdienst eingezogen, im Sommer 1944. Nur wenige Monate später, im April 1945 fand er sich in der Schlacht bei Halbe, südlich Berlin, wo er in sowjetische Kriegsgefangenschaft ging. Seine erste Station war Sagan (heute Żagań, Wojewodschaft Lebus), ein vormals deutsches Kriegsgefangenenlager, später ging es weiter nach Osten. In der Folge des sogenannten Potsdamer Abkommens entstand Polen in neuen, westlich verschobenen Grenzen. Und eine Vereinbarung zwischen der neuen polnischen und der sowjetischen Regierung besagte, dass alle, sich am 2. August 1945 auf den neuen polnischen Gebieten befindlichen deutschen Kriegsgefangenen „künftig in polnischem Gewahrsam für Reparationen oder Wiedergutmachung – wie immer man das offiziell auch bezeichnen mochte – zu arbeiten hätten“. (zitiert nach „Meine Wendezeiten“, Harri Chepuck 2008). „Die Polen traten uns gegenüber als Sieger auf. Man konnte es ihnen nicht verdenken“, schrieb Harri Czepuck in seinen Erinnerungen weiter. „Mit der Übernahme der Bewachungsoberhoheit durch polnische Truppen hatte zunächst und zwar auf Jahre hinaus generell jegliche politische oder kulturelle Betätigung der deutschen Kriegsgefangenen zu unterbleiben. Es gab für uns offiziell keine Zeitungen, auch keine polnischen, und es gab, was für uns alle schwer wurde, ein absolutes Briefschreibverbot. Wir hatten Wiedergutmachung zu leisten und nicht zu politisieren“.

Knurów (westlich von Kattowice) hieß eine weitere Station für Czepuk. Hier mussten die Kriegsgefangenen im Bergbau arbeiten. In seinem Buch schildert er anschaulich die Lebensbedingungen. Literarisch verarbeitet wurde die Situation deutscher Kriegsgefangener übrigens in dem Roman (und später Film) „Der Aufenthalt“ von Hermann Kant, der ebenfalls in polnischer Kriegsgefangenschaft war und den Harri Czepuck dort kennenlernte.

Im März 1948 änderte sich plötzlich die Situation für Czepuck. Er wurde nach Warschau transportiert, wo ihm mitgeteilt wurde, dass er nun zu einer Gruppe gehöre, welche den Kern einer Zentralen Selbstverwaltung der etwa 40.000 deutschen Kriegsgefangenen in Polen bilden. Informationsvorträge über die Geschichte, aber auch über die aktuelle Entwicklung in Deutschland beziehungsweise seinen Besatzungszonen gehörten dazu. Aber auch die Arbeit an einer Zeitung für die Kriegsgefangenen mit dem Titel „Die Brücke“. Hier konnte Czepuck, wie er später schrieb, seine ersten journalistischen Erfahrungen erwerben, „wie andere z.B. Manfred Gebhardt, Hermann Kant, Werner Land auch“. Czepuck: „Natürlich waren unsere ersten Beiträge manchmal hölzern. Es gelingt nicht immer, ein Thema, das man wiederholen muß und will, literaturpreisverdächtig abzuhandeln“.

webCzepuk_WendezeitenZum 60. Jahrestag der „Brücke“ schrieb Czepuck: „Die Schwierigkeit bestand zunächst darin, dass außer Karl Wloch, von dem wohl auch die Idee für den Titel „Die Brücke“ stammte, niemand eine Ahnung vom Zeitungsmachen hatte. Nur einer aus der Selbstverwaltung hatte schon mal Zeitungsgeruch in der Nase gehabt: Werner Land, gelernter Schriftsetzer und später in der DDR stellvertretender Chefredakteur der „Berliner Zeitung“. Der wurde von Wloch in Warschau als erster Chefredakteur eingesetzt. Im Übrigen wurden vor allem ein paar junge Leute ausgewählt, darunter Hermann Kant und ich, zu denen später Manfred Gebhardt (in der DDR lange Chefredakteur des „Magazin“) und andere stießen.“

Hier in der Redaktion der „Brücke“ erfuhr Czepuck auch von der Gründung der „Hellmut- von-Gerlach-Gesellschaft“, der ersten deutsch-polnischen Gesellschaft, der sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland auch anschloss.

Im Sommer 1949 war das Thema Kriegsgefangenschaft für Harri Czepuck erledigt, er kam zurück in die Heimat. Doch die Arbeit bei der Brücke hat nachgewirkt. Er wollte eine Ausbildung als Journalist absolvieren. Beim „Neuen Deutschland“ begann er ein Volontariat. Zehn Jahre später war er der erste Korrespondent des ND in Bonn, 1966 wurde er stellvertretender Chefredakteur, ein weiteres Jahr später Vorsitzender des „Verbandes der Deutschen Journalisten“.

Doch 1972 geriet Czepuck in Konflikt mit dem damaligen ND-Chefredakteur Herrmann – und wurde abgesetzt, später drängte Herrmann ihn auch beim Journalistenverband zum Rücktritt.

Die Hellmut-von-Gerlach-Gesellschaft war bereits 1953 in der DDR wieder aufgelöst worden, doch viele Mitstreiter, so auch Czepuck, fanden sich in der „Liga für Völkerfreundschaft“. Als im April 1990 in Berlin die „Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen in der DDR“ gegründet wurde, war Harri Czepuck von Anfang an dabei. Ebenso, als diese Gesellschaft 1992 der ostdeutsche Regionalverband der „Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland“ wurde. Und so ergab es sich, dass er den vakanten Posten des Chefredakteurs der Zeitschrift „POLEN und wir“ in den 90er Jahren einige Jahre lang übernahm.

Am 14. Juni 2015 starb Harri Czepuck in Berlin.